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Fabian Aigner beim Skifahren.

© privat

„Wir gehen nicht essen oder auf die Toilette“: So inklusiv sind deutsche Skigebiete

Ohne Stress einfach auf die Piste? Für Menschen mit Behinderung ist das undenkbar. Von Kompromissen und unwürdigen Zuständen im Skiurlaub.

Von Lilli Heim

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Das neue Jahr lockt Breitensportlerinnen und Breitensportler in die Berge und auf die Piste. Ski- oder Snowboardfahren mit Hotelaufenthalt, Mittagessen auf der Hütte und Après-Ski ist für viele die perfekte Mischung aus Sport und Urlaub. Für Menschen im Rollstuhl ist dieses Erlebnis schwer zugänglich – vor allem wegen mangelnder Barrierefreiheit in deutschen Skigebieten.

Mono- und Biskis machen es möglich, dass Menschen im Rollstuhl Ski fahren können. Beide Geräte bestehen aus einer am Ski befestigten Sitzschale, unterscheiden sich jedoch in der Fahrweise: Biskis laufen auf zwei Skiern und werden von einer Begleitperson geführt. Monoskis hingegen haben einen einzelnen, über eine Feder gelagerten Ski, sodass die Fahrer und Fahrerinnen selbstständig unterwegs sind und mithilfe von kurzen Stöcken breite Schwünge setzen können.

Um zu lernen, damit zu fahren, komme man an einem Skikurs nicht vorbei, sagt Stefan Deusch. Er leitet den Bereich Wintersport vom Deutschen Rollstuhl-Sportverband (DRS). Im Jahr 2006 sah er bei den Paralympischen Spielen in Turin im Fernsehen, dass Rollstuhlfahrende Ski laufen können. Daraufhin nahm er an einem Monoskikurs des Sozialverbands VdK teil und lernte das Monoskifahren. Seit 2014 leitet er für den Rollstuhl-Sportverband selbst Mono- und Biskikurse.

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Seilbahnen von 47 verfügen über rollstuhlgerechte sanitäre Anlagen.

In der Saison 2025/26 bietet er sechs einwöchige Skikurse an, in denen bis zu zwölf Personen Skifahren lernen oder ihre Technik verbessern können. Damit seien sie gut besucht, aber es gebe auch „einige Wiederholungstäter“, erklärt Deuschl. Das Interesse sei grundsätzlich vorhanden, „allerdings ist es nicht so, dass ich eine Skischule aufmachen könnte“.

Bei den Kursen sei ihm wichtig, dass sie sich preislich nicht von Skikursen für Menschen ohne Behinderung unterscheiden. Somit kostet ein Skikurs für fünf Tage inklusive des Skigeräts und der Liftkarte für Fahrerin und Begleitperson 475 bis 505 Euro. Doch zu einem Skitag oder Skiurlaub gehört weit mehr als die Abfahrt.

Fehlende Barrierefreiheit in deutschen Skigebieten

Monoskifahrerende brauchen in einem Skigebiet breite Pisten, geeignete Lifte, barrierefreie Toiletten, Behindertenparkplätze an der Gondel und barrierefreie Unterkünfte. Außerdem müssen andere Skifahrende Rücksicht nehmen, indem sie nicht zu sehr in die Lifte drängeln, und das Liftpersonal sollte, wenn nötig, beim Einstieg assistieren, erklärt Deuschl.

In Deutschland gibt es über 600 kleine und größere Skigebiete. Wie viele davon barrierefrei nutzbar sind, ist schwer zu sagen, da das vorwiegend auf Erfahrungswerten basiert. Doch allein mit Blick auf rollstuhlgerechte Toiletten zeigt sich, wie schwierig die Lage ist: Der Verband Deutscher Seilbahnen etwa vertritt 47 Seilbahnen im Winterbetrieb, von denen lediglich zwei über entsprechende sanitäre Anlagen verfügen.

Stefan Deuschl vom DRS bestätigt, dass es in Deutschland so gut wie kein Skigebiet gibt, das all die Anforderungen erfüllt: „Wenn man sagt, ich will hier einfach nur Skifahren und ich will hier ohne Stress oder Kompromisse Spaß haben, dann wird es hier schon eher schwierig.“

Ich muss mich dann im Restaurantbereich erkenntlich zeigen und sagen: Hier, Moment, ich muss auf die Toilette. Privatsphäre gibt es da eigentlich gar nicht.

Stefan Deuschl, Monoskifahrer und Wintersportleiter des DRS

Mit Kompromissen meint er etwa die prekäre Toilettensituation. Deuschl geht als geübter Monoskifahrer gerne an der Zugspitze Skifahren, wo der Ablauf für ihn recht reibungslos ist. „Der Parkplatz für Rollstuhlfahrer ist relativ nah am Eingang. Die Seilbahn an sich ist ebenerdig, da kann ich alles super machen. Ich fahre oben rauf, wechsle dann ebenerdig von meinem Rollstuhl das Monoskigerät, und fahre dann runter“, sagt er.

ARCHIV - Der ehemalige Bundeswehrsoldat Stefan Deuschl, aufgenommen am 25.04.2009 in Hamburg. Foto: Marcus Brandt dpa (zu dpa «13 Jahre Afghanistan-Einsatz - hat sich das gelohnt?» vom 28.12.2014) +++ dpa-Bildfunk +++
Stefan Deuschl fährt gerne Monoski an der Zugspitze.

© picture alliance / dpa/Marcus Brandt

Ein Manko gebe es jedoch: Um die barrierefreie Toilette an der Bergstation der Seilbahn zu nutzen, müsse Deuschl zwei Etagen mit dem Küchenaufzug herunterfahren, sagt er. „Ich muss mich dann im Restaurantbereich erkenntlich zeigen und sagen: Hier, Moment, ich muss auf die Toilette. Privatsphäre gibt es da eigentlich gar nicht.“ Möglich wird der Skitag dadurch zwar, „aber ich halte das nicht mehr für richtig für Menschen im 21. Jahrhundert. Das passt einfach nicht mehr“, sagt Deuschl.

Diese Probleme kennt auch Familie Aigner. Ihr ältester Sohn Fabian ist 14 Jahre alt und fährt seit drei Jahren Monoski. Gelernt hat er das bei einem Skikurs des DRS. In dieser Saison nimmt er wieder an einem Kurs teil, weil es ihm einfach Spaß macht. „Das ist schon lustig“, sagt er, „ich habe da ziemlich schnell Freunde gefunden. Und auch beim Skifahren, das ist einfach ein gutes Gefühl, wenn ich dann auf der Piste bin.“

Familie Aigner beim Mono-Skifahren. Der Junge ist Fabian Aigner. Credit ist privat
Fabian Aigner fährt gerne mit seiner Familie Ski: „Das ist einfach ein gutes Gefühl, wenn ich dann auf der Piste bin.“

© privat

Im Skikurs haben auch Fabians Eltern gelernt, wie sie ihn auf der Piste unterstützen können. Laut Stefan Deuschl ist die Einbindung der Angehörigen sehr wichtig: „Wie helfe ich ihm auf der Piste wieder auf? Wie assistiere ich ihm beim Einstieg in den Sessellift? Wie beim Einstieg in den Schlepplift? Wie fasse ich das Gerät an sich an?“, erklärt er. Das Einbinden der Familie sei wichtig, damit man auch außerhalb des Kurses Skifahren kann.

Das macht auch Familie Aigner mittlerweile. „Natürlich fragen wir uns immer, ob wir das alles bewältigen können“, sagt seine Mutter Steffanie Aigner. Dafür muss die Familie gut zusammenarbeiten und sich vorab mit den Skigebieten abstimmen. Vor jeder Reise klären sie, welche Lifte geeignet sind und ob die Pisten breit genug sind – am besten mithilfe von Bekannten mit Erfahrung vor Ort.

Schiefgehen kann aber trotzdem mal etwas: Letztes Jahr konnten sie bei einem Sessellift nicht mitfahren, „weil da in der Mitte etwas auseinander geschraubt werden musste“, sagt Aigner. Auch bei beheizten Sesselliften wurden sie bereits abgewiesen. Normalerweise können Monoskifahrende ganz einfach Sessellifte nutzen, indem sie die Feder in der Mitte der Geräte lösen und sich mit der Sitzschale auf die Sitzfläche setzen.

Wir gehen auch nicht essen oder auf die Toilette. Das würde gar nicht gehen, weil in den Hütten so viele Treppen sind, das ist Wahnsinn.

Steffanie Aigner, Mutter eines Monoskifahrers

Und auch andere Kompromisse muss die Familie im Skiurlaub eingehen. „Wir fahren dann nur vier Stunden. Wir gehen auch nicht essen oder auf die Toilette“, erzählt Fabians Mutter. „Das würde gar nicht gehen, weil in den Hütten so viele Treppen sind, das ist Wahnsinn.“

Ein neuer Monoski kostet mindestens 3750 Euro

Für die Skitage mit seiner Familie hat Fabian mittlerweile seinen ersten eigenen Monoski, den sie für circa 1000 Euro gebraucht gekauft haben. Bei den Skikursen des DRS konnte sich Fabian bisher immer ein Gerät ausleihen. Um selbstständig zu fahren, kam die Familie am Kauf eines eigenen Geräts jedoch nicht vorbei. „Wir haben uns auch schon einmal ein Skigerät von Praschberger ausgeliehen. Das war gleich nach dem ersten Skikurs“, sagt Steffanie Aigner.

Praschberger ist eine von wenigen Firmen, die Monoskis herstellen. Laut der Familie Aigner war das jedoch mit einer Leihgebühr von circa 150 Euro pro Tag zu teuer. Ein neuer Monoski der Firma kostet mindestens 3750 Euro. Zum Vergleich: Skier und Skischuhe für Fußgängern sind ebenfalls teuer, liegen jedoch in der Regel noch im dreistelligen Bereich.

Welche Skigebiete eignen sich?

Ein Skigebiet, das besonders gut für Monoskifahrende geeignet ist, ist das Kaunertal in Österreich. Dort werden in den Gondeln spezielle Matten ausgelegt, die das Ein- und Aussteigen für Monoskifahrende erleichtern. Und auch das Liftpersonal hilft dort beim Ein- und Ausstieg in die Lifte. Unter anderem auch in diesem Skigebiet fährt Stefan Deuschl mit seinen Kursen.

Einige seiner Kurse finden auch in Deutschland statt. Bischofsreut im Bayerischen Wald eigne sich mit breiten blauen Pisten und einem großen barrierefreien Hotel besonders gut für Anfängerinnen, sagt Deuschl. Das Hotel wird jedoch in der kommenden Saison verkauft und ist dann nicht mehr für die Kurse des DRS verfügbar.

Darüber hinaus ist das Angebot hierzulande auch überschaubar. Das liege auch an den Prioritäten der Skigebiete selbst, sagt Deuschl. „Wenn ich mir große Skigebiete anschaue, wo es vor allem um Masse geht, also 10.000 Skifahrer und vielleicht zwei Monoskifahrer täglich, dann bezweifle ich, dass Barrierefreiheit für die Skigebiete wirklich wichtig ist“, sagt er.

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