Neue Leiterin der JVA Moabit : "Gefängnis heißt: Das Leben draußen geht ohne Sie weiter"

917 Gefangene, 479 Bedienstete - und Anke Stein. Die neue Leiterin der JVA Moabit über Freiheit, schöne Gefängnisse und die wichtigsten Regeln hinter Gittern. Eine Vorschau auf unser Magazin "Tagesspiegel BERLINER".

 

Regierungsdirektorin Anke Stein, Juristin und neue Leiterin der Justizvollzugsanstalt Moabit ; fotografiert im Zellentrakt der JVA Moabit in Berlin-Mitte.
Regierungsdirektorin Anke Stein, Juristin und neue Leiterin der Justizvollzugsanstalt Moabit ; fotografiert im Zellentrakt der JVA...Foto: Thilo Rückeis

Anke Stein, 47, ist seit September 2017 Leiterin der Justizvollzugsanstalt Moabit - als erste Frau überhaupt. Zuvor plante und leitete ie studierte Juristin die neu errichtete Haftanstalt Heidering in Großbeeren, südlich von Berlin.

Frau Stein, wie nennen Sie die Justizvollzugsanstalt umgangssprachlich? Knast?

Nein, ich benutze das Wort nicht. Es sei denn, ich habe Hunger, dann habe ich vielleicht Knast. Wenn mich jemand etwas fragt, will er etwas über Gefängnisse wissen.

Was ist der Unterschied?

"Knast" ist negativ besetzt. "Gefängnis" beschreibt das, was wir sind: ein Ort, an dem Menschen gegen ihren Willen wohnen. Wir halten Menschen gefangen, das ist unsere Aufgabe. Deswegen ist "Gefängnis" für mich kein negativ besetzter Begriff, auch "Gefangener" nicht. Aber "Knast", "Häftling", "Knacki", das entspricht nicht der Würde der Menschen, für die wir zuständig sind. Und noch was ...

In Hof 5 der JVA Moabit steht ein Baum, Klettern verboten.
In Hof 5 der JVA Moabit steht ein Baum, Klettern verboten.Foto: Fabian Brennecke

Ja?

Noch viel weniger sage ich zu meinen Bediensteten "Wärter", "Wächter" oder "Schließer". Ich frage mich immer, was wir eigentlich tun müssen, damit anerkannt wird, welch gute Arbeit im Justizvollzug geleistet wird. Seit es so was gibt wie "Panda, Gorilla und Co.", sagen jetzt alle "Tierpfleger". Ich frage mich, ob wir auch eine Doku-Soap machen müssen, bis die Bediensteten endlich so genannt werden, wie es ihnen gebührt.

Ernst gemeinte Frage: Warum stecken wir Menschen überhaupt ins Gefängnis?

Wenn diese Gesellschaft einen besseren Weg wüsste, um mit Menschen umzugehen, die sich gegen die Regeln erheben, dann müsste es vielleicht keine Gefängnisse geben. Aber wir sind ja in Deutschland nicht so schlimm, wie es jetzt klingt. Gefängnisverurteilungen sind die absolute Ausnahme. 80 Prozent aller Strafen sind Geldstrafen, nur 20 Prozent Freiheitsstrafen - und von denen wird der überwiegende Anteil auf Bewährung erteilt, nur fünf Prozent aller Verurteilten gehen direkt ins Gefängnis. Wir haben sehr niedrige Inhaftiertenzahlen, auch im europäischen Vergleich, mit den USA oder Russland möchte ich uns sowieso nicht vergleichen.

Trotzdem sitzen allein in Moabit 900 Gefangene ein.

Wenn wir jetzt über Strafhaft reden, würde ich sagen: zu Recht. Da ist so viel passiert, dass mir nicht einfällt, was wir sonst machen sollten. Man kann immer noch überlegen, ob diese Leute in den geschlossenen oder offenen Vollzug kommen. Reicht es vielleicht, wenn wir in den Tagesablauf eingreifen, sie ein bisschen strukturieren, sie begleiten? Sie müssten dann vielleicht nur acht Stunden am Tag in der Anstalt sein, den Rest der Zeit sind sie frei, können sogar einer normalen Beschäftigung nachgehen. Berlin hat 900 von insgesamt knapp 3800 Haftplätzen im offenen Männervollzug, das ist richtig viel.

Für Sie als Fachfrau für Unfreiheit: Was ist eigentlich Freiheit?

Dass ich meine eigenen Entscheidungen treffen kann. Und dass ich mich und meine Entscheidungen verantworten darf. Ich glaube, in dieser Quintessenz empfindet das jeder Mensch so. Natürlich auch die Gefangenen. Die sind ja in genau diesem Sinne unfrei. Weil wir ihnen sagen, wie der Tag sein wird. Und ihnen nur einzelne Fenster eröffnen können, wo sie für sich selbst agieren dürfen. Ich habe da ein Beispiel, an dem ich gern erkläre, was Gefängnis ist.

Haftraumtür. Beschilderung gibt Hinweise auf die Bewohner.
Haftraumtür. Beschilderung gibt Hinweise auf die Bewohner.Foto: Fabian Brennecke

Gerne.

Machen Sie mal ein Experiment: Sie halten sich in Ihrer Wohnung nur in einem Zimmer auf. Sie sind dabei nicht alleine, sondern haben die ganze Zeit einen anderen Menschen um sich herum. Und immer wenn Sie etwas möchten, was sich nicht in diesem Zimmer befindet, zum Beispiel Klopapier, müssen Sie fragen.

Klingt lästig.

Stellen Sie sich vor, es ist ein schöner Tag, die Sonne scheint. Sie dürfen nachher noch spazieren gehen - aber der Wetterbericht hat gesagt, ab drei Uhr regnet's, und raus darf ich erst ab vier.

Frustrierend!

Wenn Sie das ein Wochenende lang gemacht haben, am besten an einem, an dem Ihr Partner oder Ihre Partnerin abends eine tolle Feier hat, zu der Sie natürlich nicht mitgehen, dann haben Sie vielleicht ein bisschen eine Vorstellung davon, was Freiheitsentzug heißt. Egal wie schön es bei Ihnen zu Hause ist, es wird Ihnen so was von reichen. Gefängnis heißt: Das Leben der anderen da draußen geht ohne Sie weiter.

Das vollständige Interview mit vielen weiteren Erzählungen über gestreifte Anstaltskleidung, die erste Nacht im Gefängnis und Zehn-Kilometer-Läufe hinter Mauern lesen Sie in unserem Magazin "Tagesspiegel BERLINER". Der untenstehende Link führt Sie zum kostenlosen ePaper - nach einer wirklich schnellen und unkomplizierten Registrierung!

Autor

2 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben