Radkolumne „Abgefahren“ : Vorfahrt für die Vorsicht

Die ersten Radrennen starten wieder. Unser Kolumnist bleibt trotzdem noch auf Abstand – zu Mitfahrern und Kuchen.

Michael Wiedersich
Tobias Nolde gewann das erste offizielle Geister-Radrennen in Deutschland.
Tobias Nolde gewann das erste offizielle Geister-Radrennen in Deutschland.Foto: Imago

Michael Wiedersich ist Sportjournalist und Radsporttrainer. Hier schreibt er im Wechsel mit Läuferin Jeannette Hagen.

Die Geister sind nun auch im Radsport angekommen. Denn nach den Fußballprofis der Bundesliga haben die Radrennfahrer ganz offensichtlich keine Lust mehr auf den Spuk um das Coronavirus. Am vergangenen Wochenende fand auf dem Sachsenring das erste offizielle Geister-Radrennen in Deutschland statt. Live dabei sein durften aber weder Gespenster noch Zuschauer.

Nur die knapp 50 Vertragsfahrer und Mitglieder der Nationalmannschaft sowie deren Betreuer und die Offiziellen hatten Zutritt zur Rennstrecke bei Hohenstein-Ernstthal. Die ganz großen Namen der Branche fehlten. Weder der Deutsche Meister Maximilian Schachmann noch der Tour-Vierte Emanuel Buchmann oder der Klassikerjäger John Degenkolb standen auf der Startliste. Mit Tobias Nolde vom Team P&S Metalltechnik gab es nach 120 Kilometern jedenfalls einen realen und verdienten Sieger.

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Schon am kommenden Sonntag soll es im Brandenburgischen weiter mit der Rückkehr in die Normalität gehen. Dort dürfen dann erstmals die Jedermann-Rennfahrer um Ruhm und Ehre streiten. Der Brandenburger Sport-Club Süd veranstaltet ein Einzelzeitfahren über 13 Kilometer. Einer meiner Fahrer ist schon ganz aufgeregt, dass es für ihn wieder losgeht. Seit dem Beginn des Lockdowns hat er sich in Form gehalten. Anfangs absolvierte der Familienvater das Training zu Hause in seiner Dachkammer auf dem Heimtrainer, dann immer häufiger draußen auf der Straße. Und das, ohne zu wissen, ob es in diesem Jahr überhaupt noch ein Rennen für ihn geben wird. Aber er hat weitergemacht und Familie, Beruf sowie den Sport unter einen Hut gebracht, als wenn nichts gewesen wäre.

Beim Einzelzeitfahren hat das gemeinste Virus fast keine Chance

Das Einzelzeitfahren ist übrigens eine Radsport-Disziplin, die absolut konform mit den Coronavirus-Regeln durchgeführt wird. Gestartet wird einzeln mit Zeitabstand, im Windschatten des Vordermannes zu fahren, ist verboten und führt zur Disqualifikation. Beim Überholen müssen mindestens zwei Meter Seitenabstand eingehalten werden. Da hat selbst das gemeinste Virus fast keine Chance, jemanden zu infizieren.

Offenbar in der Normalität angekommen sind seit Längerem die Hobby-Radler, die am Wochenende ihre Runden im Umland drehen. Die Schar derer, die sich gemeinschaftlich gegen den brandenburgischen Wind stemmen, wird sichtbar größer. Auch auf den Selfies in den sozialen Netzwerken vom obligatorischen Stopp beim Bäcker-Hotspot sieht man eine deutlich größere Anzahl gut gelaunter Radfahrer als noch vor zwei Wochen. Der Mundschutz wurde wahrscheinlich extra für das Bild kurz in der Trikottasche verstaut.

Ich selbst bin hin- und hergerissen und zudem ein ganz klein wenig ängstlich. Hat Chefvirologe Christian Drosten nicht gerade mit den Aerosolen einen neuen Verbreitungsherd für das Coronavirus ausgemacht? Und was ist mit den vereinzelten Geschichten, dass sogar ehemals kerngesunde Leistungssportler mit den Folgen ihrer Covid-19-Erkrankung zu kämpfen haben? Ich zumindest habe beschlossen, einfach weiter vorsichtig zu sein und fahre nur mit maximal einem Trainingspartner. Aber die anregenden Gespräche in einer größeren Gruppe Gleichgesinnter vermisse ich schon sehr. Und die Fachsimpelei nach dem Training bei einem guten Stück Kuchen und einem Cappuccino beim Bäcker-Hotspot.

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