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Ben Sahar, 23, wechselte zu Beginn dieser Saison zu Hertha BSC. Das Fußballspielen lernte der Israeli bei Hapoel Tel Aviv. 2006 wechselte er dann zum FC Chelsea. Nach mehreren Leihgeschäften landete er 2009 bei Espanyol Barcelona. Zuletzt war Sahar für seinen Jugendverein und den AJ Auxerre am Ball.
© Boris Streubel

Herthas Ben Sahar im Interview: "Schon komisch, dass jetzt ein Israeli hier spielt"

Herthas Stürmer Ben Sahar spricht im Interview mit dem Tagesspiegel über Auftritte im Olympiastadion, seine jüdischen Wurzeln und Training unter José Mourinho.

Herr Sahar, was bedeutet Heimat für Sie?

Es ist sehr wichtig für mich, körperlich und geistig, dass ich einen Platz habe, wo ich mich zu Hause fühle.

Haben Sie nach neun Klubs in sechs Jahren bei Hertha Ihre Heimat gefunden?

Hertha ist ein guter Ort für mich, mit wirklich guten Menschen. Und ich liebe Berlin und die Leute hier. Jetzt hängt es nur von mir ab.

In sehr jungen Jahren schienen Sie schon am Ziel angekommen zu sein: Mit 17 Jahren debütierten Sie beim FC Chelsea und in der Nationalmannschaft, als jüngster Fußballer in Israels Geschichte.

Es war verrückt. Mit 16 Jahren habe ich bei Chelsea vorgespielt, dann ging alles ganz schnell. Ich trainierte mit der Jugend, nach ein paar Monaten mit den Profis und plötzlich spielte ich dort. Es fühlte sich an wie ein Traum. Dann kam ich auch noch ins Nationalteam. Ich war ja noch so jung, das war ein kleiner Schock.

Wie war es, unter José Mourinho zu trainieren?

Er hat mich nicht anders behandelt, weil ich 17 war oder aus einem kleinen Land wie Israel kam. Nach zwei, drei Spielen sagte er mir: Jetzt gehörst du zum Team. Er war nie sauer, wenn man einen Fehler gemacht hat, hat in der Kabine nie geschrien. Über jeden Spieler kannte er eine Statistik. Man hatte nur ein Problem mit ihm, wenn einem der Wille gefehlt hat.

Fühlten Sie den Druck, dem Ruf des Wunderkinds gerecht werden zu müssen?

Der Druck war groß. Das ist bis heute so, die Leute in Israel erwarten viel, wenn sie den Namen Ben Sahar hören. Vor meinem ersten U-21-Spiel konnte ich die ganze Nacht nicht schlafen, alle Zeitungen stürzten sich auf mich, das hat mich verrückt gemacht. Wenn du mit 16 Jahren vor 40 000 Leuten spielst, musst du mental stark sein.

War es im Nachhinein viel zu früh?

Heute bin ich reifer. Damals hat es mir schon ein wenig zugesetzt. Wenn man auf so einem hohen Level ist, dann kann es so schnell nach unten gehen. Nach Chelsea ist alles andere ein Schritt zurück. Es war schwer, aber auch aufregend.

Sie wurden zum Wanderarbeiter, spielten für sechs Klubs in vier Ländern.

Das Schwierige für junge Spieler ist, dass Chelsea so viel Geld hat, sich jeden Spieler zu kaufen. Dann wird man verliehen, aber es ist schwer, sich in einem oder zwei Monaten zu zeigen. Heute sage ich jungen Spielern in Israel, sie sollten zunächst zu einem kleineren Verein und sich hocharbeiten. Aber ich habe ja jetzt einen Vertrag bis 2014 und kann hoffentlich einige Jahre an einem Ort bleiben.

Warum entschieden Sie sich für Hertha?

Ich hatte viele Angebote, aber das von Hertha war das seriöseste. Ich wusste, dass der Klub in der Zweiten Liga Angriffsfußball spielen würde, was wichtig für mich war. Vergangene Saison in Frankreich mussten wir bei Auxerre viel verteidigen, da kann man als Offensivspieler kaum seine Qualitäten zeigen. Hertha ist ein großer Klub, hier kann ich mich entwickeln. Und mein Berater sitzt in Berlin.

Es gibt so viel zu sehen, nicht nur mit jüdischem Hintergrund

Ist es für einen Israeli etwas anderes, nach Deutschland zu wechseln als nach England oder Spanien, gibt es da Nachfragen?

Nein. Alle wissen, dass die Bundesliga eine richtig gute Liga in Europa ist. Was in der Vergangenheit passiert ist, war in der Vergangenheit, heute sind die Beziehungen zwischen Israel und Deutschland ja gut. Natürlich werden die älteren Leute nie vergessen, was sie erlebt haben, aber heute gibt es eine andere Generation. Mittlerweile wohnen eine Menge junger Israelis in Deutschland und Berlin. Ich habe einige Freunde aus Israel hier und kenne eine Menge Cafés, die Juden gehören, aber es steht nicht immer außen dran.

Fühlt es sich seltsam an, als gläubiger Jude in einem Stadion aufzulaufen, das unter den Nationalsozialisten gebaut wurde?

Die Leute erzählen mir von der Geschichte des Olympiastadions, seit ich hier bin. Es ist schon komisch, dass jetzt ein Israeli hier spielt. Aber so kann ich den Leuten in Israel auch zeigen: Es gibt ein Leben danach, ich kann hier spielen und treffen – und sie können stolz auf mich sein.

Haben Sie sich mit der Geschichte der Stadt beschäftigt?

Ja, ich lebe in Grunewald, also habe ich mir natürlich das Mahnmal Gleis 17 angesehen. Es gibt so viel zu sehen, nicht nur mit jüdischem Hintergrund.

Haben Sie sich mit Ihrer Familie einmal über die Zeit unterhalten?

Mein Großvater ist aus einer kleinen Stadt in Polen in den Wald geflohen und so dem Holocaust entgangen. Er hat dann lange in München gewohnt und mir auch einmal ein Probetraining beim FC Bayern organisiert. Jetzt lebt er in Israel. Aber er wollte nie viel über damals sprechen.

Sie sind in Modi’in aufgewachsen, nahe des Gazastreifens. Bekamen Sie viel mit von dem Konflikt mit dem Palästinensern?

Vor einigen Monaten kamen die Raketen bis nach Tel Aviv, da wurde es gefährlicher. Ich habe viele Freunde dort, habe mich ständig bei Ihnen erkundigt und nach dem Training israelisches Fernsehen geschaut. Meine Mitspieler fragten nach. Meiner Familie ging es aber gut.

Sie haben die israelische Flagge in Ihre Schuhe genäht. Was bedeutet es Ihnen, für Ihr Land zu spielen?

Es ist jedes Mal eine große Ehre. Vielleicht hat es etwas damit zu tun, dass ich außerhalb Israels lebe, aber jedes Mal, wenn ich dort bin und dem Nationalteam helfe, fühle ich mich, als würde ich etwas zurückgeben.

Sie hatten einen schwierigen Start bei Hertha, saßen lange auf der Bank. Gegen Dresden fehlten Sie dann freiwillig im Kader, wegen des Jom-Kippur-Tages.

Das ist für uns der wichtigste Tag im Jahr, da wird gefastet. Ich habe lange mit meinem Berater gesprochen, was ich mache. Ich habe mir gesagt: Die Chance zu spielen kann noch öfter kommen, aber ich muss den Tag, mich selbst, Israel und meine Kultur respektieren. Kein Israeli im Ausland spielt am Jom-Kippur-Tag, das käme sehr schlecht an.

Sind Sie religiös?

Ich bin religiös, aber nicht in allen Dingen. Ich gehe an Feiertagen in die Synagoge und esse zu Hause koscher. Aber auf Reisen geht das nicht immer, da esse ich auch Hühnchen oder Rind. Man kann nicht immer hundert Prozent perfekt sein, aber ich tue, was ich kann.

Fühlen Sie immer noch, dass Sie die Erwartungen erfüllen müssen, die Sie zu Beginn Ihrer Karriere geweckt haben?

Natürlich sind da noch Erwartungen. Die Leute in Israel erhoffen sich eine Menge von dir, wenn du es einmal hoch geschafft hast. Wenn es dann nach unten geht, dann wollen sie dich wieder oben sehen.

Machen Sie sich da Druck?

Ich erwarte jeden Tag viel von mir. Für mich und die Mannschaft ist es das wichtigste, wieder in der Bundesliga zu spielen. Da haben wir noch eine Menge Arbeit vor uns.

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