Betreutes Wohnen. Das Leben in einer Einrichtung für Betroffene

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Hikikomori in Japan : Wenn Jugendliche sich vor der Welt verstecken

Dass Takeshi Shimada sich zu einem Treffen bereit erklärt, ist für ihn ein großer Schritt. Es hat viel Überzeugungsarbeit gebraucht um ihn zu bewegen, seine Lebenssituation zu erklären. Dass er nicht alleine ist, kein Kuriosum, hat ihn ermutigt.

Schließlich lädt er in sein spartanisches Zimmer ein, das er seit eineinhalb Jahren bewohnt. Es liegt im ersten Stock eines Wohnheims. Über der Eingangstür hängt deutlich sichtbar ein Schild, auf dem steht: „Neustart“. Betreiber der Einrichtung ist ein Verein mit dem gleichen Namen: „New Start“. Hier soll er wieder auf das Leben in der Gesellschaft vorbereitet werden. Eine Therapie gibt es nicht, dafür aber andere Verpflichtungen – zum Beispiel zur Mitarbeit im Café und Restaurant, das der Verein betreibt.

Etwa 30 Hikikomori leben im Wohnheim mit Shimada zusammen, Häuser wie dieses gibt es überall im Land. Die Bewohner müssen regelmäßig zusammen kochen, einen Fernseher gibt es nur im Gemeinschaftsraum, Internet ist verboten, nach Hause darf man nur nach Absprache. Nur so funktioniert es, sagen die Betreiber. Mitbewohner waren es auch, die Shimada damals auf Veranlassung seiner Eltern abholten. Mittlerweile werden Therapien oder Wohnzentren wie jenes, in dem Takeshi Shimada lebt, von der Regierung oder von Stiftungen bezuschusst.

Hikikomori gibt es überall

In Japans Gesellschaft, wo vieles von der Norm Abweichende gleich einen Namen bekommt, kennt jeder den Begriff Hikikomori. Laut der Weltgesundheitsorganisation WHO sind weltweit 350 Millionen Menschen an verschiedenen Arten der Depression erkrankt. Und Psychologen, die das Krankheitsbild mit Patienten in anderen Länder vergleichen, stellen fest, dass es ähnliche Verhaltensmuster auch anderswo gibt – nur nicht so häufig wie in Japan. Dafür haben die Forscher kulturelle, biopsychologische und ökonomische Erklärungen. Leistungsdruck wird am häufigsten angeführt. Der japanische Arbeitsmarkt sei so starr, dass junge Menschen häufig nur einmal im Leben, nämlich direkt nach dem Uniabschluss, die Chance hätten, einen angesehenen Job zu bekommen. Wer das nicht schafft, hat es verpasst. Und wer es auf dem Arbeitsmarkt nicht schafft, hat auch schlechtere Chancen zu heiraten, weniger Freunde, geringeren Status.

Draußen ist feindlich. Hikikomori wird das Phänomen in Japan genannt. Hunderttausende sind betroffen.
Draußen ist feindlich. Hikikomori wird das Phänomen in Japan genannt. Hunderttausende sind betroffen.Polaris/laif

Takeshi Shimada passt als älterer Bruder seiner Geschwister – die im Gegensatz zu ihm alle einen Job haben – gut ins Bild, das Statistiker von den Hikikomori zeichnen. Nur war seine Ausbildung eigentlich zu gut, als dass er scheitern konnte. Weil er ein hervorragender Schüler war, bezahlten ihm seine Eltern ein Mathematikstudium am University College London. Danach machte er an der berühmten London School of Economics einen Master. Takeshi Shimada war beliebt, hatte eineinhalb Jahre lang eine Freundin, ging fast jeden Abend aus. Er liebte die geselligen Londoner Pubs.

Verblüffend schnell fiel er durchs Raster

„Aber als ich nach Japan zurückkam, habe ich mich nicht sofort auf Jobs beworben, mir fehlte irgendwie die Motivation“, sagt Shimada. Dann fiel er verblüffend schnell durchs Raster. Nach dem Verstreichen der ersten Bewerbungsfrist bei den Großbanken und den Promotionsprogrammen der Unis machte er sich noch wenig Gedanken. Aber als all seine Freunde schon Arbeit hatten, während er die Tage noch im Elternhaus am Mittag begann, hörte Takeshi Shimada langsam auf, an sein Handy zu gehen. Er wollte sich nicht rechtfertigen, durch die Fortschritte der Freunde nicht ständig den eigenen Stillstand vorgehalten bekommen. Bevor er sich unter ihnen unwohl fühlte, verzichtete er lieber ganz auf Freunde. Gerade in Japan, wo Konformität eine Tugend ist, wird das Anderssein schnell mit Missachtung quittiert. „Irgendwann habe ich auch meinen Handyvertrag gekündigt“, sagt er.

Er schloss sich weg, folgte Tag für Tag demselben Muster: „Ich stand nachmittags auf, machte erst mal den Fernseher als Hintergrundlärm an, setzte mich ohne Frühstück vor den Computer und las Nachrichten. Blogs wurden mein neues Hobby.“ Viele Hikikomori flüchten sich in die virtuelle Welt, halten nur noch mittelbar Kontakt zum Geschehen jenseits der eigenen vier Wände.