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Am Dienstag trainierte Morten Thorsby im Trainingslager zum ersten Mal mit den neuen Kollegen beim 1. FC Union.

© imago/Matthias Koch / imago/Matthias Koch

Tagesspiegel Plus

Zugang des 1. FC Union Berlin: Morten Thorsby ist der Klimaaktivist für Köpenick

Der norwegische Nationalspieler engagiert sich mit „We Play Green“ für den Klimaschutz. Im Profifußball herrscht hier großer Nachholbedarf.

Als er am Dienstag bei Temperaturen von 30 Grad zum ersten Mal ins Training beim 1. FC Union einstieg, hatte Morten Thorsby immer noch keine Kadernummer zugewiesen bekommen. Ein paar Stunden später stand es fest: Auch bei Union wird der Neuzugang von Sampdoria Genua die Nummer zwei tragen. Denn der Norweger ist nicht nur Fußballspieler. Er ist auch Klimaaktivist.

Schon seit einiger Zeit trägt der 26 Jahre alte Mittelfeldspieler die für seine Position ungewöhnliche Nummer, um ein Zeichen für den Klimaschutz zu setzen. Die Zwei steht für das 2015 gesetzte Ziel des Pariser Abkommens, die Erderwärmung unter zwei Prozent des vorindustriellen Niveaus zu halten. Sie steht für die Forderung, zwei Prozent des globalen, jährlichen Bruttoinlandsprodukts in nachhaltige Technologien zu investieren. Und sie steht dafür, dass man als Verbraucher zweimal über seine Entscheidungen nachdenkt.

Die meisten Fußballprofis sind junge Menschen, die wissen, was in den nächsten Jahrzehnten auf sie zukommt. 

David Goldblatt

All das erläutert Thorsby auf der Webseite seiner Stiftung „We Play Green“, die seit einigen Jahren dafür arbeitet, den Fußball grüner zu machen. Mit der Reichweite der weltweit populärsten Sportart könne man eine „Kettenreaktion der Nachhaltigkeit“ auslösen, behauptet die Stiftung. „Durch den Fußball“, heißt es, „können wir den Planeten retten.“

Das mag utopisch klingen, aber Thorsby ist längst nicht der Einzige, der so groß denkt. Neben anderen Spielern wie dem Spanier Hector Bellerin oder dem Engländer Patrick Bamford zählt Thorsby zu einer wachsenden Gruppe von Fußballprofis, die ihre eigene Bekanntheit nutzen wollen, um für den Klimaschutz zu kämpfen.

Der Spanier Hector Bellerin vom FC Arsenal (vorne) engagiert sich ebenfalls stark für den Klimaschutz.

© imago/Zink / IMAGO/Sportfoto Zink / Daniel Marr

„Es gibt immer mehr Fußballer, die über Klimaschutz reden, und das ist spannend“, sagt der Fußballhistoriker David Goldblatt, der auch als Vorsitzender der Organisation „Football For Future“ fungiert. „So privilegiert sie auch sind: die meisten Fußballprofis sind junge Menschen, die wissen, was in den nächsten Jahrzehnten auf sie zukommt. Wir haben zuletzt gesehen, wie sehr Profisportler Debatten über Rassismus bewegt haben. Daher ist es nicht naiv zu denken, dass der Fußball auch in Klimadebatten einen großen Einfluss haben kann.“

Dafür müsse der Fußball aber erstmal sein eigenes Haus in Ordnung bringen, und das ist in der jüngeren Vergangenheit zu selten gelungen. Laut eines Berichts, den Goldblatt 2020 für das Klimanetzwerk „Rapid Transition Alliance“ geschrieben hat, ist die populärste Sportart der Welt oft eher Klimasünder als Klimaretter. Nach seinen Schätzungen ist die englische Premier League für etwa 200.000 Tonnen CO2-Emissionen pro Saison verantwortlich, die letzte WM in Russland sogar für 2,16 Millionen.

Der Profifußball ist schließlich auch eine millionenschwere Unterhaltungsindustrie, die Menschen in Bewegung bringt und zu regelmäßigen Verbrauchern macht. Da ist Thorsbys neuer Arbeitgeber keine Ausnahme. Um die Mannschaft ins Trainingslager nach Österreich zu transportieren, charterte Union letzte Woche ein Flugzeug aus Dänemark. Auch zu Auswärtsspielen fliegt die Mannschaft fast immer – nur für die kürzeren Strecken nach Wolfsburg oder Leipzig fährt man mit Bus oder Bahn.

Das heißt noch nicht, dass Union für Bundesliga-Verhältnisse besonders umweltfeindlich ist. Gerade seit der Pandemie gehören Charterflüge für alle Vereine zum Geschäftsalltag. Wie immer beim Klima liegt der Teufel nicht so sehr im Detail, sondern eher im gesamten System.

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Das Reiseverhalten der Spieler selbst ist am Ende nur einer von vielen Faktoren. Thorsbys Stiftung schätzt etwa, dass die Herstellung von Fußball-Kleidung zu 0,4 Prozent der globalen CO2-Emissionen beiträgt, und setzt sich deshalb für nachhaltigere Trikots ein. Der VfL Wolfsburg, der als einer der wenigen Klubs in Europa seine eigene CO2-Bilanz berechnet, führt den Großteil seiner Emissionen auf „Fanmobilität“ zurück.

„Das Reisen an Spieltagen ist tatsächlich der Hauptgrund für Emissionen im Fußball“, sagt Dr. Mark Doidge, der an der Universität Brighton zum Verhältnis zwischen Fußball und Klimawandel forscht. Er sei aber überzeugt, dass man die Verantwortung nicht nur auf den Fans schieben soll. „Öffentliche Verkehrsmittel sind vielerorts oft zu teuer oder nicht ausreichend. Und der VfL Wolfsburg ist mit Volkswagen verbunden, eine Firma, die über viele Jahrzehnte für viele Emissionen verantwortlich war“, sagt er.

Auch Goldblatt glaubt, dass die Lösungen nicht nur bei einzelnen Akteuren liegen. Dass die DFL inzwischen Nachhaltigkeit zu einem Lizenzkriterium gemacht hat, sieht er als Modell für andere Ligen und Verbände. „Wir haben nicht viel Zeit, und während viele Verbände und Klubs jetzt mehr tun, dürfen wir nicht auf die Zögerer warten“, sagt er.

Der Fußball ist auch ein Bereich, wo Menschen den Wert von kollektiver Aktion verstehen und den Glauben an einen Umschwung in letzter Minute nie verlieren.

David Goldblatt

Denn schließlich wird der Klimawandel den Fußball vor größere Herausforderungen stellen, als die eine oder andere warme Trainingseinheit. In anderen Sportarten ist es schon so weit: die Marathonläufe bei den Olympischen Spielen in Tokio mussten wegen extremer Hitze an einem anderen Standort verlegt werden, in Australien mussten Tennis- und Cricketspieler in den letzten Jahren oft mit dem Rauch der Waldbrände kämpfen. Goldblatts Bericht zufolge müssen zahlreiche europäische Fußballklubs, darunter Chelsea und Ajax Amsterdam, bald mit regelmäßigen Hochwasserschäden an ihren Stadien rechnen.

Angesichts solcher Vorhersagen muss der Fußball wohl deutlich mehr unternehmen, als er es jetzt tut. Mittlerweile gibt es zahlreiche kleine Klimaschutzkampagnen im Profifußball. Bei Union gibt es eine Zusammenarbeit mit den Berliner Forsten, der DFB hat die erste Pokalrunde zu einem „Aktions-Spieltag Klimaschutz“ erklärt, und in den kommenden Jahren soll das Bundesumweltministerium zusammen mit den Fanprojekten Klimaworkshops für junge Anhänger fördern.

Ein substanzielles, weitreichendes Umdenken bleibt aber noch aus. Bis heute gibt es nur einen Verein im Weltfußball, der von der UNO als klimaneutral anerkannt wird: den englischen Drittligisten Forest Green Rovers.

Doch Goldblatt bleibt optimistisch. „Der Fußball bietet nicht nur eine außergewöhnliche Reichweite“, sagt der Akademiker. "Er ist auch ein Bereich, wo Menschen den Wert von kollektiver Aktion verstehen und den Glauben an einen Umschwung in letzter Minute nie verlieren. Das sind zwei kulturelle Voraussetzungen für erfolgreichen Klimaschutz".

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