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Michael Groß hätte sich ein Engagement beim DSV durchaus vorstellen können.
© imago images/Eibner
Exklusiv

Deutscher Schwimm-Verband sucht Sportdirektor: Verband erteilt Absage an Michael Groß

Michael Groß wird nicht Sportdirektor der deutschen Schwimmer. Unter Athleten und Trainern dürfte die Entscheidung für Unmut sorgen.

Ganz nüchtern erzählte Michael Groß dem Tagesspiegel am Donnerstagvormittag von einem Anruf, den er soeben bekommen hatte. Marco Troll, Präsident des Deutschen Schwimm-Verbandes (DSV), hatte ihm mitgeteilt, dass der Verband nicht mit ihm als Leistungssportdirektor plane. Es werde eine interne Lösung geben. Groß hatte tags zuvor im Interview seine Bereitschaft zu einer Zusammenarbeit bekräftigt. „Ich bin nicht enttäuscht“, sagte er am Donnerstag. „Der DSV trifft seine Entscheidungen und das ist zu respektieren.“ Wer die vakante Stelle im DSV besetzen wird, war zunächst nicht bekannt. Klar war aber, dass die Entscheidung gegen Groß viel Unmut im Verband hervorrufen würde.

In einem offenen Brief hatten Trainer und Athleten den Verband schwer kritisiert. Ein Punkt war die vakante Stelle des Leistungssportdirektors und die Frage, warum der Vorstand zu der Bereitschaft von Groß schweige. Die Antwort darauf kam am Donnerstag: Der Verband wollte Groß nicht haben, obwohl sich Bundestrainer Bernd Berkhahn, Athletensprecherin Sarah Köhler und viele andere für Groß ausgesprochen hatten. „Ich fände es ungewöhnlich, wenn der DSV seinen Schwimmern und Trainern nun auf die Schnelle einen festen Leistungssportdirektor vorsetzen würde, ohne das vorher mit dem Team abgestimmt zu haben“, hatte Groß am Donnerstag dem Tagesspiegel gesagt. „Zu modernen Unternehmensstrukturen gehört, seine Mitarbeiter einzubinden.“

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Dabei dürfte genau das der Knackpunkt im Verband sein. Von modernen Unternehmensstrukturen scheint der Verband an der Spitze weit entfernt zu sein. Zuletzt hatten sich viele Peinlichkeiten angehäuft.

Blamable Außendarstellung im Verband

Im Februar hatte der „Spiegel“ über die Vorwürfe gegen den ehemaligen Freiwasser-Bundestrainer Stefan Lurz berichtet. Nach dessen Rücktritt wurde Leistungssportdirektor Thomas Kurschilgen freigestellt, wie es von Verbandsseite hieß. Kurschilgens Anwalt dagegen sprach von einer fristlosen Kündigung. Überhaupt reagierten Trainer und Athleten verärgert über Umgang und Kommunikation des Verbandes mit der Personalie Kurschilgen. Zumal die Arbeit von Kurschilgen sehr geschätzt wurde. Die Besetzung des Sportdirektorenpostens durch ihn habe zu „einer deutlich strukturierteren und professionelleren Arbeit im Leistungssport“ geführt, schrieben die Landesverbandspräsidenten in dem offenen Brief. Sie forderten dessen Rehabilitierung. Zumal die erste Lösung, die der Verband nach Kurschilgens Rauswurf respektive Rücktritt präsentierte, ziemlich blamabel war.

Nur einen Tag nachdem der DSV den Wasserballer Dirk Klingenberg zum Leistungssportdirektor ernannt hatte, kramte die „Bild“-Zeitung ein Foto aus dem Jahr 2014 hervor. Es zeigte Klingenberg mit ein paar Wasserballern und drei nackten Frauen eines Großbordells, das damals die Altherrenmannschaft mit Klingenberg finanziell unterstützte. Es war ein denkbar ungünstiges Antrittsfoto für einen Posten, den der Vorgänger wegen sexueller Missbrauchsvorwürfe aufgeben musste. Schnell machte der DSV einen Rückzieher, aber Hohn und Spott waren dem Verband sicher.

Für die Athleten und Trainer war und ist das Chaos im Verband nicht lustig, es ist wenige Monate vor den Olympischen Spielen ein einziges Ärgernis. Deswegen waren die Rufe in Richtung Groß so dringlich. Groß, bis heute der erfolgreichste deutsche Schwimmer, hätten die Olympiateilnehmer nicht nur wegen seiner sportlichen Vita gerne als Leistungssportdirektor gehabt. Der promovierte Philologe arbeitet erfolgreich als Unternehmensberater und gilt als heller Kopf.

Vielleicht aber war genau das vielversprechende Profil des früheren Weltrekordschwimmers das Problem. Ein Mann wie Groß hat vermutlich seinen Preis und der Verband jüngsten Berichten zufolge wohl ein größeres finanzielles Problem. Andererseits sagte Groß im Tagesspiegel-Interview, dass er das deutsche Schwimmen durch die Corona-Situation in einer exzeptionellen Lage sehe. „Es muss akut gehandelt werden und ich möchte helfen.“ Das klang nicht danach, als hätte er das Engagement an eine üppige Bezahlung geknüpft.

Wahrscheinlicher erscheint daher, dass es in der Spitze des Verbandes und auch in Teilen der Landesverbandspräsidenten Widerstände gegen die Personalie Groß gegeben hat. Es würde verwundern, sollte die Verbandsspitze über die konkreten Gründe informieren, die gegen den einstigen Ausnahmeschwimmer sprachen. Kommunikation, das betonten Athleten und Trainer in den vergangenen Wochen, ist nicht die Stärke des Verbandes. Es bleibt zu hoffen für die Schwimmer, dass das im Becken in Tokio keine Rolle spielt – mit welchem Leistungssportdirektor auch immer.

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