zum Hauptinhalt
Tagesspiegel-Kolumnist Michael Wiedersich.
© Privat
Tagesspiegel Plus

Radkolumne „Abgefahren“: Hilfe, ich bin ein Fahrrad-Messie!

Unser Kolumnist sammelt alles, was mit Fahrrädern zu tun hat. Was bei ihm Glücksgefühle auslöst, lässt andere ratlos zurück.

Von Michael Wiedersich

Zugegeben, ich bin ein Messie, wenn auch einer der besonderen Art. Von Dingen, die auch nur entfernt etwas mit Radfahren zu tun haben, kann ich mich ganz schwer trennen. Selbst bei der kleinsten Schraube denke ich immer, man könne sie noch für irgendetwas gebrauchen. Zwar passiert das bekanntermaßen eher selten, aber das Glücksgefühl, wenn der Fall der Fälle wirklich eintrifft, ist unbeschreiblich.

Im Laufe der Jahrzehnte hat sich einiges angesammelt. Selbst mehrere Wohnungsumzüge haben diverse alte Fahrradteile unbehelligt überstanden. Unser Keller ist voll mit Zeug, von denen die Kulturbeauftragte des Hauses der Meinung ist, dass das eigentlich weg kann. Aber sie hat keine Ahnung. Denn zu vielen Dingen gibt es Erinnerungen, schöne und auch schmerzhafte.

In einer Kiste schlummern zum Beispiel Schaltungen aus den 80er und 90er Jahren des vorherigen Jahrhunderts. Meist sind sie sogar kaputt. Eine wurde bei einem Sturz im Radrennen in der Müllerstraße zerstört. Gerade einmal eine Woche alt war sie damals und von mühsam erspartem Geld gekauft. Das Rundstreckenrennen im Wedding gibt es schon lange nicht mehr.

Im Keller unseres Kolumnisten stapelt sich so einiges.
Im Keller unseres Kolumnisten stapelt sich so einiges.
© Michael Wiedersich

Wenn ich aber den verdrehten Schaltarm ansehe, erinnere ich mich gleich wieder an die Runde am Leopoldplatz und den Bodenkontakt. Am Ende der Gegengerade mit Kopfsteinpflaster bin ich damals sehr optimistisch in die Kurve gegangen, mit der Pedale in Schräglage hängengeblieben und schön auf der rechten Körperseite lang gerutscht.

Die Wunde am Becken und die zerschlissene Hose empfand ich nicht als große Probleme. Aber dass der Schaltarm der neuen Schaltung mit den Speichen des Hinterrades eine symbiotische Kunstperformance eingegangen war, macht mich heute noch ganz traurig.

Die originalen Seidentrikot vom Sechstagerennen 1982 waren leider verschimmelt

Sehr lange hatte ich auch eine Tasche, in der ich originale Seidentrikots vom Sechstagerennen in der Deutschlandhalle aufbewahrte. Sie lagerten dort seit 1982 und waren ein Geschenk meines Trainers, kurz bevor er starb. Als mir die Tasche bei einem Umzug in die Hände fiel, musste ich mich schweren Herzens von den Erinnerungsstücken verabschieden. Die Trikots waren inzwischen teils verschimmelt und teils als solche nicht mehr zu erkennen, Sammlerpech eben.

Wenn der familiäre Druck zu groß wird, trenne ich mich ab und an von einigen meiner Exponate. Sie kommen jedoch nicht in den Müll. Vielmehr lagere ich sie in einem Karton, auf dem „ZUM VERSTEIGERN“ drauf steht. Vor einigen Jahren fand so eine komplett verdrehte und deswegen unbrauchbare Campagnolo Super Record-Schaltung mit dem Prägedatum 1980 einen neuen Besitzer. Stolze 40 Euro war ihm dieses Stück Radsport-Geschichte wert, keine Ahnung, was er damit vorhatte.

Neulich hat mich die Kulturbeauftragte wieder auf meine Artefakte-Sammlung im Keller angesprochen. Nachhaltigkeit war dabei das Thema. Da müsse man mal aufräumen und die vielen Sachen zurück in den Werkstoffkreislauf bringen, am besten auf den Müllhof.

Das trieb mir Angstschweiß auf die Stirn und brachte mich auf eine Idee. Ich habe sehr viele alte Fahrradreifen, die ich, obwohl schon durchgefahren, emotional nicht in den Hausmüll entsorgen kann. Daraus werde ich mir demnächst total nachhaltig selbst Gürtel schneidern. Die kann man immer mal gebrauchen, dürfen dann im Kleiderschrank hängen und so schwer kann die Herstellung nicht sein. Die Lochzange für die Gürtellöcher habe ich bestellt.

Zur Startseite