Zeitung im Salon mit Christoph von Marschall : Was Deutschland leisten muss

Mehr Europa wagen: Christoph von Marschall präsentiert sein neues Buch „Wir verstehen die Welt nicht mehr“.

Die Sicht der Partner. Christoph von Marschall hat für sein neues Buch mit Politikern und Vordenkern aus den USA, Frankreich, Polen und Brüssel gesprochen.
Die Sicht der Partner. Christoph von Marschall hat für sein neues Buch mit Politikern und Vordenkern aus den USA, Frankreich,...Foto: Mike Wolff

„Gefühlig“: Das ist ein Wort, das Christoph von Marschall gerne verwendet, wenn er über politische Debatten in Deutschland spricht. Die Deutschen, ob Bevölkerung oder Medienvertreter, neigen demnach zum „Gefühligen“, sie beurteilen die politische Lage eher emotional als dass sie nüchtern Handlungsoptionen abwägen – und sie sehen sich gerne als Mittelpunkt der Welt, ohne sich um die Sicht der anderen zu scheren. „Das führt manchmal zu absurden Diagnosen, zum Beispiel dass wir auf die Partnerschaft mit den USA verzichten könnten, nur weil wir Trump nicht mögen“, wundert sich von Marschall. Der langjährige USA-Korrespondent und jetzige Diplomatische Chefkorrespondent des Tagesspiegels bemüht sich in seinem soeben erschienenen Buch um eine betont rationale Analyse der aktuellen Weltlage. Wie schwierig das ist, zeigt schon der Titel: „Wir verstehen die Welt nicht mehr“.

Gespräche in USA, Frankreich, Polen, Brüssel

Dass die Welt „aus den Fugen ist“, ist seit einigen Jahren ein Allgemeinplatz. Aber wie soll die deutsche Politik auf eine veränderte Weltlage reagieren, in der das westliche Modell zunehmend von autoritären Regimen in Frage gestellt wird? Zunächst einmal könnte sie darauf hören, was die verbliebenen Partner von Deutschland erwarten. Genau diese Erwartungen hat von Marschall für sein Buch zusammengetragen. Als Stipendiat der ZEIT Stiftung und des German Marshall Fund hat er zehn Monate in Washington verbracht und von dort aus Reisen nach Brüssel, Paris, Warschau unternommen. Er hat mit Regierungsmitgliedern, Oppositionellen und Mitgliedern von Think Tanks gesprochen und immer wieder danach gefragt, wie die Entscheider in den USA, Frankreich, Polen und der EU die Politik Deutschlands bewerten. Dabei half ihm, dass er als Schüler, Student und später als Journalist in Frankreich, Polen und USA gelebt hat und die Landessprachen fließend spricht. Die Ergebnisse seiner Reisen stellt von Marschall im Tagesspiegel-Salon am 3. September im Gespräch mit Chefredakteur Stephan-Andreas Casdorff vor.

Wichtigster Punkt: Sicherheit und Militär

„Die Gespräche waren vertraulich“, erzählt von Marschall. „Mir ging es darum, ehrliche Einschätzungen zu erhalten. Erst hinterher habe ich geklärt, mit welchen Aussagen ich meine Gesprächspartner zitieren durfte.“ Für ihn selbst überraschend: Ganz viele Befragte nannten als ersten und wichtigsten Punkt Sicherheit und Militär. Dass Deutschland sich mit Verweis auf seine Geschichte eine Sonderrolle zumesse, treffe auf wenig Verständnis. „Sie fragen: Wie kann Deutschland einen gleichberechtigten Beitrag leisten, wenn vor jedem Kampfeinsatz das Parlament gefragt werden muss – und deutsche Soldaten nur mit Einschränkungen eingesetzt werden können?“

Deutschland ignoriere das Nato-Ziel, zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Verteidigung auszugeben. Dabei sei eine glaubhafte Abschreckung – und nur das könne das Ziel von Aufrüstung sein – nicht möglich, solange die Bundeswehr und überhaupt die deutsche Infrastruktur so defizitär seien. „Nur ein Beispiel: Wenn Russland die baltischen Länder angriffe, müssten rasch Nato-Einsatzkräfte dorthin geschafft werden. Das ist aber nicht möglich, weil viele deutschen Brücken keine Panzertransporte zulassen!“

Die Welt braucht mehr Europa

Zurück zum „Gefühligen“. Trump ist bei den Deutschen so unbeliebt, dass einige Kommentatoren aus Abneigung gegen seine Rüpeleien gleich die ganze transatlantische Partnerschaft abschrieben und sogar China als geeigneteren Partner und als Vorbild in Sachen Klimaschutz und offenen Handel hinstellten. Verrückt, aus Marschalls Sicht. Deutschland könne auf die USA als Partner nicht verzichten, müsse aber in einem veränderten Bündnis eine verantwortungsvollere Rolle übernehmen. Für ihn steht fest: Die Deutschen können sich nicht mehr darauf verlassen, dass die USA ihre Sicherheit garantieren und die Handelswege offen halten. „Wir haben als Exportweltmeister am meisten von der liberalen Ordnung profitiert“, sagt von Marschall. „Deswegen müssen wir jetzt auch mehr dafür tun, um das westliche Modell zu verteidigen.“ Die Welt brauche „nicht weniger USA, sondern mehr Europa“.

Zeitung im Salon mit Christoph von Marschall und Stephan-Andreas Casdorff, 3. September, 19 Uhr, Askanischer Platz 3, 16 Euro inkl. Sekt und Snack.

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