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Tagesspiegel-Kolumnist Michael Wiedersich.

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Radkolumne „Abgefahren“: Unerwarteter Geldregen in Storkow

Unser Kolumnist hat sich nach überstandener Coronainfektion wieder für eine Rundfahrt angemeldet. Dabei kam es zu einem ungewöhnlichen Zwischenfall.

Am letzten Wochenende stand nach Corona und dem behutsamen Wiederaufbau der sportlichen Fitness nun auch die Rückkehr ins pralle Leben bevor. Als vorsichtiger Mensch hatte ich mir aber weder das Musikfestival Tempelhof Sounds noch die Fahrradsternfahrt des ADFC für das Comeback unter Leuten ausgesucht. Nein, der sensible Radsportkörper muss langsam wieder an größere Menschenansammlungen gewöhnt werden. Was lag da näher, als bei der 30. Radtourenfahrt „Vor den Toren Berlins“ in Königs Wusterhausen zu starten.

Der Tag begann bereits früh morgens um 5.45 Uhr. Da die Kulturbeauftragte des Hauses derzeit im bayrischen Ausland weilt, musste ich mich um die Nahrungszubereitung selbst kümmern und entsprechend viel Zeit einplanen. Mit leichter Verspätung von nur 20 Minuten brach ich Richtung Südosten auf.

Stimmung wie in Tempelhof, nur ohne Erdbeben

Um die Bahn nicht unnötig zu verstopfen, fuhr ich die 38 Kilometer mit dem Rad. Und obwohl ich die Strecke bereits mehrfach gefahren bin, verirrte ich mich zweimal. Ich kam ins Grübeln: Könnte die Orientierungslosigkeit eine noch unbekannte Folge der Covid-Infektion sein? Glücklicherweise war auf den satellitengesteuerten Radcomputer Verlass. Das kleine Wunderwerk der Technik leitete mich schließlich auf direktem Weg zum Start- und Zielbereich ins Stadion der Freundschaft.

Nach Begleichung der Startgebühr bekam ich die Startnummer 42. Als Douglas-Adams-Fan natürlich genau die richtige Zahl, ist sie doch die Antwort auf die Frage nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest. Auf dem Platz vor der Sporthalle war Festivalstimmung, fast wie in Tempelhof, nur ohne Erdbeben. Knapp 200 erwartungsfreudige Radfahrer*innen wollten auf drei verschieden langen Strecken die Gegend zwischen Storkow, Groß Wasserburg und Königs Wusterhausen erkunden. Ich hatte mich für die Mittelstrecke über 117 Kilometer entschieden. Denn nach dem Hinweg per Rad sah ich es als Ehrensache an, auch wieder mit dem Rad nach Hause zu fahren. Es sollte ein langer Tag werden.

Schnell entwickelte sich aus der Radtourenfahrt eine Rad-Tempo-Fahrt. Das Display des Radcomputers zeigte streckenweise über 40 km/h an. Einige „Radtouristen“ nahmen die Sache offensichtlich etwas ernster und ich mittendrin. Die Atmung wurde schwerer und der Puls stieg, abhängen lassen wollte ich mich jedoch auch nicht.

Kurz hinter Storkow flogen mir wie aus dem Nichts Geldscheine entgegen. Erst dachte ich an eine Folge des Sauerstoffdefizits meines Gehirns. Doch auch die anderen Mitfahrer hatten den kleinen Geldregen bemerkt. Einer aus der Führungsgruppe gab sich wohl lieber dem Rausch der Geschwindigkeit hin als auf seine Geldbörse zu achten.

Guter Windschatten ist unbezahlbar

Die Überlegung, anzuhalten, die Scheine aufzusammeln und sich damit noch einen schönen Tag zu machen, verwarf ich schnell. Und offenbar war ich mit meiner Entscheidung nicht allein. Auch die anderen zogen den Windschatten der Gruppe dem schnöden Mammon vor, die Tempohatz ging weiter.

Glücklicherweise beruhigten sich aber alle irgendwann wieder. Mit leichtem Rückenwind ging es von Halbe zurück nach Königs Wusterhausen. Dort belohnte ich mich mit Kuchen und Cola, bevor es mit einer kleinen Extra-Schleife zurück nach Hause ging. Am Ende des Tages standen 200 Kilometer auf der Uhr. Und die Erkenntnis, dass für einen Radfahrer guter Windschatten eben unbezahlbar ist.

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