Unbekannte Briefe zwischen Borchardt und Grosz : Verfemt und verfolgt

George Grosz und Hermann Borchardt verband eine enge Freundschaft. Eine Edition ihres Briefwechsels dokumentiert die unbekannte Beziehung.

Leonard Fischl
Hermann Borchardt mit seinen Kindern Hans und Susanne, vermutlich um 1932/33.
Hermann Borchardt mit seinen Kindern Hans und Susanne, vermutlich um 1932/33.Foto: Deutsche nationalbibliothek, Deustches Exilarchiv 1933-1945, Frankfurt a.M.

Der eine war ein bekannter Maler, einer der bedeutendsten der Zwischenkriegszeit. Der andere ein Schriftsteller und Essayist, Theoretiker und Intellektueller. Der eine wurde weltberühmt; der andere starb nahezu unbekannt im amerikanischen Exil. Die Rede ist von George Grosz (1893–1959) und Hermann Borchardt (1888–1951), zwei Männer, die zeitlebens eine enge Freundschaft verband und die doch ganz unterschiedliche Wege nahmen: Während sich Grosz mit seinen expressionistischen, dadaistischen und futuristischen Gemälden international durchsetzen konnte und heute mit seinen Werken in den wichtigsten Museen der Welt vertreten ist, hat Hermann Borchardt – trotz seines außergewöhnlichen Talents – ein trostloses Schicksal erfahren: Er ist glücklos 1951 in den USA gestorben, nachdem er 1937 vor den Nazis aus Deutschland hatte fliehen müssen.

Christoph Hesse ist sich sicher: Es ist die bewegte Geschichte, die Borchardt als Jude in Deutschland erfuhr, die es ihm schwer gemacht hat, sich als Schriftsteller durchzusetzen und in der Nachwelt einen Platz zu finden. Der Film- und Literaturwissenschaftler will dazu beitragen, dass sich dies ändert: Zusammen mit Professor Hermann Haarmann von der Arbeitsstelle „Kommunikationsgeschichte und Medienkulturen“ am Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft der Freien Universität Berlin gibt er einen Briefwechsel zwischen Grosz und Borchardt heraus, der von der Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur, der Freien Universität Berlin und der Stiftung Preußische Seehandlung finanziert wird. Im Frühjahr 2019 soll er erscheinen.

„Wir machen Schluß mit uns, aber alle zusammen“

In den Briefen, die voller Witz und intellektueller Reflexion über den wachsenden Faschismus in Deutschland sind, werden die schwierigen Bedingungen erfahrbar. Etwa in einem Brief vom 1. März 1936 an Eva und George Grosz, die bereits 1933 vor den Nazis nach New York geflohen waren. In dem Schriftstück zeigt sich die ganze Ausweglosigkeit, die Borchardt als Jude in Berlin gespürt haben muss. Zu dieser Zeit hatte er bereits Berufsverbot als Lehrer, musste sich mit kleineren Auftragswerken durchschlagen und von finanziellen Hilfen seiner Freunde leben. In dem Brief verweist er auf einen Selbstmordversuch, den seine Frau Thea vorgeschlagen hat im Falle einer Verschlechterung der politischen Lage: „,Wir machen Schluß mit uns, aber alle zusammen’: das war Theas Plan, und sie ist energisch und weiß in praktischen Dingen, was sie will. Ich habe ihr gleich, in den schlimmsten Tagen gesagt, daß ich die Kinder unter keinen Umständen umbringe; dafür sind die Wege Gottes zu dunkel für uns.“

Borchardt war verzweifelt – und doch hat er nicht aufgegeben, sich als Schriftsteller einen Namen zu machen. Diesen Überlebenswillen zeigt der Briefwechsel. „Die Korrespondenz zwischen Grosz und Borchardt ist nicht nur eine großartige Dokumentation der Freundschaft der beiden, sondern auch des deutschsprachigen Exils“, sagt Christoph Hesse. Beide Biografien stünden symptomatisch für viele Künstlerlaufbahnen der Zwischenkriegszeit: Grosz ist 1933 in die USA gegangen, nachdem er ein halbes Jahr dort gelebt hatte. Borchardt wiederum musste Deutschland im April 1933 verlassen. Er ging erst nach Frankreich, dann in die Sowjetunion, als er eine Stelle als Deutschlehrer in Minsk bekommen hatte.

Grosz schreibt seine Briefe oft betrunken

Im Januar 1936 wurde er ausgewiesen, weil er sich weigerte, die sowjetische Staatsbürgerschaft anzunehmen. Er ging ratlos zurück nach Deutschland, wo er bis Juli desselben Jahres an einer jüdischen Schule unterrichtete. Aus Gründen, die im Dunkeln liegen, wurde Borchardt Ende Juli, Anfang August von den deutschen Behörden verhaftet. Fast ein Jahr lang musste er in drei verschiedenen Konzentrationslagern verbringen, unter anderem in Dachau. Anschließend wurde er unter der Voraussetzung, dass er Deutschland verlassen würde, aus dem Lager entlassen. Mit der Hilfe von Eva und George Grosz floh er anschließend in die Vereinigten Staaten. Seine Frau und zwei Kinder kamen nach. In New York überlebte die Familie Borchardt den Holocaust. Doch der Preis war hoch: Hermann Borchardt sollte nie wieder europäischen Boden betreten.

Der Maler und Grafiker George Grosz war ein scharfer Satiriker.
Der Maler und Grafiker George Grosz war ein scharfer Satiriker.Foto: picture-alliance / dpa

„Der Briefwechsel ist sehr dicht und sehr kontinuierlich“, sagt Christoph Hesse, der seit mehreren Jahren die einzigartigen Schriftstücke auswertet. „Borchardt ist, ähnlich wie Grosz, ein Renegat, der aus dem Kreis Bertolt Brechts stammt, dem kommunistischen Milieu der zwanziger Jahre.“ Unter dem Einfluss der Nazis und des Stalinismus, den Borchardt hautnah miterlebt hatte, distanzierte sich der Dichter allerdings vom Kommunismus und mied auch die linken Exilanten in New York. In den USA entwickelte sich der glücklose Schriftsteller zu einem Konservativen und konvertierte kurz vor seinem Tod sogar zum Katholizismus. „All diese ideologischen Verschiebungen zeigt der Briefwechsel. Zudem ist er ungemein witzig“, sagt Christoph Hesse. „Grosz ist sehr spöttisch, oftmals schreibt er seine Briefe betrunken. Borchardt seinerseits schreibt ebenfalls mit viel Wortwitz, aber er wirkt viel ernsthafter als Grosz. Besonders nach seiner Lagerhaft zeigt sich ein pessimistisches Menschenbild.“ Christoph Hesse hebt die Besonderheit der Korrespondenz hervor, die bislang offenbar nirgendwo ausgewertet und gewürdigt wurde. „Bei diesen Briefen werden Fragen erörtert, die in keinem vergleichbaren Briefwechsel des Exils auftauchen.“

Geplant ist auch eine Ausgabe der Werke Borchardts

Es existieren insgesamt 220 Briefe. In der Edition soll es einen Anhang geben, in dem die Korrespondenz, die Borchardt mit seiner Frau aus dem Lager geführt hat, abgedruckt werden. Außerdem soll es Briefe von dritten Personen geben, die sich um die Freilassung Borchardts bemühten. Im letzten Teil wollen die beiden Wissenschaftler autobiografische Texte veröffentlichen, die von Borchardts Zeit in der Sowjetunion erzählen.

Darüber hinaus ist eine Ausgabe der Werke Hermann Borchardts geplant. „Wir wollen sie veröffentlichen, weil er als Schriftsteller kaum bekannt ist“, sagt Hesse. Borchardt habe zu Lebzeiten fast nichts publiziert. Bisher sei nur sein großer, 1000-seitiger Roman „Die Verschwörung der Zimmerleute“ erhältlich, der 2005 publiziert wurde. Ansonsten existieren nur kleine Texte und Aufsätze. Drei Theaterstücke sind in den zwanziger Jahren als Bühnenmanuskripte im S. Fischer Verlag erschienen. Auch ein fragmentarisch überliefertes Buch mit dem Titel „Spiel der Landsknechte“, das über seine Zeit im Lager erzählt, sei nicht erhältlich. „Wir planen eine fünfbändige Edition, der Briefwechsel ist der Auftakt. Für die Werkausgabe suchen wir noch nach Fördererne“, sagt Christoph Hesse. Die Hoffnung der Wissenschaftler ist, dass ein großer zu Unrecht vergessener deutscher Schriftsteller wiederentdeckt wird.

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