Angriffe auf Polizisten in Berlin : Wer schützt die Beschützer?

Jeden Tag gibt es in Berlin Attacken auf Polizisten. Jede kann die eine sein, die ein Trauma für immer hinterlässt. Unterwegs mit einem Betroffenen.

Risiko. Jede Attacke auf einen Polizisten kann die eine sein, die ein Trauma hinterlässt. Doch an langfristiger Betreuung fehlt es. Foto:
Risiko. Jede Attacke auf einen Polizisten kann die eine sein, die ein Trauma hinterlässt. Doch an langfristiger Betreuung fehlt...Foto: Carsten Rehder/dpa

Vielleicht hätte er angeschossen werden müssen. Oder mit der Waffe an der Schläfe um sein Leben fürchten sollen. Dann hätte er die Hälfte seiner Therapiekosten vielleicht nicht selbst zahlen müssen. Dann hätten Kollegen und Vorgesetzte vielleicht noch Wochen, Monate und Jahre danach gefragt, wie es ihm geht. Und es hätte vielleicht Verständnis gegeben für die Wut, die Aggressivität, die er ein Jahr nach dem Vorfall spürte.

Doch es waren zwei Stühle die er im Dienst ins Genick bekam, es war pure, rohe, handgreifliche Gewalt. Und manchmal scheint, als sei Gewalt in einem Polizistenleben Alltag.

Sie wissen nur: es gibt eine Schlägerei

In den frühen Morgenstunden des 8. Juni 2015 fährt Boris Novak mit Blaulicht zur Ullsteinstraße 73 die lange Straße ins Gewerbegebiet in Berlin-Tempelhof entlang, vorbei an mehreren Gebrauchtwagenhandlungen mit blau-weißem Flatterband. Am Gehwegrand steht noch ein roter Kaugummiautomat aus dem vorletzten Jahrzehnt.

Der „Festsaal Ariana“ ist für Menschen mit Novaks Beruf kein unbekannter Ort. Regelmäßig rückt die Polizei an, um ausufernde Hochzeitsfeiern zu stoppen oder Streits zu schlichten. Alles, was Boris Novak und sein Kollege in dieser Nacht wissen: Hier gibt es wieder eine Schlägerei. Und sie dauert noch an.

Boris Novak, Polizeibeamter und stellvertretender Landesvorsitzender der Polizeigewerkschaft Berlin, hat nach dem Angriff Veränderungen an sich bemerkt.
Boris Novak, Polizeibeamter und stellvertretender Landesvorsitzender der Polizeigewerkschaft Berlin, hat nach dem Angriff...Foto: Kai-Uwe Heinrich

19 Polizisten werden in Berlin pro Tag durchschnittlich Opfer von Gewalt, erklärte Berlins Polizeipräsidentin Barbara Slowik Mitte Januar der Deutschen Presseagentur. Im Jahr 2019 hat es laut Slowik fast 6650 Taten gegen Beamte gegeben. Darunter werden allerdings auch Delikte wie Widerstand oder tätlicher Angriff gezählt, bei denen eine Verletzung nicht beabsichtigt war. Trotzdem kann für Polizeibeamte jeder Angriff der eine sein, der sie traumatisiert.

Biss in den Oberschenkel, Polizistin angefahren

Ende Januar biss ein Mann einem Polizisten in Mitte in den Oberschenkel. Anfang Februar bewarfen mehrere Menschen in Kreuzberg einen Funkwagen mit Steinen, ein Polizist verletzte sich durch die Glassplitter an der Hand. Vor wenigen Tag fuhr ein 73-Jähriger eine Polizistin an, nachdem sie sein falsch geparktes Auto notiert und wegen seiner Beleidigungen Verstärkung gerufen hatte.

Niemand sagt Boris Novak und seinem Kollegen, dass sich im „Festsaal Ariana“ mehr als 20 Männer prügeln, dass sie mit Stühlen und Flaschen aufeinander losgehen. Niemand ahnt, dass, als die Polizeibeamten ankommen, ihnen schreiende Frauen entgegenrennen werden. Hilfe, die schlagen sich tot, sollen sie gerufen haben. Ihre Kinder seien da drin. Helfen Sie unseren Kindern!

Polizei! Sofort aufhören!

Novak nimmt vor dem Festsaal die große Dose Pfefferspray aus dem Polizeiwagen. Aus dem Polizeifunk hören sie, Verstärkung sei unterwegs. Novak sagt, er hatte zu diesem Zeitpunkt schon ein komisches Gefühl. Die beiden Polizeibeamten öffnen die Tür zum Saal, dahinter beginnt der cremefarbene, glänzende Boden, die bunten Lichter. Nach ein paar Schritten sehen sie den Haufen sich schlagender Menschen. „Das war eine bosnisch-serbische Beschneidungsfeier.“

Sie rufen: Polizei! Sofort aufhören!, doch niemand reagiert. Sie sprühen das Pfefferspray in die Menge, versuchen, die Schlägerei zu beenden. Plötzlich merkt Novak einen dumpfen Schlag im Nacken. Dann noch einen. Jemand hat ihm zwei Stühle ins Genick geworfen. Jeweils fünf Kilo schwer, aus vier Metern Entfernung. Den Schmerz realisiert er noch gar nicht.

Weitere Artikel zum Thema:

Nach belastenden Einsätzen kümmern sich unmittelbar Seelsorger um Polizisten, kurzfristig können sie sich auch zur psychologischen Behandlung in eine Klink einweisen lassen oder einen Beratungstermin beim Sozialdienst der Polizei vereinbaren. Im November hat eine „Zentrale Ansprechstelle für Polizeidienstkräfte“ ihre Arbeit aufgenommen. Dort berät seither wochentags ein Polizeibeamter Kollegen nach belastenden Einsätzen oder persönlichen Problemen, bisher wurde 32 Mal Kontakt dahin aufgenommen. Seit Anfang Februar können Beamte die Ansprechstelle auch nachts und an den Wochenenden erreichen.

Betroffene fühlen sich vernachlässigt

Außerdem bildet die Polizei zurzeit 35 Beamte zu sogenannten „Peers“ aus, die Kollegen nach Extremsituationen zur Seite stehen sollen. Die ersten Weiterbildungen sollen Ende Februar beendet sein. Zusammen mit Psychologen und Sozialarbeitern sollen sie ein Einsatznachsorgeteam bilden, das bis spätestens Ende Juni den Dienst aufnimmt.

Während die Soforthilfe der Polizei gut funktioniere, fühlen sich Betroffene vernachlässigt, je mehr Zeit vergeht. Die Gewerkschaften sind sich einig: Die langfristige Unterstützung der Polizei nach Gewalterlebnissen oder belastenden Einsätzen reicht nicht aus.

Fünf Monate lag er kraftlos im Bett

An Boris Novaks Krankenhausbett stand einen Tag nach dem Vorfall 2015 sein Vorgesetzter, es gab eine Karte und Genesungswünsche. Kollegen riefen an. Eine schwere Gehirnerschütterung und ein Schädel-Hirn- Trauma ließen Novak so lichtempfindlich werden, dass er wochenlang nichts lesen oder sehen mochte. Durch einen Riss im Band zwischen dem ersten und zweiten Halswirbel lag er fünf Monate lang kraftlos im Bett. Doch je länger er krank war, desto weniger hörte er von seinem Arbeitgeber.

In jener Tempelhofer Juninacht drücken Novak und sein Kollege schließlich den Notknopf am Funkgerät, wollen nur noch raus aus dem Festsaal. Weil sie befürchten, dass sie es nicht zu ihrem Wagen schaffen, verriegeln die Beamten die Saaltür, bis die versprochene Verstärkung angekommen ist. Am Ende sind 18 Funkwagen der Berliner Polizei und Teile einer Hundertschaft vor Ort. Boris Novak sackt im Rettungswagen zusammen.

Auf den Kosten für die Therapie bleibt er zur Hälfte sitzen

„Es kam nie die Frage auf: Wie geht es dir seelisch?“, sagt er heute. „Hast du alles überwunden?“ Ein Jahr nach dem Stuhlwurf im Festsaal bemerkte er, wie sich sein Gemüt veränderte: „Bei alltäglichen Situationen bin ich laut geworden, an der Kasse, im Straßenverkehr. Das kannte ich so nicht.“ Eine für ihn unerklärliche Wut habe sich gestaut, sagt er. Bei lauten Geräuschen wurde Novak aggressiv. Von sich aus suchte er Hilfe und fand mit Glück einen Psychologen, der sich mit traumatisierten Soldaten und Polizisten auskennt. Monatelang arbeitete er das Erlebte in einer Therapie auf. Am Ende blieb er auf der Hälfte der Kosten dafür sitzen.

Die Beihilfe des Landes Berlin, die neben der privaten Krankenversicherung für die Behandlungskosten der Beamten aufkommt, weigerte sich, diese zu übernehmen. Der Grund: Es bestehe kein Zusammenhang zum Dienstunfall. „Es ist frustrierend, dass man seine Gesundheit für das Land und die Behörde aufs Spiel setzt und nicht unterstützt wird“, sagt Novak.

16.000 Polizisten sind auf Berlins Straßen unterwegs

Benjamin Jendro, Sprecher der Berliner Gewerkschaft der Polizei, begrüßt alle neuen Angebote, mit denen die Berliner Polizei Beamte unterstützen will. Doch er sei skeptisch, ob das reicht. In der Behörde arbeiten mehr als 25.000 Menschen, 16.000 davon die Kollegen, die ihren Dienst draußen auf der Straße tun.

Bei Einsätzen in der Rigaer Straße hat es schon häufig Übergriffe auf Polizisten gegeben.
Bei Einsätzen in der Rigaer Straße hat es schon häufig Übergriffe auf Polizisten gegeben.Foto: picture alliance / dpa

Jendro kritisiert, dass nach wie vor eine längerfristige Betreuung fehlt und die Gefahren von psychischen Erkrankungen nicht ernst genug genommen werden. „Die Kenntnisse im Umgang mit Posttraumatischen Belastungsstörungen sind bei der Polizei relativ gering“, sagt er. Er fordert, dass das Risiko und die Auslöser, im Polizeidienst an einer solchen Störung zu erkranken, bundesweit untersucht werden sollen. Und das Land Berlin könne und solle das anstoßen.

Chronische Dienstunfähigkeit droht

Eine größere Sensibilität für langfristige psychische Belastungen könnte sich für die Berliner Polizei auszahlen. Sven Steffes-Holländer ist Chefarzt der Heiligenfeld-Klinik für psychosomatische Störungen in Berlin-Biesdorf und behandelt bis zu 100 Polizeibeamte im Jahr. Er sagt: „Je früher psychische Leiden erkannt und behandelt werden, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass man eine chronische Dienstunfähigkeit verhindern kann.“

Steffes-Holländer sagt, er wisse um die hohe psychosoziale Belastung der Beamten, den Schichtdienst, die permanenten Konflikte und die tägliche Anspannung, weil jeder Dienst unvorhersehbar ist. Und die Belastung steige mit dem Alter. Die meisten seiner Patienten seien zwischen 40 und 50 Jahre alt, „die Wahrscheinlichkeit, dass es in diesem Alter zu Depressionen und Angsterkrankungen kommt, ist relativ hoch“.

"Man ist kein schlechter Polizist, wenn man Schwierigkeiten hat"

Nicht nur unmittelbar selbst erlebte Ereignisse können traumatisieren. Auch verstörende Bilder, wie das tote Kind am Straßenrand, oder Erzählungen von Kollegen können zu einem Trauma führen. Ein Bild, ein Geruch können traumatische Erfahrungen und die Erinnerung daran auch nach Monaten, Jahren oder Jahrzehnten wieder hervorkommen lassen. Auch hier: „Die Folge können Depressionen, Ängste oder Suchterkrankungen sein“, sagt Steffes-Holländer.

Was die Beamten erwartet, wissen sie oft nicht. Hier eilen sie zu einer Massenschlägerei in der Flüchtlingsunterkunft Tempelhof.
Was die Beamten erwartet, wissen sie oft nicht. Hier eilen sie zu einer Massenschlägerei in der Flüchtlingsunterkunft Tempelhof.Foto: imago/Christian Mang

Der Facharzt für psychosomatische Medizin arbeitet auch dafür, dass – trotz des Bildes des starken Polizisten – psychische Erkrankungen entstigmatisiert werden. „Es ist normal, dass dieser Beruf belastend ist. Das sich einzugestehen und Hilfe zu suchen, ist kein Zeichen von Schwäche. Man ist kein schlechter Polizist, wenn man Schwierigkeiten hat, Ereignisse zu verarbeiten.“

Die Gewerkschaft zweifelt an der Suizid-Statistik

Seit 2004 führt die Berliner Polizei eine Statistik über Suizide und Suizidversuche von Beamten. Die Sozialberatung der Polizei sammelt die Zahlen und will damit auch die Suizidprävention stärken. Laut Polizei sind die Zahlen rückläufig: Nahmen sich 2010 noch zehn Berliner Polizeibeamte das Leben, tat dies 2019 kein einziger. Versuche indes gab es. Die Gewerkschaft der Polizei zweifelt jedoch daran, dass die Statistik vollständig ist.

Steffes-Holländer würde die Suizidzahlen gern wissenschaftlich begleiten. So könnte man erfahren, welche Arten von Einsätzen besonders risikoreich sind, psychisch zu erkranken, und wie Vorgesetzte Warnsignale erkennen können.

Um zeitnah Hilfe anzubieten, könnte sich Steffes-Holländer vorstellen, eine externe Beratungsstelle einzurichten, sodass sich Beamte außerhalb der Behörde an jemanden wenden können, der sich mit dem Polizeidienst auskennt. Auch Benjamin Jendro von der Gewerkschaft der Polizei kann sich eine externe Beratungsstelle vorstellen. „Die Angst ist und bleibt, innerhalb des Arbeitgebers darüber zu sprechen.“ Doch wer sollte so eine Beratungsstelle finanzieren? Die Berliner Polizei? Das Land Berlin?

Strafen wurden verschärft

Doch was könnte man tun, um potenzielle Täter abzuschrecken? Auch wenn meist medienwirksam über Attacken auf Polizisten von Familienbanden mit Migrationshintergrund berichtet wird, ist die deutliche Mehrheit der Täter allein, männlich und ohne Migrationshintergrund. Jendro fordert, dass das Land Berlin von Tätern Schadensersatz bekommen soll, wenn ein Beamter durch ihr Handeln eine längere Zeit ausfällt. Auch der Gesetzgeber hat nachjustiert: Seit Mai 2017 werden Angriffe auf Polizisten härter bestraft. Wo es bis dahin meist bei einer Geldstrafe blieb, droht nun eine Mindeststrafe von drei Monaten Haft. Und erstmals berücksichtigt das Gesetz auch Angriffe auf Rettungskräfte und Feuerwehrleute.

"Die Psyche bleibt auf der Strecke"

Dennoch sagt Boris Novak: „Die Politik in Berlin ist nicht auf unserer Seite.“ Er wünscht sich eine bessere rechtliche Absicherung der Beamten und fordert, dass das Landesbeamtenversorgungsgesetz geändert wird. Bislang greift ein Dienstunfall bei der Polizei nur bei „Körperschäden“ und muss innerhalb von zwei Jahren angezeigt werden. „Die Psyche bleibt auf der Strecke“, sagt Novak.

Im April 2019 kündigte Berlins Innensenator Andreas Geisel in einem „Abendschau“-Interview an, das Gesetz präzisieren zu wollen. Anlass war das Abweisen von Dienstunfallanträgen, die Beamte, die beim Anschlag auf dem Breitscheidplatz arbeiteten, vorsorglich gestellt hatten, um bei späteren psychischen Belastungen nicht ohne Unterstützung dazustehen.

An den Tatort will er nie zurückkehren

Auf mehrere Nachfragen des Tagesspiegels, wann und wie das Landesbeamtenversorgungsgesetz angepasst werde, antwortete ein Sprecher der Innenverwaltung, dies sei nun doch nicht notwendig, stattdessen sei eine Verhaltensanweisung erfolgt. So soll die Behörde bei künftigen belastenden Einsätzen das Ereignis schriftlich bestätigen, auch wenn kein körperlicher Schaden vorliegt. Zehn Jahre lang haben Betroffene Zeit, psychische Erkrankungen zu melden.

Auch Boris Novak hat Sorge, dass ihn das Erlebte noch einmal einholt. Eine Kollegin, die bei einem Einsatz wegen häuslicher Gewalt verletzt worden ist, blieb Jahre später bei einem Einsatz einfach stehen, sei nicht mehr ansprechbar gewesen. Und kommt nach einem Jahr Pause jetzt erst langsam wieder in den Dienst zurück. „Davor habe ich Respekt“, sagt Novak. Seit zweieinhalb Jahren ist er Vizepräsident der Deutschen Polizeigewerkschaft in Berlin und engagiert sich für mehr Anerkennung von Betroffenen. Und längst arbeitet er in einem anderen Polizeiabschnitt Berlins. Er sagt, in die Tempelhofer Ullsteinstraße 73, an den Tatort, möchte er nie wieder zurück.