Dinosaurier in Berlin : Vom Fossil zur Ikone

Der Berliner Brachiosaurus zwischen Kolonialgeschichte und Populärkultur.

Patricia Pätzold
Auf großem Fuß lebte der Brachiosaurus brancai. Sein Skelett und weitere Saurierknochen sind Besuchermagneten im Berliner Naturkundemuseum.
Auf großem Fuß lebte der Brachiosaurus brancai. Sein Skelett und weitere Saurierknochen sind Besuchermagneten im Berliner...Foto: Mike Wolff

Unter glühender Sonne schleppen Hunderte afrikanischer Arbeiter tagelang schwere Kisten durch unwegsames Gelände. Über Jahre gelangen so aus dem Kronland am Fuße des Berges Tendaguru, einer für einheimische Siedlungen verbotenen Zone, rund 250 Tonnen Knochen- und Skelettteile zum tansanischen Seehafen Lindi. Von dort werden sie ins ferne kalte Deutschland verschifft. Wissenschaftler der deutschen Kolonialherren hatten am Tendaguru von 1909 bis 1913 gemeinsam mit bis zu 500 afrikanischen Arbeitern einen der bedeutendsten paläontologischen Funde ausgegraben; darunter auch das fast vollständige Skelett eines gewaltigen Dinosauriers aus dem Jura: Brachiosaurus brancai, fast 13 Meter hoch und von Kopf- bis Schwanzspitze mehr als 20 Meter lang.

Mareike Vennen wirkt fast zerbrechlich zwischen den riesigen Füßen der mächtigen Urechse im Lichthof des Berliner Naturkundemuseums, wo der Brachiosaurus brancai als eine der Hauptattraktionen heute jährlich Hunderttausende Besucher anzieht. „Er wurde mehrmals ab- und wiederaufgebaut und zuletzt 2007 nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen umgestaltet“, sagt die Kulturwissenschaftlerin. „Er ist mehr als ein besonderes naturkundliches Objekt, er ist auch ein Symbol populärer Wissenschaftsvermarktung.“

Sie erforscht, wie Objekte zur Ikone werden, wie sich populäre Attraktion und Wissenschaft gegenseitig beeinflussen, wie insbesondere aus den fossilen Funden von 1909 ein weltweit berühmtes naturhistorisches Ausstellungsstück wurde. Ihr Projekt „Der Dinosaurier als museales und populäres Objekt“ gehört zum BMBF-geförderten Forschungsprojekt „Dinosaurier in Berlin“, an dem die Technische Universität Berlin, die Humboldt-Universität zu Berlin und das Museum für Naturkunde Berlin beteiligt sind. Seit 2015 erforscht die Gruppe, wie die Fossilien in den Besitz des Museums gekommen sind und wie der Brachiosaurus zur politischen, wissenschaftlichen und kulturellen Ikone wurde. Mareike Vennen ist auch Teil des Forschungsverbunds „translocations“ zur Provenienz- und Erwerbsforschung am TU-Fachgebiet Kunstgeschichte der Moderne.

Die Fundstelle In Tansania wurde zu „herrenlosem Land“ erklärt

1908 hatte das Deutsche Kaiserreich die Fundstelle im tansanischen Kolonialgebiet Deutsch-Ostafrika kurzerhand zu „herrenlosem Land“ erklärt, um Einheimische, die nicht als Arbeiter gebraucht wurden, fernzuhalten und die Funde „legal“ zu konfiszieren. Heute arbeiten Wissenschaftler, Staatsorgane und Archive beider Länder zusammen. Neue Funde bleiben im Land. Immer wieder keime in Tansania die Forderung nach Rückgabe der Fossilien als kulturelles Erbe auf, so Mareike Vennen. Sie werde aber aus finanziellen und politischen Gründen nicht kontinuierlich verfolgt.

„Überall in Tansania stießen wir auf großes Interesse und auf große Kooperationsbereitschaft“, erzählt die Wissenschaftlerin. Auf einer Forschungsreise sprach sie mit Mitarbeitern in Museen wie dem House of Culture in Dar es Salaam, dem National Natural History Museum in Arusha oder dem Maji Maji Memorial Museum in Songea, in Archiven und Verwaltungen. „Aber auch zufällige Gespräche, im Bus, im Taxi, auf der Straße zeugten von regem Interesse der Bevölkerung, wobei das Vorwissen über Dinosaurier und den Brachiosaurus unterschiedlich ausfällt.“

Die großen Urzeit-Echsen lassen die Kassen klingeln

In der westlichen Welt sind Dinosaurier dagegen sehr populär. Und der Medienrummel, so Mareike Vennen, die lawinenartige Produktion von Plastik- und Kuscheltier-Dinos setzte nicht erst mit dem Kinohit „Jurassic Park“ von 1993 ein. Schon 1977 lief in Deutschland die japanisch-amerikanische Koproduktion „The last Dinosaur“ an. Auch „King Kong und die weiße Frau“ (1933) oder „The Lost World“ (1925) ließen mit dem Grusel um die großen Urzeit-Echsen schon die Kassen klingeln. Wie also wurden Objekte wie der Brachiosaurus öffentlich konstruiert und animiert, wie wurden sie museal und medial von der Grabungskampagne bis heute inszeniert? Und wie wandelte sich die Rolle des Dinosauriers als Teil einer internationalen populären und musealen Kultur im Laufe des 20. und 21. Jahrhunderts? Was passierte während des Transfers vom Grabungsfeld ins Museum? Mareike Vennen fand zum Beispiel Manuskripte von populären Vorträgen der Wissenschaftler oder kolorierte Dias von damaligen Diashows in der Urania.

An die Geschichte der Ausgrabung wird schon jetzt im Museum erinnert: Zu Füßen des Brachiosaurus findet sich der Besucher auf dem Ausgrabungsfeld am Tendaguru um 1910 wieder. Eine Spitzhacke steckt in einem Haufen steiniger Erde, Schaufel, Hammer, Dreieckskelle, Stemmeisen und Pinsel liegen kreuz und quer zwischen felsigem Gestein, Staub und Schmutz. Die Arbeit ruht, denn es gab einen Fund: Zwei riesige Knochengebilde ragen aus dem trockenen, steinigen Boden, noch nicht ganz freigelegt. „Doch hier soll noch mehr geschehen“, sagt Mareike Vennen. „Mit dem Projekt setzen wir uns für eine stärkere Auseinandersetzung mit der kolonialen Vergangenheit auch in der Inszenierung der Ausgrabung im Naturkundemuseum ein.“

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