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Extremsport. Die Bobfahrer erreichen weit über 100 km/h.

© picture-alliance / dpa/dpaweb

Tagesspiegel Plus

Suizidserie im Bobsport: Der Ritt auf der Kanonenkugel

Im nordamerikanischen Bobsport häufen sich Selbstmordfälle. Ist dies nur Zufall? Ein deutscher Profi vermutet, dass dies mit einer bestimmten Bahn zusammenhängen könnte.

Der Berliner Eric Franke kennt die Bobbahn in Lake Placid im US-Bundesstaat New York genau. Oft genug hat der Anschieber sich und seine Kollegen dort mit viel Schwung in die Spur gebracht. Dann ging er los, der Höllenritt mit 20 Kurven, mehr als auf jeder anderen Bahn in der Welt. Die Athleten erreichen in Lake Placid mit ihrem Gefährt ein Tempo von 120 Kilometern pro Stunde. Es wirken enorme Kräfte auf sie ein. „Diese Bahn ist hardcore“, sagt Franke. „Es ist ein Ritt auf der Kanonenkugel, wo man von oben bis unten Schläge abbekommt. Es fühlt sich extrem an und fühlt sich nicht wie Bobfahren auf anderen Bahnen an.“

Franke lebt und liebt seinen Sport. Aber der Familienvater ist sich der Gefahren bewusst, die seine Sportart mit sich bringt. Im vergangenen Jahr erwischte es auch ihn. Auf der Bahn in Altenberg kippte der Viererschlitten, in dem er sich befand, ohne erkennbaren Grund um. Der Rücken und die Rippen waren lädiert. Vier Tage später trainierte Franke wieder. Bobfahrer sind hart im Nehmen. Aber wie viel Beanspruchung kann ein Körper verzeihen?

Eric Franke stürzte im vergangenen Jahr schwer. Doch schon kurz darauf trainierte er wieder.
Eric Franke stürzte im vergangenen Jahr schwer. Doch schon kurz darauf trainierte er wieder.

© imago/Eibner

Auch Franke hat die Investigativrecherche aus der „New York Times“ gelesen, die den Bob- und Schlittensport aufgeschreckt hat. Es geht darin um ein Thema, dass bislang vor allem im American Football, im Rugby, Eishockey und auch im Fußball diskutiert worden ist: Gehirnschädigungen im Sport. Dem Artikel zufolge könnten Bob- und Skeletonfahrer sowie Rodler wesentlich davon betroffen sein.

Abwegig scheint das nicht. Die Rennsportarten auf dem Eis gehen einher mit extremen Belastungen für den Körper. In den Steilkurven und Schikanen kann die Beschleunigung kurzzeitig bis 5 G (fünffache Erdbeschleunigung) erreichen. Auch auf der Geraden sind die Athleten heftigen Erschütterungen ausgesetzt. Und dann ist da auch noch die Sturzgefahr, bei der es nicht selten zu schweren Gehirnerschütterungen kommt.

Pavle Jovanovic soll an Symptomen von Parkinson gelitten haben

Die „New York Times“ ist auf das Thema aufmerksam geworden, weil es in Nordamerika einen Zusammenhang von Selbstmorden und dem Bob- und Schlittensport geben könnte. So erhängte sich am 3. Mai dieses Jahres der frühere Bobfahrer Pavle Jovanovic im Alter von 43 Jahren. Jovanovic soll an Symptomen von Parkinson gelitten haben. Der Kanadier Adam Wood, einer der aufstrebenden Bobfahrer Ende der neunziger Jahre, wählte 2013 mit 32 Jahren den Freitod. Wood hatte in seiner Karriere viele Stürze erlebt und soll in den letzten Jahren seines Lebens eine auffällige Persönlichkeitsveränderung vollzogen haben: von einem zurückhaltenden Charakter hin zu einer Person mit häufigen aggressiven Ausbrüchen.

Drei Jahre zuvor, 2010, war bereits die US-amerikanische Legende Steven Holcomb mit 37 Jahren an einer Überdosis gestorben. Holcomb, Olympiasieger 2010, litt an Depressionen. Ein weiterer olympischer Medaillengewinner, Bill Schuffenhauer, versuchte sich 2016 das Leben zu nehmen und überlebte, weil seine Freundin ihn noch rechtzeitig mit aufgeschnittenen Pulsadern fand. Das sind die drastischen Fälle. Hinzu kommt laut des Berichts eine steigende Zahl an zurückgetretenen und teilweise noch aktiven Athleten, die an anhaltenden Kopfschmerzen und/oder großer Lichtempfindlichkeit leiden. Die Frage ist nun: Ist das alles nur ein Zufall?

Dagegen spricht, dass nur ein paar wenige hundert Athleten in Kanada und den USA dem Bob-, Skeleton- oder Rodelsport nachgehen. Die Quote an Suizid- und Krankheitsfällen dieser Sportler aus Nordamerika scheint ungewöhnlich hoch. In den USA gibt es bereits einen Begriff für typische Beschwerden, an denen die Athleten leiden - „Sledhead“, zu Deutsch: Schlittenkopf.

Noch gibt es bislang keinen Nachweis, dass einer der Bob- oder Schlittensportler an der degenerativen Hirnerkrankung CTE litt, wie das bei vielen Footballspielern der Fall war. Bewiesen sind dagegen Gehirnschädigungen an Hinter- und/oder Frontallappen, wie sie zum Beispiel bei der kanadischen Bobfahrerin Christina Smith diagnostiziert werden konnten. Die 2004 zurückgetretene Sportlerin leidet unter anderem an Depressionen und Schlaflosigkeit.

Für den deutschen Bobfahrer Eric Franke handelt es sich, wie er vermutet, wegen der grenzwertigen Bahn in Lake Placid um ein amerikanisches Problem. „Die Nordamerikaner trainieren viel auf dieser Bahn, sie absolvieren dort teilweise hunderte Läufe in der Saison“, erzählt er. „Das könnte der Unterschied sein zu den Europäern, die qualitativ andere Bahnen gewöhnt sind.“ Er selbst habe über Selbstmorde oder psychische Störungen in diesen Sportarten hierzulande nie etwas gehört. „Und spätestens, wenn jemand den Weg in den Suizid wählen würde, bekäme man das mit“, sagt er.

Die Bahn in Lake Placid zählt zu den weltweit anspruchsvollsten.
Die Bahn in Lake Placid zählt zu den weltweit anspruchsvollsten.

© picture alliance / dpa

Auch Christian Schneider hat in seiner Arbeit als offizieller Verbandsarzt des Bob- und Schlittenverbandes für Deutschland (BSD) „keine auffälligen Befunde festgestellt“. Eine medizinische Verletzungsstatistik werde für Deutschland und den Weltverband geführt, teilt er dem Tagesspiegel mit. „Die sogenannten vermuteten Concussionfälle sind seit Jahren auf sehr niedrigem Niveau stabil.“ Von dem Artikel in der „New York Times“ hält Schneider wenig. Es sei die Intention des Autors, dass die Vibrationen im Schlittensport zu Schädigungen im Gehirn führe, sagt der Mediziner. Aber diese Argumentation beruhe nicht auf einer wissenschaftlichen Basis.

Auch Franke litt in einer Saison an schweren Kopfschmerzen

Doch es ist nicht so, dass das Thema keines wäre unter den deutschen Sportler. Auch Franke hat seine Erfahrungen damit gemacht. Er erinnert sich an eine Saison, als er auf einer schlecht bearbeiteten Bahn trainiert hat. „In dem Jahr hatte ich starke Kopfschmerzen“, berichtet er. Danach seien die Probleme bei ihm nie wieder aufgetreten.

Für Franke sind sowohl die Bahncharakteristik wie auch die Eisqualität ein Faktor, ob es zu Beeinträchtigungen des Gehirns kommen kann. Schnell aufeinanderfolgende Kurven seien ungünstig, sagt er. „Genauso wie eine schlechte Eisqualität. Am Anfang der Saison etwa ist manchmal die Eisdicke nicht so, wie sie sein sollte. Dann ist die Bahn nicht glatt.“ Der 30-Jährige sieht sich durch die Berichte aus den USA aber nicht gefährdet. Er sagt: „Der Verband in Deutschland macht hier eine gute Arbeit und passt auf uns Athleten auf. Wir müssen uns jedes Jahr einem Impact-Test unterziehen.“

Mit einem solchen Impact-Test werden bei den Sportlern verschiedene verbale und visuelle Funktionen des Gehirns sowie das Erinnerungsvermögen abgefragt. Es wird zu Beginn der Saison ein Baseline-Test erstellt. Diese Werte bilden die Grundlage für weitere Abfragungen. Weichen die Werte im Laufe der Saison vom Baseline-Test ab, werden die Sportärzte aufmerksam und verordnen eine Trainings- oder Rennpause. So sollte es zumindest in der Theorie ablaufen, nicht nur im Bob- und Schlittensport, sondern auch in vielen anderen Sportarten.

Die Realität sieht sportartenübergreifend wohl häufig anders aus. Das erzählt auch der Würzburger Neuropsychologe Andreas Max Eidenmüller. Das Thema Gehirnerschütterungen sei zwar definitiv in Deutschland angekommen, sagt er. Aber nicht immer würde der medizinische Rat von den Vereinen beherzigt.

An der Umsetzung ärztlicher Empfehlungen hapert es noch

„Wir hatten mal einen professionellen Eishockeyspieler untersucht, der nach Gehirntraumata schon einen Tunnelblick hatte“, erzählt er. Sein Rat an den Eishockeyklub sei ganz klar gewesen, dass der Spieler eine Pause bräuchte. „Die Antwort war: Wir spielen in den Play-offs und wir brauchen ihn“, berichtet Eidenmüller. „Oft entscheidet dann doch das Management, weil es natürlich auch um Geld geht.“ Ähnliche Geschichten sind aus anderen Sportarten bekannt. Das Thema mag zwar angekommen sein im Spitzen- wie im Breitensport, aber an der praktischen Umsetzung hapert es noch.

Das wiederum hängt laut Eidenmüller damit zusammen, dass es bis heute keine einzige Langzeitstudie gibt, die nachweisen würde, dass sogenannte „subconcussive blows“ einen konkreten Effekt auf das Gehirn haben. Unter „subconcussive blows“ sind andauernde und über einen langen Zeitraum einwirkende Erschütterungen auf das Gehirn wie durch Kopfbälle im Fußball oder eben Bob- und Schlittenfahrten gemeint.

„Bewiesen ist hier noch nichts“, sagt Eidenmüller. „Aber natürlich kann das daran liegen, dass es noch ein junges Thema ist und notwendige prospektive Langzeitstudien schlicht noch nicht in ausreichender Zahl gemacht werden konnten.“ Es ist daher gut möglich, dass im Sport bald noch viel genauer auf die Köpfe geschaut wird – und dass dann womöglich Höllenritte auf der Kanonenkugel in Lake Placid Geschichte sein werden.

Haben Sie dunkle Gedanken? Wenn es Ihnen nicht gut geht oder Sie daran denken, sich das Leben zu nehmen, versuchen Sie, mit anderen Menschen darüber zu sprechen. Das können Freunde oder Verwandte sein. Es gibt aber auch eine Vielzahl von Hilfsangeboten, bei denen Sie sich melden können.

Der Berliner Krisendienst ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr erreichbar. Die Telefonnummern variieren nach Bezirk, die richtige Durchwahl für Ihren Bezirk finden Sie hier.
Weiterhin gibt es von der Telefonseelsorge das Angebot eines Hilfe-Chats. Außerdem gibt es die Möglichkeit einer E-Mail-Beratung. Die Anmeldung erfolgt – ebenfalls anonym und kostenlos – auf der Webseite. Informationen finden Sie unter: www.telefonseelsorge.de

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