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Wahl des Fifa-Präsidenten : Die deutsche Stimme für Infantino ist Heuchelei

Der DFB will nicht ins Abseits geraten und hat deshalb für Gianni Infantino als Fifa-Präsident gestimmt – das ist der gelebte Opportunismus. Ein Kommentar.

Leonard Brandbeck
Miteinander: Vor dem Pokalfinale traf sich die DFB-Spitze um Reinhard Rauball (rechts) mit Fifa-Präsident Gianni Infantino.
Miteinander: Vor dem Pokalfinale traf sich die DFB-Spitze um Reinhard Rauball (rechts) mit Fifa-Präsident Gianni Infantino.Foto: Christian Charisius/AFP

Auch die Vertreter des Deutschen Fußball-Bunds (DFB) haben am Mittwoch mitgeklatscht, als Gianni Infantino in Paris per Akklamation als Präsident des Weltverbands wiedergewählt wurde. Dass sie für den Schweizer stimmen würden, hatten sie bereits vorher angekündigt – und das ist ein Offenbarungseid.

In den vergangenen drei Jahren der Amtszeit Infantinos waren die Verantwortlichen des DFB immer wieder auf Distanz zu ihm gegangen, von seinen umgesetzten Vorhaben einer aufgeblähten 48er-WM oder einer größeren Klub-WM halten sie wenig, sogar offene Kritik war aus der DFB-Zentrale in Frankfurt am Main zu hören. Doch beim Fifa-Kongress ist davon kaum mehr etwas übrig geblieben.

Natürlich wäre eine Verweigerung der Stimme auch nur Symbolpolitik gewesen. Dass Infantino eine weitere Amtszeit als Fifa-Präsident antreten würde, war bereits seit Längerem klar. Mit seiner Günstlingspolitik hat er sich genug Rückhalt gesichert, besonders unter den Verbänden kleinerer Nationen.

Trotzdem hätte der DFB ein Zeichen setzen und sich öffentlich gegen Infantino positionieren können. Doch damit stünden die deutschen Funktionäre derzeit sehr allein da. Und sie wollen nicht außen vor bleiben, wenn bei der Fifa in Zukunft wichtige Entscheidungen getroffen werden – etwa bezüglich weiterer Wettbewerbspläne oder des internationalen Terminkalenders.

Der DFB will dann mit am Tisch sitzen. Deshalb wird Infantino hofiert – auch zum DFB-Pokalfinale Ende Mai in Berlin wurde er eingeladen. „Wir müssen Teil der Diskussion sein“, sagte Interimspräsident Rainer Koch am Mittwoch. Nur so könne man dann auch in anderen Punkten Einfluss nehmen. „Unser Weg ist, dass wir nicht zu allem ja sagen und alles abnicken, sondern ein kritischer Begleiter sein wollen.“

Das ist eine hehre Ankündigung, die von einer gesunden Distanz sowie von liberalen Werten wie freiem Meinungsaustausch und offenem Diskurs künden soll. Stellt sich nur die Frage, wie sehr der DFB derzeit überhaupt auf den Fifa-Präsidenten einwirken kann. Zuallererst hilft die Stimme Infantino, sie legitimiert seinen Kurs. Da kann der DFB so kritisch begleiten, wie er möchte – so bleibt am Ende nicht viel mehr als Heuchelei.

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