Union zu Gast beim FC Augsburg : Marvin Friedrich spielt gegen seine Vergangenheit

Beim FC Augsburg erlebte der Verteidiger des 1. FC Union die schwierigste Zeit seiner Karriere. Das Duell Letzter gegen Vorletzter sieht er dennoch nüchtern.

Gegen Rasenballsport Leipzig liefen die Berliner fast immer hinterher – wie hier Marvin Friedrich hinter Yussuf Poulsen (l.).
Gegen Rasenballsport Leipzig liefen die Berliner fast immer hinterher – wie hier Marvin Friedrich hinter Yussuf Poulsen (l.).Foto: Andreas Gora / dpa

Marvin Friedrich ist kein Lautsprecher. Der Innenverteidiger des 1. FC Union ist in der Öffentlichkeit eher introvertiert, redet besonnen und nutzt regelmäßig die üblichen Fußballerfloskeln. Vor einigen Tagen wurde Friedrich in einer Presserunde allerdings leicht überrascht. Am Samstag (15.30 Uhr, live bei Sky) ist Union beim FC Augsburg zu Gast und die Verbindung zwischen Friedrich und seinem ehemaligen Arbeitgeber ist durchaus kurios. In anderthalb Jahren beim FCA absolvierte er kein einziges Spiel für die Profis und so weiß auch Friedrich nicht so recht, wie er am Samstag von den Augsburger Fans empfangen werden wird. Ob man ihn dort überhaupt kennt? "Gute Frage", sagt Friedrich.

Am liebsten würde der 23 Jahre alte Abwehrspieler über den kommenden Gegner gar nicht sprechen. "Das ist ein Spiel wie jedes andere, nichts Besonderes", versucht Friedrich jede weitere Nachfrage abzuwehren. Auch sein Trainer hat bei seinem Abwehrchef keine gesteigerte Anspannung ausgemacht. "Marvin hat gut trainiert", sagt Urs Fischer. "Ich habe ihn nicht zu aufgewühlt erlebt, weil dieses Spiel ansteht."

Friedrich ist bei Union so etwas wie die personifizierte Zuverlässigkeit. In der vergangenen Aufstiegssaison stand er in allen 36 Ligaspielen über die volle Spielzeit auf dem Feld – abgeklärt, zweikampfstark, ruhig. Bei der 0:4-Niederlage im ersten Bundesliga-Spiel gegen Leipzig gehörte er immerhin zu den weniger schwachen Berlinern. Dass ihn das Aufeinandertreffen mit seinem ehemaligen Verein innerlich allerdings komplett unbeteiligt lässt, ist nicht zu vermuten.

Die Geschichte zwischen Marvin Friedrich und dem FC Augsburg ist die eines großen sportlichen Missverständnisses in zwei Akten. 2016 wechselte er als hoffnungsvolles Talent, das bereits einige Spiele in der Bundesliga und im Europapokal absolviert hatte, von Schalke 04 nach Augsburg. In anderthalb Jahren kam er dort auch aufgrund von Verletzungen aber nur in der U 23 in der Regionalliga zum Einsatz. Der Transfer zu Union im Januar 2018 wirkte daher wie eine Befreiung. In Berlin wurde Friedrich schnell zu einem der besten Verteidiger der Zweiten Liga und hatte großen Anteil am erstmaligen Aufstieg in die Bundesliga.

Doch der FCA hatte Friedrich nicht aus den Augen verloren und zog zum Ende der vergangenen Saison eine Rückkaufoption in Höhe von einer Million Euro. Friedrich stand plötzlich wieder in Augsburg unter Vertrag – für ihn keine akzeptable Lösung. "Sie haben mir gesagt, dass ich bei Union eine super Entwicklung genommen habe. Ich hatte aber von Anfang an klargemacht, dass ich nicht für Augsburg spielen möchte", sagt Friedrich. Die Verhandlungen zwischen Union und Augsburg dauerten, anfangs forderte der FCA offenbar etwa vier Millionen Euro Ablöse. In den sozialen Medien verbreitete sich unter den Union-Fans der Hashtag #Freedrich und kurz nach dem Vorbereitungsstart wurde der Innenverteidiger schließlich befreit. In Augsburg hatte er kein einziges Training absolviert, Union überwies etwa zwei Millionen Euro an den Ligakonkurrenten. "Es ist so gekommen, wie sie es mir in Augsburg zugesagt haben, und ich bin froh, dass ich bei Union Berlin bin", sagt Friedrich.

Friedrich ist bei Union unverzichtbar

Das beruht auf Gegenseitigkeit, denn gerade in der aktuellen Phase kann Fischer auf Friedrich nicht verzichten. Florian Hübner, in der vergangenen Saison ebenfalls gesetzt in der besten Abwehr der Zweiten Liga, fehlt seit der Vorbereitung und erlitt im Aufbautraining einen kleinen Rückschlag. Ihn plagt weiter eine Kapsel-Band-Läsion im Knie, Rückkehrzeitpunkt ungewiss. Neuzugang Neven Subotic stand zwar schon gegen Leipzig im Kader, ist aber nach einer im April erlittenen Knieverletzung noch nicht wieder in Topform. "Er bringt sicherlich Erfahrung mit, die in einer solchen Situation gut wäre", sagt Trainer Fischer. "Es gibt aber immer noch ein Leistungsniveau, das erfüllt sein muss. Er ist schon sehr nah dran – schauen wir mal, wie es beim nächsten Spiel aussieht."

Sicher ist hingegen, dass Friedrich die Innenverteidigung trotz der vier Gegentore gegen Leipzig erneut dirigieren wird. Gegen den Champions-League-Teilnehmer habe Union zu viele Fehler gemacht, der Mut habe gefehlt, "daraus müssen wir unsere Lehren ziehen", sagt Friedrich. Mit Augsburg wartet ein anderes Kaliber auf Union, doch Friedrich warnt: "Ein paar Spieler sind noch da, mit denen ich zusammengespielt habe, und ich weiß ungefähr, was auf uns zukommt." Augsburg sei sehr heimstark und ein unangenehmer Gegner. Kleine Vereine gebe es ohnehin kaum noch, zumal "Augsburg das zehnte Jahr in Folge in der Bundesliga spielt und eine gewisse Qualität hat."

Die hat auch Friedrich und das will er am Samstag – wie die gesamte Berliner Mannschaft – auch besser zeigen als beim verpatzten Auftakt. "Das war deutlich zu wenig von uns und ich versuche, mich immer weiterzuentwickeln", sagt Friedrich. Im Gegensatz zu Augsburg sieht er bei Union die richtigen Voraussetzungen dafür.

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