Offensichtlicher Spam : Die falsche Prinzenrolle

Warum die Betrugsmasche mit dem nigerianischen Prinzen gar nicht dumm, sondern clever ist.

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Sie haben Post.Foto: Mohssen Assanimoghaddam/dpa

Neulich habe ich Oyindamola kennengelernt. Er stammt aus Nigeria und arbeitet in Lagos für eine Hilfsorganisation. Ich traf ihn auf einer Konferenz in Berlin, Oyindamola reist viel in der Welt herum, besucht Kongresse und Workshops.

Er sagt, es sei bei ihm wie in der Geschichte mit Hase und Igel. Wo er auch hinfliege, überall erwarte ihn derselbe Witz. Sobald er seine Herkunft erwähne, komme früher oder später die Frage, ob er wohl dieser nigerianische Prinz sei und auf welches Konto man das Geld überweisen solle. Weil Oyindamola ein höflicher Mensch ist, versucht er dann immer ganz herzlich zu lachen und tut so, als höre er den Spruch gerade zum ersten Mal.

Nigerianischer Prinz gilt vielen als Synonym für Betrug im Internet. Die Masche existiert seit rund 20 Jahren. Zur Erinnerung: Ein Fremder behauptet in einer Mail, er sei wahlweise ein reicher nigerianischer Unternehmer, Stammeschef oder eben ein Prinz. Dringend müsse er eine unglaublich enorme Geldsumme in Sicherheit bringen und dafür auf ein ausländisches Konto überweisen. Wer seines zur Verfügung stelle, dürfe einen Millionenbetrag behalten. Doch klitzekleiner Haken: Damit der Plan funktioniere, müsse der Helfer zunächst selbst ein paar Hunderter nach Nigeria überweisen ...

Der Trick ist so oft versucht worden, dass er dem Ruf des Landes nachhaltig geschadet hat. Weniger als Boko Haram, aber mehr als Dr. Alban. Mein Bekannter Oyindamola sagt, es gebe in Lagos tatsächlich eine Menge in Banden organisierter Internetkrimineller. Das liege an der hohen Arbeitslosigkeit unter jungen, technisch versierten Nigerianern. Kein Geld, viel Zeit, keine Perspektive. Keine gute Kombination.

Außenstehenden kommt die Masche außergewöhnlich blöd vor. Gerade weil sie so bekannt ist, müssten die Gauner doch zumindest ab und zu mal ihre Geschichte variieren, oder? Kann der Prinz nicht wenigstens dann und wann aus Nepal oder Honduras stammen?

In Wahrheit ist die Masche überhaupt nicht blöd, sondern wohlüberlegt. Mehr Arbeit als das massenhafte Verschicken standardisierter Spammails bereitet es nämlich, ein potentielles Opfer nach der ersten Kontaktaufnahme tatsächlich zum Überweisen des Geldes zu überreden. Nachfragen zu beantworten, Vertrauen aufzubauen, Zweifel zu zerstreuen. Da ist es für Betrüger ökonomisch effizient, von vornherein nur mit den erfolgversprechendsten Fällen ins Gespräch zu kommen. Das sind in der Regel die Naivsten und Unkundigsten unter den Internetnutzern. Also diejenigen, die so arg hinterm Mond leben, dass sie sogar im Jahr 2018 noch nie von der Prinzenmasche gehört haben. Alle anderen werden ausgesiebt.

Wie groß der bisher entstandene Schaden sein muss, lässt sich an folgender Meldung erahnen: Die amerikanische Regierung hat einen Vergleich mit Western Union geschlossen, wonach das Unternehmen 586 Millionen Dollar in einen Fonds einzahlt, um Opfer der falschen Prinzen zu entschädigen. Der Firma, deren Geschäft weltweite Geldtransfers sind, wird vorgeworfen, sie sei nicht entschlossen gegen die Abzocker vorgegangen. Erste Betroffene konnten bereits ausgezahlt werden. Einer erhielt 110 000 Dollar. Er hatte in der Hoffnung auf Reichtum sein Haus verpfändet.

Mit der ältesten Betrugsmasche des Internets endet diese Kolumne. Nach drei Jahren schaltet Sebastian Leber dann doch mal ab.