• Revolutionärer Vorschlag: Dopingbekämpfung: Muss künftig der Sportler seine Unschuld beweisen?

Revolutionärer Vorschlag : Dopingbekämpfung: Muss künftig der Sportler seine Unschuld beweisen?

Doping hat die Glaubwürdigkeit des Sports zerstört. Der Philosoph Gunter Gebauer bringt einen völlig neuen Ansatz ins Spiel.

Das schöne Bild des Sports ist in Mitleidenschaft gezogen worden.
Das schöne Bild des Sports ist in Mitleidenschaft gezogen worden.Foto: dpa

Unprätentiöser kann der äußere Rahmen kaum sein, um die ganz großen Probleme des Sports zu diskutieren. Ein alter Diaprojektor steht in dem kleinen Raum und alte Regale mit haufenweise Strafgesetzbüchern. Zu dem Interieur passt es gut, dass die meisten der Protagonisten des am Dienstag stattfindenden Humboldt-Sportgesprächs am Berliner Bebelplatz auch schon etwas in die Jahre gekommen sind. Gerhard Treutlein, 77, Elk Franke, 75, Gunter Gebauer, 74, Wolfgang Schild, 71, diskutieren mit dem Sportmediziner Perikles Simon, 45 Jahre jung, über die Frage, ob es Alternativen zur aktuellen Dopingbekämpfung gibt.

Spielverderber der Runde ist dann auch der junge Sportmediziner. Aber das war abzusehen. Simon hatte im vergangenen Jahr etwas beleidigt seinen Rückzug aus der Anti-Doping-Forschung angekündigt. Auch am Dienstag sagt er: „Ich habe resigniert.“ Anti-Doping-Kontrollen vergleicht er „mit einem Elchtest, der vom Elch gemacht wird“. Denkanstöße, wie zum Beispiel eine gegenseitige Kontrolle durch einen Zusammenschluss der Athleten selbst, lehnt er ab. „Das würde die Athleten überfordern“, sagt er. Und überhaupt: „Das Hase-Igel-Spiel hat sich verändert. Die Spielwiese ist größer geworden, es gibt mehr Fouls und vor allem mehr unentdeckte Fouls.“ Simon führt die Raffinesse von Designer-Steroiden und körpereigenen Dopingsubstanzen auf. „Ist meist nicht detektierbar.“ Sprich: Der Kampf gegen Doping ergibt keinen Sinn, egal, ob er von den Verbänden, den Sportlern selbst oder – die Idealvorstellung – von völlig unabhängigen Instanzen geführt wird.

Es ist eine traurige Bilanz, zu der Simon nach all den Jahren seiner Arbeit gekommen ist. Deswegen ist es gut, dass am Dienstag auch der Sportphilosoph Gunter Gebauer am Tisch sitzt. Er hatte es über all die Jahre einfacher, weil er sich nicht wie Simon an den Realitäten abmühen musste, an verkrusteten Verbandsstrukturen, fehlenden Geldern, Abhängigkeiten und Interessenkonflikten. Gebauer kann Gedanken entwickeln, jene, die es nicht gut mit ihm meinen, würden sagen, er kann Luftschlösser kreieren. Für das große Dopingdilemma hat er jedenfalls eine Idee: Er will das ganze Anti-Doping-System umkehren.

Künftig sollen, so seine Vorstellung, nicht mehr Verbände oder Sportgerichte die Schuld der Sportler nachweisen, sondern vielmehr die Sportler ihre Unschuld nachweisen. Gebauer schwebt ein zertifiziertes Lizenzierungsverfahren vor, in dem jeder Sportler verpflichtend teilnehmen muss, wenn er in einem bestimmten Wettkampf startet. Wer nicht Teil des komplexen Lizenzierungsverfahren ist, ist raus. Gebauer also fordert die Umkehr der Beweislast. In einem Kreis von Anwälten habe er für die Idee viel Zuspruch bekommen, erzählt er.

Sportler müssen selbstbestimmter werden

Fraglos gestaltete sich das große Dilemma des Sports einfacher, hätten mehr Akteure so gehandelt wie Gerhard Treutlein. Der Trainer, Pädagoge und Anti-Dopingkämpfer berichtet am Dienstag in der Humboldt-Universität von abenteuerlichen Erlebnissen, die ihm in seiner langjährigen Tätigkeit auf unterschiedlichen Feldern des Sports widerfahren sind. Er erzählt vom sportsoziologischen Forum 1972 in München, als er den hochrangigen DDR-Sportfunktionär Günter Erbach auf einen etwaigen Zusammenhang zwischen Anabolika und dem Leistungssprung speziell der DDR-Schwimmerinnen ansprach. „Der ist mir dort fast an den Kragen gegangen“, berichtet Treutlein, der später herausfinden sollte, dass im Zuge der Veranstaltung der Auslandsgeheimdienst ihn observierte.

Auch schrieb Treutlein in den achtziger Jahren einen Aufsatz über die Abhängigkeit und Fremdbestimmung von Frauen in der Leichtathletik. Ein damaliger DLV- Bundestrainer hatte ihm in diesen Jahren einmal gesagt, dass das Verhältnis zwischen einem Trainer und seiner Athletin analog zu dem des Zuhälters zu seiner Prostituierten sein müsse. Speziell die Sportlerinnen waren in der DDR wie in der Bundesrepublik ihren Trainern, den Funktionären treu ergeben. Nicht nur im Osten wurde, gründend auf diesem Beziehungsverhältnis, eklatanter Dopingmissbrauch betrieben. Auch in der Bundesrepublik.

Treutlein hat die finsteren Ecken des Sports miterlebt und auch in seinen jungen Jahren als Trainer nie die Scheu abgelegt, sich mit dem organisierten Sport anzulegen. So war es in all den Jahren und ist auch am Dienstag sein zentrales Anliegen, dass Sportler selbstbestimmt und vor allen Dingen gut informiert sein sollten. Das ist dann auch der Konsens, den die Herren finden können. Der Sportmediziner Simon geht sogar so weit und fordert, auf die Hälfte der teuren Dopingproben in Deutschland zu verzichten und stattdessen die gesparten finanziellen Mittel für die Doping-Prävention aufzuwenden. „Das bringt viel mehr.“

Vielleicht hat der Mann recht. Doch dürfte das große Dilemma des Sports damit nicht gelöst sein. Denn Gebauer bringt den Kern des Problems schön auf den Punkt: „Wettkampf bedeutet immer auch, den anderen auszutricksen.“

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