
© Biblioteka Narodowa, Warschau
Grenzen aus Sicht der Wissenschaft: Forschende fragen nach der Historie des Begriffs
Stiften Grenzen Frieden? Und wie verbinden sie Kontrolle, Bewegung und Überschreitung? Römische Feldmesser und eine Mikrogeschichte der Grenzregime in Osteuropa liefern Antworten.
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Auf dem kapitolinischen Hügel in Rom, so erzählt es Jens-Olaf Lindermann, stand laut Ovid einst eine Statue für Terminus: den Gott der Grenze. Der stand hoch im Kurs, weil dem Dichter zufolge die Grenze die Grundlage jedes friedlichen Zusammenlebens war. Das Standbild des Gottes Terminus wurde mit solcher Ehrfurcht behandelt, dass es auch dann nicht verrückt wurde, sondern an Ort und Stelle verblieb, als andere, wichtigere Götter wie Jupiter ihren Platz im Zentrum des Kapitols beanspruchten.
Jens-Olaf Lindermann ist Latinist und Editionsphilologe; er war lange im Exzellenzcluster Topoi an der Freien Universität beschäftigt und arbeitet derzeit an seiner Habilitation. Bis vor Kurzem war er in einem von der Gerda-Henkel-Stiftung geförderten Editionsprojekt tätig. Beide Vorhaben widmen sich einem
Thema, das mit der Grenze und ihren Voraussetzungen zu tun hat: den römischen Landvermessern.
Land wird vermessen und so teilbar
Man muss es sich als ordnende und rechtssichernde Vermessung der Welt vorstellen: die Feldmesser, die als intellektuelle Speerspitze der römischen Eroberung und Einverleibung immer größerer Teile Italiens, Europas, des ganzen Mittelmeer- und vorderasiatischen Raumes fungierten. Jede Straße, jedes Heerlager, jede neue Stadt wurde überhaupt erst dadurch ermöglicht, dass die Agrimensoren, wie die Feldmesser auf Latein heißen, das Land vermaßen, und damit beherrschbar, aufteilbar, greifbar machten.
Jens-Olaf Lindermann hat zentrale Autoren aus den Schriften der römischen Feldmesser (Corpus agrimensorum Romanorum) erforscht und herausgegeben. Im Arcerianus, einer Handschrift aus dem fünften und sechsten Jahrhundert nach Christi Geburt, heute in der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel, sind die Texte erstmals schriftlich gesammelt.
Es sind für Laien teils schwer verständliche, technische Schriften, die aber die Grundlage für alle mathematischen vermessungstechnischen Kenntnisse noch des ganzen europäischen Mittelalters darstellten.
Lindermann hat dabei auch herausgefunden, dass die Geschichte der römischen Literatur in Bezug auf einen der wichtigsten Feldmesser neu geschrieben werden muss: Iulius Frontinus, den Lindermann auf eine spätere Zeit datiert, als das bisher der Fall war, und der sich von seinem Namensvetter Sextus Iulius Frontinus unterscheidet, mit dem man ihn bis heute verwechselt hatte.
Der Feldmesser Hyginus schreibt: „Unter allen Ausführungen von Vermessungen soll die Festlegung der Grenzlinien die wichtigste sein. Sie ist nämlich himmlischen Ursprungs und dauerhaften Zusammenhangs.“ Die Grenzen, die Hyginus meint, konnten dabei dreierlei Art sein: zwischen privaten Besitztümern, zwischen dem Einzelnen und dem Land in Staatsbesitz und solche, die die Landmesser in neu eroberten Gebieten zogen, wenn sie das Land vermaßen und parzellierten, also aufteilten.
Auf Latein gibt es gleich mehrere Wörter, um eine Grenze zu benennen: limes, finis oder rigor. Sie haben verschiedene Bedeutungen, aber keines meint eine politische Landesgrenze, wie wir sie heute zwischen Staaten kennen.
Denn das Römische Reich hatte selbst keine Grenzlinie, sondern eher ausfransende Enden des eigenen Einflussbereichs, „fuzzy borders“, nennt das Lindermann und verwendet damit einen Begriff, der von einer Forschungsgruppe um Friederike Fless und Stefan Esders geprägt wurde. Weshalb es auch keinen Schlagbaum, keinen Pass und nichts von jenem Grenzregime gab, das sich erst viel später in der europäischen Moderne herausbildete.
Politische Grenze und Schlagbaum
Wie genau das passierte, welche Formen es annahm und welche Kräfte dabei am Werk waren, erforscht die Historikerin Franziska Exeler. Die Expertin für ost- und ostmitteleuropäische Geschichte und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Friedrich-Meinecke-Institut der Freien Universität seziert die Entstehung moderner Grenzregime in der „Dreikaiserreichsecke“ in einer globalen Mikrogeschichte: in jener Region zwischen Katowice und Krakau, in der von 1871 bis zum Ende des Ersten Weltkrieges die internationalen Grenzen des deutschen Kaiserreichs, des russischen Imperiums und Österreich-Ungarns aufeinandertrafen.
Hier zeigte sich besonders gut jenes System aus Staatsbürgerschaft, politischer Grenze, Reisedokumenten und Schlagbaum, das bis heute den Übertritt von Menschen über Staatsgrenzen zugleich ermöglicht und kontrolliert. „Im 19. Jahrhundert beobachten wir, wie europäische Staaten ihre Staatlichkeit ausbauen, indem sie Kolonien erobern und zugleich nach innen eine administrative Vereinheitlichung vollziehen“, erläutert Franziska Exeler.
„Es fallen allerlei Binnengrenzen weg, wie das etwa nach der Gründung des Norddeutschen Bundes 1867 und schließlich nach der Gründung des Deutschen Kaiserreichs 1871 der Fall war. Im Laufe des Jahrhunderts vereinheitlicht sich der politische Raum im Inneren, die Bedeutung der Grenze wandert nach außen, auch die Zollgrenzen, die vorher oftmals noch zwischen verschiedenen Regionen verlaufen konnten.“
Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts wird unter Historikern oft als eine Epoche der relativen Freizügigkeit in Europa angesehen.
Exeler kann diese Darstellung jedenfalls dahingehend korrigieren, dass dies nur für Teile von West- und Zentraleuropa zutraf: In der von ihr untersuchten Region, wo Zarenreich, Deutsches Kaiserreich und die k.u.k.-Monarchie aufeinandertrafen, lässt sich vielmehr jene Dialektik aus Kontrolle und Durchlässigkeit beobachten, aus Eingrenzung, Öffnung und versuchter Lenkung von Migrationsbewegungen, die bis heute europäische Grenzen selbst noch in der Europäischen Union kennzeichnet.
Entlang der russisch-habsburgisch-preußischen Grenze beobachten wir in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts einen Trend, der zugleich auch ein globales Phänomen ist: die Tendenz von Staaten, Arbeitsmigration auf Grundlage von Ethnizität zu regulieren.
Franziska Exeler, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Friedrich-Meinecke-Institut für Geschichtswissenschaft
„Entlang der russisch-habsburgisch-preußischen Grenze beobachten wir in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts einen Trend, der zugleich auch ein globales Phänomen ist: die Tendenz von Staaten, Arbeitsmigration auf Grundlage von Ethnizität zu regulieren“, sagt Exeler.
„In den USA führt das zum Chinese Exclusion Act von 1882, in Ostmitteleuropa geht es um die Arbeitsmigration von polnischsprachigen Bewohnern des russischen Imperiums und polnischsprachigen Bewohnern Galiziens, also des nordöstlichen Teils Österreich-Ungarns, die auf Druck Preußens ganz stark reguliert und begrenzt wird.“
Dass es überhaupt zu Migration und damit dem Versuch, sie zu kontrollieren, kommen konnte, lag an der Abschaffung der Leibeigenschaft in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts und der Gestattung der Freizügigkeit im Norddeutschen Bund. Das führt dazu, dass viele landwirtschaftliche Arbeiter aus den östlichen Provinzen Preußens ins Ruhrgebiet ziehen, weil die dortige Bergbauindustrie deutlich bessere Verdienstmöglichkeiten bietet.
Dadurch fehlen allerdings bald die Arbeitskräfte in den östlichen Provinzen Preußens, auf den großen landwirtschaftlichen Gütern. Umgekehrt will man in Preußen zwar die günstigen Arbeitskräfte aus Galizien und dem Königreich Polen, das Teil des russischen Imperiums war, will aber auch vermeiden, dass sie bleiben, sich niederlassen, heiraten und Kinder bekommen.
Historische Entwicklungen hallen nach
Die Mikrogeschichte moderner Grenzregime am Beispiel der Dreikaiserreichsecke, die Exeler verfolgt, untersucht aber nicht nur die Ost-West-Migration saisonaler Arbeitskräfte in die preußische Landwirtschaft, sondern noch drei weitere Migrationsformen, die stark von staatlicher Regulierung geprägt waren: die Auswanderung nach Amerika, vor allem aus dem russischen Imperium, den lokalen „irregulären Grenzverkehr“ in Form von Warenschmuggel und (potenziellem) Frauenhandel und schließlich die Arbeitsmigration in die russisch-polnische Steinkohleindustrie, die Ende des 19. Jahrhunderts einsetzt und die nun von West nach Ost stattfindet, von Oberschlesien und Galizien in das Königreich Polen.
Es ist erstaunlich, wie vieles von derartigen Entwicklungen der Vergangenheit in heutigen Debatten über Migration, Grenzöffnungen und -schließungen nachhallt: Auch wenn Terminus, der Gott der Grenze, schon längst in Vergessenheit gefallen ist.
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