Trainingslager in Schladming : Hertha BSC testet ein neues Spielsystem

Der Bundesligist experimentiert. Wird das Berliner Spiel deshalb künftig offensiver?

Herthas Trainergespann plant ein 3-5-2-System. Doch das funktioniert nur, wenn die Spieler viel und lange laufen können.
Herthas Trainergespann plant ein 3-5-2-System. Doch das funktioniert nur, wenn die Spieler viel und lange laufen können.Foto: Martin Huber/dpa

Im Trainingslager von Hertha BSC konnte man dieser Tage eine wunderbare Szene beobachten: Ein wenig abseits des Mittelkreises hatte sich der komplette Trainerstab versammelt, um mit kritischem Blick das Geschehen zu beobachten. Die Zusammenkunft von Chef Pal Dardai, seinen Assistenten Rainer Widmayer und Admir Hamzagic sowie dem für die Torhüter zuständigen Zsolt Petry hatte etwas von einem konspirativen Treffen. Die naheliegende Frage lautete: Was heckt das Quartett diesmal wieder aus?

So richtig tief wollen sich die Verantwortlichen selbstverständlich nicht in die Karten schauen lassen, klar ist bisher lediglich: Mit Blick auf die neue Spielzeit, die am 20. August im DFB-Pokal bei Eintracht Braunschweig beginnt, studieren die Berliner gerade ein neues System ein. Das bewährte 4-2-3-1 soll um eine weitere Variante ergänzt werden. Chefcoach Dardai schwebt ein 3-5-2-System vor, mit dem Hertha schwerer ausrechenbar und variabler werden will. Vor allem Co-Trainer Widmayer hat derzeit alle Hände voll zu tun, die theoretischen Überlegungen in die tagtägliche Praxis umzusetzen. Am Montagabend kam das neue System gegen den Tabellenführer der zweiten österreichischen Liga, das RB-Farmteam FC Liefering, erstmals in einem Testspiel zur Anwendung. "Und es hat schon ganz gut ausgesehen", sagte Coach Dardai nach dem 4:1 (2:1)-Sieg der Berliner (Tore durch Mathew Leckie/2, Florian Baak und ein Eigentor).

Abwehrchef Niklas Stark findet: "Es ist etwas ganz anderes, überhaupt nicht vergleichbar mit unserem alten System. Vor allem komme es auf die Kommunikation untereinander an, auf gefestigte Hierarchien und klare Absprachen. "Wir müssen viel mehr miteinander reden", berichtet Stark. "Aber wir kennen auch die Vorteile und wissen aus eigener Erfahrung, dass es für jeden Gegner eklig sein kann, wenn man das gut spielt."

Grundsätzlich sollen sich bei eigenem Ballbesitz zwei schnelle Spieler offensiv orientieren und einen klassischen Rechts- respektive Linksaußen geben, um im Mittelfeld eine Überzahlsituation zu schaffen und möglichst viele Pass-Dreiecke zu bilden. Nach Ballverlusten sollen sich besagte Spieler dagegen zurückfallen lassen und einen schwer zu durchbrechenden Fünfer-Abwehrriegel bilden. Dardai glaubt, in Rekik, Torunarigha, Stark und Lustenberger über vier Innenverteidiger zu verfügen, die eine solch variable Dreierkette umsetzen können.

Den Flügelspielern kommt in diesem System eine besondere Bedeutung zu - und da könnte es auf absehbare Zeit schwierig werden für die Berliner: Nach der Verletzung Peter Pekariks ist in Lukas Klünter nur ein gelernter Rechtsverteidiger mit nach Schladming gereist. Auch auf dem anderen Flügel herrscht Ungewissheit, weil die Zukunft von Linksverteidiger Marvin Plattenhardt noch nicht abschließend geklärt ist. Für den Nationalspieler sollen sich englische Klubs interessieren. Allerdings müssten sich potenzielle Interessenten sputen; am Donnerstag läuft die Wechselfrist in der Premier League ab. Sollte Plattenhardt tatsächlich noch wechseln, ist seine Planstelle für Eigengewächs Maximilian Mittelstädt reserviert; das hat Manager Michael Preetz kürzlich klar gemacht. Mittelstädt ist aus den DFB-Nachwuchsteams mit dem 3-5-2-System vertraut.

Ist von Hertha also demnächst mit spektakulärem Angriffsfußball zu rechnen? Coach Dardai bremst diesbezüglich die Erwartungen und verweist darauf, dass auch das neue System mit zwei echten Spitzen für gewöhnlich defensivorientiert ist: "Es geht in erster Linie um schnelle Konter und Umschaltsituationen nach Balleroberung." Die offensive 3-5-2-Interpretation - also das Anlaufen des Gegners in dessen Hälfte - ist von Hertha eher nicht zu erwarten, weil die physischen Anforderungen dafür extrem und kaum über die volle Spielzeit umzusetzen sind.

Ob Dardai in naher Zukunft auf seinen theoretischen Plan zurückgreift, scheint eher unwahrscheinlich; das Auftaktprogramm lässt wenig Raum für Experimente. "Grundsätzlich finde ich es aber gut, ein anderes System zu haben, das wir gegebenenfalls auspacken", sagt Stark. Die Hertha wolle den Gegner schließlich auch mal überraschen. Das ist ihr - bei allem Respekt - in den vergangenen Jahren eher selten gelungen.

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