Archäologie : Wer hatte wann die Hose an?

Was das Beinkleid mit der Reiterei zu tun hat, fand ein Team des Projekts „Silk Road Fashion“ heraus.

Sören Maahs
Im östlichen Zentralasien, in der Turfan-Senke, hat extreme Trockenheit eine Hose über drei Jahrtausende bewahrt. Ein internationales Forschungsteam untersuchte das Kleidungsstück und entdeckte dabei den Erfindungsreichtum der unbekannten Turfan-Bewohner.
Im östlichen Zentralasien, in der Turfan-Senke, hat extreme Trockenheit eine Hose über drei Jahrtausende bewahrt. Ein...Foto: J. Zhou/DAI

Im mesopotamischen Sumer trug „Mann“ vor 5000 Jahren Rock. Im alten Griechenland und in Assyrien ebenso. Den Römern galt die Hose, das praktische Kleidungsstück ihrer germanischen Feinde, lange Zeit als Symbol der Unkultiviertheit und des Barbarentums. Doch die Hose ist keine Erfindung der Germanen. Zur Eisenzeit, seit der die Hose als Bestandteil der germanischen Tracht mit Gewissheit nachweisbar ist, haben sie die Beinkleider wohl von hosentragenden Reitervölkern aus der eurasischen Steppe übernommen.

Die Spur des Kleidungsstücks lässt sich bis nach Yanghai verfolgen, einem Gräberfeld in der westchinesischen Turfan-Senke. Dort, wo zahlreiche Routen der späteren Seidenstraße verliefen, stießen Archäologinnen und Archäologen 2005 auf die mumifizierte Leiche eines etwa 40-jährigen Mannes. An den Beinen trug er eine Wollhose. Als sechs Jahre nach der Entdeckung ein deutsch-chinesisches Forschungsteam die Kleidung der Mumie erstmals unter die Lupe nahm, stellte es mithilfe der Radiokarbonmethode fest: Der Mann hatte um 1200 v. Chr. gelebt – damit ist seine Wollhose die älteste überlieferte Hose der Welt.

Die Anfertigung von textiler Kleidung war eine innovative Leistung

Seit 2013 widmet sich das Forschungsteam im Zuge des Projekts „Silk Road Fashion: Kommunikation durch Kleidung des 1. Jahrtausends v. Chr. in Ostzentralasien“ der Erforschung alter Textilien, die Archäologen aus Gräbern der Region bergen. Ein Wissenschaftsteam, das an dem „Silk Road Fashion“-Projekt beteiligt ist, hat dazu nun ein Buch und einen Film unter dem Titel „Die Erfindung der Hose“ veröffentlicht. Mayke Wagner, Wissenschaftliche Direktorin der Eurasien-Abteilung des Deutschen Archäologischen Instituts, führte Regie und schrieb das Drehbuch zusammen mit dem Paläontologen Pavel Tarasov, der an der Freien Universität Klima und Vegetation längst vergangener Zeiten erforscht.

„Die Erfindung der Hose“ zeigt, welch innovative Leistung die Anfertigung von textiler Kleidung war: Wolle zu Fäden zu spinnen, sie zu einer Fläche zu weben und dieses Tuch dem menschlichen Körper anzupassen, verlangt mathematische Denkleistung und technische Fertigkeiten. Um eine wissenschaftlich akkurate Rekonstruktion der Hose von Turfan herzustellen, arbeiteten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler verschiedener Fächer zusammen: Archäologen untersuchten den Fundkontext, Chemiker und Biologen bestimmten Alter und Arten der verwendeten Fasern, eine Designforscherin rekonstruierte die Webtechniken, Paläontologen zogen aus Blütenstaub Rückschlüsse auf die damaligen klimatischen Umweltbedingungen. Sogar Züchter von Skuddenschafen und Schafscherer waren mit von der Partie.

Das Buch mit seinen zahlreichen Abbildungen, vor allem aber der liebevoll animierte Film, erläutern komplexe Forschungsvorgänge leicht verständlich für ein breites Publikum. „Wir wollten die Zuschauer am Arbeitsprozess der Forscher mit seinen Höhen und Tiefen und ihren Überlegungen zu nächsten Schritten teilhaben lassen“, sagt Pavel Tarasov. Ihm war es wichtig, etwas vom Wissenschaftsalltag – die Suche auf unbekannten Wegen mit ungewissem Ausgang – sichtbar zu machen. „Die Erfindung der Hose“ ist der erste 45-minütige Dokumentarfilm, den das Deutsche Archäologische Institut über die Ergebnisse eines mehrjährigen Forschungsprojekts produziert hat. Mehrere Studierende der Filmuniversität Babelsberg waren an der Umsetzung beteiligt.

Hosenlatz und Taschen kannten die Turfan-Bewohner noch nicht

Aufgrund des außergewöhnlich guten Zustands der 3000 Jahre alten Hose, der der extremen Trockenheit des Fundorts zu verdanken ist, lässt sich ein anschauliches Bild der frühzeitlichen Turfan-Tracht rekonstruieren. Selten kann man derart umfassend in die Vergangenheit blicken. Die Bewohner von Turfan webten nicht, wie dies heute geschieht, Stoffbahnen, aus denen die Hosenteile dann zugeschnitten wurden, sondern fertigten jedes Teilstück nach Maß des späteren Trägers. Dieses verschnittfreie Verfahren sparte einerseits kostbares Garn, andererseits gaben die Webkanten der Hose einen festen Abschluss. Die Hose des Turfan-Mannes war nicht nur praktisch, sondern sehr aufwendig und kunstvoll gefertigt. Sie bestand aus Wolltuch, gewebt aus dem Wollhaar von Schafen. Einen Hosenlatz kannten die Turfan-Bewohner noch nicht, Taschen ebenso wenig. Die aus jeweils einem Stück gefertigten Beinlinge wurden an den Waden eng gebunden, auf Hüfthöhe wurde die Hose mit Schnüren geschlossen. Als Grundgewebe weist sie einen Köper auf – diese besonders stabile und gleichzeitig elastische Bindungsart wird noch heute bei der klassischen Blue Jeans verwendet. Am Knie unterbricht ein Mäandermuster in handgeflochtener Zwirnbindung die charakteristischen Diagonalen des Köpergewebes. Die farbliche Gestaltung machte sich die Naturfarben der Wolle zunutze: Beim Spinnen wurden eine von Natur braune und eine weiße Wolle verwendet. In der Mitte verbunden wurde die Hose durch einen gestuften Zwickel, ein breites Stück Stoff, das Schritt und Hosenboden so bedeckte, dass die Beine sich seitwärts breit abspreizen ließen.

Der Paäontologe Pavel Tarasov im Labor mit einer winzigen Wollprobe.
Der Paäontologe Pavel Tarasov im Labor mit einer winzigen Wollprobe.Foto: D. Schuster/DAI

Warum die Menschen ausgerechnet inmitten der enormen Landmassen Zentralasiens auf die Idee kamen, Röcke und Lendentücher abzulegen und in Hosen zu schlüpfen, hat einen Grund: die Reiterei. Als die Menschen begannen, Pferde nicht mehr als Lieferanten von Kalorien, sondern von kinetischer Energie zu nutzen, als Motor von Zug- und Tragelasten, veränderten sie den Lauf der Geschichte. Mit dem Pferd, sagt Pavel Tarasov, verfügten die Menschen über einen besonders schnellen Gefährten, dessen Kraft, Ausdauer und Geschwindigkeit es ihnen ermöglichte, in einer neuen Weise Krieg zu führen, ausgedehnte Herrschaftsräume zu erobern und aufrechtzuerhalten.

„Hosen waren eine Art Spezialausrüstung“

Durch ihre Passform ist die Hose gerade für die Reiterei ein höchst sinnvolles Kleidungsstück. In der Turfan-Senke, in der ein kontinentales Klima mit extremen Temperaturunterschieden zwischen Sommer und Winter sowie Tag und Nacht herrscht, stand der Schutz vor Witterungseinflüssen für die Menschen offenbar an erster Stelle. Wie die Nachbildung der Turfan-Hose zeigt, dominierte die Reit- über die Gehfunktion. Denn die Erfindung, äußerst bequem im Sitzen, funktioniere im Gehen „schlechter als erwartet“, sagt Tarasov. Das lag am Zwickel, der sich im Schritt allzu stoffreich in Falten legte. Zur Deutung der Turfan-Hose als Reitbekleidung passt auch, dass im Grab des Mannes eine Reitgerte, Zaumzeug und eine Streitaxt gefunden wurden. Möglicherweise, vermuten Pavel Tarasov und seine Kolleginnen und Kollegen, hat der Turfan-Mann einer professionellen Reiterklasse angehört. „Hosen waren eine Art Spezialausrüstung, man könnte sagen: die Uniform der ersten Kavallerie.“ Reiten ohne Hose ist möglich. Aber mit ihr reitet es sich bequemer und ausdauernder, und das könnte damals über Leben und Tod entschieden haben. Heute ist die Hose das Kleidungsstück der Wahl für alle Menschen und jede Gelegenheit. Der geduldigen Schürfarbeit der Archäologie verdanken wir die Geschichte ihres Ursprungs.

Im Rahmen der 190-Jahr-Feier des Deutschen Archäologischen Instituts am 17. Mai wird die rekonstruierte Ausstattung des Turfan-Mannes gezeigt: Hauptstadtrepräsentanz der Deutschen Telekom, Französische Straße 33a-c, 10117 Berlin. Um Anmeldung unter protokoll@dainst.de bis 7. Mai wird gebeten; mehr unter www.dainst.org

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