Schwanger durch Samenspende : Ein Kind - auch ohne Mann

Das Glück kommt per Post: 465 Euro kostet eine Portion Sperma bei einer dänischen Samenbank. Eine Garantie, dass der Lebenstraum wahr wird, gibt es aber nicht.

Ein Kind ohne Mann.
Ein Kind ohne Mann.Foto: Getty Images/iStockphoto

Einmal ist keinmal, heißt es. Aber das stimmt ja nicht.

Jana ist zu Hause in ihrer Wohnung ganz im Westen Deutschlands, als Anfang Mai das Paket aus Dänemark eintrifft. Für diesen Tag hat sie in der Firma Homeoffice angemeldet. Kein Nachbar soll annehmen, was ihr zugesandt wird, verpackt wie eine Matrjoschka. Im Karton eine Transportbox, darin ein Behälter mit flüssigem Stickstoff, darin ein kleines Becherchen und darin: Sperma. Sieben Tage lang hält der Stickstoff das Sperma gefroren, wenn nötig.

Eine Spritze liegt der Lieferung bei. Pünktlich zum Eisprung, an ihren fruchtbaren Tagen, wird sie das Sperma auftauen, es in die Spritze aufziehen und sich selbst einführen. Dann eine Weile liegen bleiben.

Jana will ein Kind.

465 Euro kostet eine Portion Sperma, die eine dänische Samenbank verschickt hat. Für Heiminsemination wird empfohlen, gleich zwei zu bestellen. Auf der Internetseite der Samenbank, dort, wo die Preisliste zu finden ist, steht ganz oben das Foto eines blonden Kleinkindes, man sieht es im Profil, die Löckchen und Pausbäckchen. Der Hintergrund ist verschwommen.

Zu den knapp 1000 Euro für den „Samen zur Selbstbehandlung ohne ärztliche Unterstützung“ kommen die Transportkosten innerhalb Europas, 215 Euro, und Mehrwertsteuer.

Es ist Janas erster Versuch und es liegt so viel Sehnen und Hoffen darin.

„Ich bin aufgeregt“, schreibt sie ein paar Tage später per SMS. „Trotz unter 8 Prozent Chance laut Statistik horche ich auf etwaige Zeichen (keine da …) und trinke keinen Alkohol, esse keinen Rohmilchkäse etc. Bloß nix riskieren …“ Dahinter setzt sie einen Smiley.

Plan A hat nicht geklappt. Nun greift Plan B

Jana ist 42 Jahre alt, sie ist eine hübsche Frau, blond, mittelgroß, sportlich, klug. Sie lacht gern und viel. Eine, in die Männer sich sofort verlieben müssten, für die sie alles stehen und liegen lassen sollten.

 „Mein Plan A war immer, mit Mann eine Familie gründen zu können“, sagt Jana. Nun greift Plan B. Jana will dieses Kind. Dann eben allein.

Ein unerfüllter Kinderwunsch ist etwas, über das nicht gern gesprochen wird. Jana möchte dies nur unter falschem Namen tun. Sie gehört zu den rund 40 Prozent der ungewollt Kinderlosen in Deutschland, die alleinstehend sind. Laut einer Studie des Bundesfamilienministeriums ist ein Großteil der Frauen bereit, sich den Wunsch auch ohne Mann zu erfüllen. Einfach ist das allerdings nicht.

Jana lebt in Westdeutschland, doch aufgewachsen ist sie im Süden des Landes, mit Geschwistern, Vater und Mutter. „Wir sind eine schöne, warme Familie“, sagt sie. Es ist ihr nicht leichtgefallen, sich von der Idee zu verabschieden, diese Familie eines Tages ganz klassisch zu erweitern. Verliebt, verlobt, verheiratet, Mutter. „Es war für mich immer klar, dass ich Mutter sein möchte“, sagt Jana. Mutter von drei Kindern, am liebsten bevor sie 35 ist. Der Mann, den sie heiratet, sagt: lieber zwei. „Ich dachte: Okay, dann eben nur zwei.“ Doch Jana wird nicht schwanger. Und in die Freude über jede neue Geburtsanzeige aus dem Freundeskreis mischt sich Bitterkeit. Wieso die und nicht wir?

Jana denkt an kaum etwas häufiger als an Babys

Die Frage verfolgt sie: „Und was ist mit euch?“ Gefühlt stellt sie jeder. Bei Familienfeiern raten die Alten: Denk nicht nur an deine Karriere. Dabei denkt Jana an kaum etwas häufiger als an Babys. Doch wie sich bald herausstellt, ist ihr Mann zeugungsunfähig. Soll sie das etwa sagen?

 1,4 Millionen Menschen in Deutschland im Alter zwischen 25 und 59 Jahren, so ermittelte es das Institut für Demoskopie in Allensbach vor ein paar Jahren, hätten gerne Nachwuchs oder bedauern es, kinderlos geblieben zu sein. Doch obwohl sie es mit einem festen Partner mindestens ein Jahr lang versuchten, konnten sie keine Kinder bekommen. Es ist kein seltenes Phänomen. Und doch wird jenen, die darüber sprechen, häufig das Gefühl vermittelt, sie seien nicht normal. Es klappt nicht auf dem sogenannten natürlichen Weg, schon sich das einzugestehen suggeriert umgekehrt: etwas ist unnatürlich.

 Dass ihr Mann nicht kann, wie sie beide wollen, belastet die Beziehung sehr. Sie zerbricht schließlich an anderem. Als ihre Ehe geschieden wird, ist Jana Mitte 30.

Sie datet. Doch aus den Bekanntschaften und Affären entwickelt sich nichts Ernstes. Sie spricht mit ihrer Familie über ihren Kinderwunsch, beginnt sich zu informieren, wie der noch erfüllbar wäre. Eines Abends ruft ihre Mutter an und sagt: „Schalt mal den Fernseher ein, da kommt was über eine Frau, die alleine ein Kind bekommt.“

Sie fängt an zu rechnen

Jana denkt darüber nach. Als sie im Februar dieses Jahres wieder einen Mann kennenlernt und bald feststellt, dass sie nicht zusammenpassen, werden ihre Überlegungen konkret. „Ich hab’ angefangen zu rechnen, mit meiner Familie geredet.“ Sie recherchiert Kosten für Kitas und Tagesmütter, kalkuliert ihr Gehalt für unterschiedliche Teilzeitmodelle, überlegt, ob sie ein Au-pair in ihrer Wohnung unterbringen oder sich zu dem Zweck eine größere leisten könnte. Sie erwägt, im Fall der Fälle zurück zu ihren Eltern zu ziehen, den Job zu wechseln. Am Ende hat sie 22 000 Euro zur Erfüllung ihres Kinderwunsches zur Seite gelegt. Das klingt viel. Doch schon Ende des Sommers werden es knapp 5000 Euro weniger sein.

Als alleinstehende Deutsche, die mit dem Sperma einer dänischen Samenbank schwanger werden will, braucht sie als Sicherheit einen Bürgen. Ihr Bruder sagt sofort zu. Die Schwester sagt zu ihr: „Wer, wenn nicht du!“ Auch sie wünscht sich mit ihrem Mann ein Kind. Schwanger werden – die beiden Schwestern versuchen es im Mai gleichzeitig.

„Für mich sind Kinder einfach der Sinn des Lebens“, sagt Jana. Dieses ganze Kümmern und Liebhaben. „Es ist toll, wenn man einem Kind einen guten Start geben kann“, sagt sie. „Ich will etwas geben.“

Sinn ist, was man dem eigenen Leben gibt. Jana verwöhnt als Tante ihre Nichten und Neffen. Sie pflegt ihre Freundschaften, reist, mag ihren Beruf. Wenn Sinn bedeutet, dass ihr Leben einen Zweck hat, so ist er ohne eigenes Kind ganz sicher nicht verloren. Sie braucht kein Kind, um Sinn zu stiften. An manchen Tagen steht ihr das klar vor Augen. An anderen nicht. Dann ist der Sinn des Lebens nur eine Chiffre für Liebe, für Mann und Kind und für all das, was ihr nicht vergönnt ist aus einer großen, himmelschreienden, schwer zu verstehenden Ungerechtigkeit heraus.

Schock und Trauer - fast wie beim Tod eines Angehörigen

„Zu realisieren, dass man kein Kind bekommen wird, ist eine existenzielle Krise“, sagt die Familientherapeutin Petra Thorn und macht am Telefon eine kurze Pause: „ähnlich wie der Tod eines Angehörigen.“ Das Kind, in Fantasien und Lebensentwürfen stets präsent, ist plötzlich für immer fort. „Das ist eine immense Umstellung.“ Und es wird getrauert, tief und heftig, ein Jahr vielleicht, manchmal länger.

Seit mehr als 20 Jahren berät Thorn Alleinstehende und Paare bei Kinderwunsch, schwerpunktmäßig auch dann, wenn es um Samenspende geht. Dass Singlefrauen ihre Hilfe suchen, kommt mittlerweile immer häufiger vor. Teil von Thorns Beratung ist, darüber zu sprechen, was es bedeutet, wenn eine Behandlung ohne Erfolg verläuft. Doch natürlich bleibt das bis zum Ernstfall Theorie.

 Die endgültige Feststellung, dass der Wunsch sich nicht erfüllen wird, kann aber nach dem ersten Schock und der Trauer fast erleichternd sein. Endlich Klarheit, durch die sichtbar werden kann: Kinder sind nicht das Einzige im Leben, was glücklich macht. „Ein neuer Plan muss her und das muss aktiv angegangen werden“, sagt Petra Thorn. „Gleichzeitig wissen wir jedoch auch, dass es keinen gleichwertigen Ersatz für ein Kind gibt.“

Sich im Ausland inseminieren zu lassen oder Samen dort zu bestellen, ist seit jeher eine Option, die Profile etwa dänischer Spender sind auch sehr umfassend, während in Deutschland lediglich Wunschkriterien angegeben werden können. Zudem unterstützen nicht alle Kliniken und Ärzte in Deutschland Singles und auch lesbische Paare bei dem Versuch, ein Kind durch Samenspende zu empfangen, es gelten die Bestimmungen der Ärztekammern in den unterschiedlichen Bundesländern.

Blond, grüne Augen, Kleidergröße L - das ist der Spender

Daran ändert auch das Samenspenderregistergesetz nichts, das am 1. Juli 2018 in Kraft getreten ist. Das Gesetz regelt vor allem die Aufbewahrung der Spenderdaten und sorgt dafür, dass sich Spenderkinder, sobald sie 16 Jahre alt sind, über ihre Herkunft informieren können. Zuvor ermöglicht es auch den Eltern der Kinder, in deren Namen Informationen über die Identität des Spenders einzuholen, wenn gewünscht sogar schon kurz nach der Geburt. Allerdings schreibt das Gesetz auch fest: Der biologische Vater ist nicht der rechtliche Vater, er muss keine Unterhaltszahlungen leisten und hat keinen Anspruch auf das Sorgerecht

 Auch dänische Spender unterliegen dem Gesetz, wenn ihr Samen von deutschen Frauen genutzt wird.

„Das ist der Spender“, schreibt Jana in einer SMS und schickt den Link zum Profil auf der Internetseite der Samenbank. „Blond, grüne Augen, optisch soll das Kind wenigstens so aussehen wie ich, wenn es schon keinen Vater hat“, schreibt sie. „Rest des Profils ist sehr sympathisch.“ Smiley.

Der Steckbrief des jungen Dänen, der Vater von Janas Kind werden soll, umfasst mehr als zehn Seiten. Er ist Student, bräunt schnell und trägt Kleidergröße L. Er ist Rechtshänder, Nichtraucher und hat keine Allergien. Sich selbst nennt er aufgeschlossen, einfühlsam und intelligent. Er wandert gern. Die Klinik beschreibt ihn als großen, gutaussehenden Mann. Damit er nicht identifiziert werden kann, sind auf dem Profil nur Babyfotos erlaubt. Die zeigen einen fröhlichen kleinen Menschen. In Druckbuchstaben hat er einen kurzen Brief an seine künftigen Kinder verfasst. Er schreibt: Liebes biologisches Kind, ich hoffe, dass du Teil einer liebevollen Familie bist. Ich wünsche dir alles Gute.

Sein Profil ist „offen“, das heißt: seine Kinder dürfen ihn kontaktieren, wenn sie 18 sind. Jana war das sehr wichtig. Sein Sperma ist deswegen auch ein bisschen teurer. Ohne ausführlichen Steckbrief und komplett anonym kostet eine Portion nur 210 Euro.

 Jana ist voller Hoffnung. Sie ist eine patente Frau in einem verantwortungsvollen Job. Was sie anpackt, macht sie mit viel Energie. Als ein Arzt ihr nach einer Knieverletzung empfiehlt, mehr Fahrrad zu fahren, lernt sie Mountainbiken. Ihre sieben Tassen Kaffee täglich hat sie schon vorher auf vier reduziert, das Rauchen vor Jahren aufgegeben. Doch ob sie schwanger wird oder nicht, ist, am Ende, eine Frage des Zufalls.

15 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben