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Klarer Fingerzeig. Sheraldo Becker ist beim 1. FC Union inzwischen absoluter Leistungsträger.
© Imago/Michael Taeger

Unions Stürmer überragt gegen Hertha: Sheraldo Becker hat sich in Köpenick zum Anführer entwickelt

Stürmer Sheraldo Becker sprach schon von Abschied – inzwischen ist er beim 1. FC Union unverzichtbar geworden. Das zeigte sich einmal mehr im Derby.

Nach seinem ersten Bundesliga-Tor rannte Jordan Siebatcheu zu den Union-Fans hinter dem Tor und jubelte, wie er immer jubelt. Mit erhobenen Daumen streckte er die beiden Zeigefinger nach innen, um aus seinen Händen ein „H“ zu formen. Eine halbe Sekunde später stand Sheraldo Becker an seiner Seite und machte ihm die Geste nach.

Schon ein paar Tage zuvor hatte Siebatcheu die Bedeutung seines Jubel-Markenzeichens erklärt. Die Berührung der zwei Zeigefinger sei eine Geste des Zusammenhalts, sagte der neue Stürmer des 1. FC Union. Mit seiner Familie, mit seinen Freunden, mit seinen Fans und schließlich auch mit seinen Mitspielern.

Von daher passte es, dass Becker die Geste wiederholte. Denn schon nach einigen Wochen scheint Unions neues Sturmduo ein sehr gutes Verhältnis entwickelt zu haben. Dass Siebatcheu das erste Tor beim 3:1 gegen Hertha BSC erzielen konnte, hatte er vor allem dem guten Zuspiel von Becker zu verdanken. Die Flanke und der Kopfball setzten den Ton für einen fulminanten Derby-Sieg der Köpenicker. „Es funktioniert noch nicht alles, aber ich glaube sie haben heute schon angedeutet, welche Fähigkeiten sie besitzen und haben“, sagte Trainer Urs Fischer nach dem Spiel.

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Als Neuzugang war es natürlich Siebatcheu, der im Nachgang die Aufmerksamkeit auf sich zog. Doch der Motor von Unions starkem Offensivauftritt war Becker, der eine überragende Leistung nicht nur mit seinem Assist zum 1:0, sondern auch mit einem Tor in der zweiten Halbzeit krönte. Rechts, links, vorne, hinten: der surinamische Nationalspieler lauerte am Samstag scheinbar überall, zeigte sich zudem auch selbstlos in seiner Arbeit gegen den Ball. Damit setzte er seine brillante Form aus dem Frühling fort.

Es ist eine bemerkenswerte Transformation, die Becker in den vergangenen Monaten hingelegt hat. Vor knapp einem Jahr galt er noch als Sorgenkind, sprach im Herbst 2021 wegen fehlender Einsatzzeit sogar von einem Abschied. Nach dem Abgang von Max Kruse blühte er aber in der Rückrunde auf und trug mit seinen starken Leistungen maßgeblich dazu bei, dass Union sich für die Europa League qualifizieren konnte.

Jordan Siebatcheu harmonierte schon prächtig mit Becker, der neue Stürmer traf zum 1:0.
Jordan Siebatcheu harmonierte schon prächtig mit Becker, der neue Stürmer traf zum 1:0.
© Imago/Matthias Koch

Als Ruhepol galt er zumindest in der Öffentlichkeit aber immer noch nicht. Dafür war die Wahrnehmung seiner Rolle zu sehr von anderen Sachen geprägt: seinem kleinen Wutausbruch nach der Auswechslung gegen Köln im April, oder den vielen Gerüchten über einen Wechsel im Sommer. Dass der Flair-Spieler Becker langfristig mit dem eher puritanischen Fußball eines Urs Fischer vereinbar sein könnte, galt als unwahrscheinlich.

Doch wie sich jetzt zeigt, dürfte das eine Fehleinschätzung gewesen sein. Als er beim Derby im April in den Katakomben des Olympiastadions einen sehr warmen Moment mit seinem Trainer teilte, sprach das eine andere Sprache. Schon damals wollte Fischer den Spieler nicht öffentlich kritisieren, und schon damals sprach Becker in einem Tagesspiegel-Interview davon, dass er sich eine Vertragsverlängerung gut vorstellen könne.

Das ist inzwischen passiert, Becker soll nun bis 2025 an Union gebunden sein. In der gerade angelaufenen Saison dürfte er dabei auch immer mehr zum Führungsspieler werden. Vor einigen Wochen wurde er in den Mannschaftsrat gewählt, und erst in der vergangenen Woche schwärmte Siebatcheu davon, wie sehr Becker ihm bei der Eingewöhnung in Berlin geholfen habe.

Becker hat seinen Vertrag inzwischen bis 2025 verlängert

Beckers Aufstieg zum Leader sollte aber keinen überraschen. Denn das war in der Vergangenheit immer wieder ein Erfolgsgeheimnis der Köpenicker. Nicht nur, dass sie Neuzugänge wie Siebatcheu schnell in die Mannschaft integrierten, sondern auch, dass viele Spieler zu verlässlichen Führungskräften entwickelt werden konnten. In manchen Fällen, wie etwa bei den Bundesliga-Legionären Robin Knoche oder Rani Khedira, war dieser Prozess schon bei der Ankunft absehbar. Bei anderen, wie Grischa Prömel, Max Kruse oder jetzt eben Becker, war es weniger selbstverständlich.

So hat es Union auch geschafft, trotz der vielen Kader-Umbrüche die Stabilität beizubehalten und die Kräfteverhältnisse im Berliner Profifußball auf den Kopf zu stellen. Nach Herthas vierter Derbyniederlage in Folge sprach Trainer Sandro Schwarz davon, dass er mehr „Bereitschaft“ und „gegenseitige Unterstützung“ von seinem Team verlangt. „Das hat der Gegner heute gemacht. Du siehst diese Dynamik, dass sie als Gruppe gewachsen sind“, sagte er anerkennend über Union.

Der Zusammenhalt stimmt eben. Sowohl auf dem Platz als auch in der langfristigen Entwicklungskurve. Das hat nicht nur Jordan Siebatcheu mit seiner Jubelpose am Samstag unterstrichen, sondern auch Sheraldo Becker.

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