zum Hauptinhalt
Fragment eines Rohglasbarren in einem Keramiktiegel

© Anna Hodgkinson

Kunsthandwerk im antiken Ägypten: Welche Erkenntnisse liefern neue Grabungen?

Kunstwerke wie die Nofretete sind vor mehr als 3000 Jahren entstanden. Forschende der Freien Universität interessiert, wie die Handwerker damals gearbeitet haben.

Von Dennis Yücel

Stand:

Echnaton, der rund 1350 Jahre v. u. Z. die Thronfolge im antiken Ägypten antrat, galt als ein revolutionärer Herrscher. Der Pharao bricht mit dem klassischen Vielgötterglaube seiner Zeit, lässt dessen Anhänger verfolgen und Kultstätten zerstören. In seinem Reich etabliert Echnaton den Glauben an den Sonnengott Aton.

Ihm zu Ehren gründet er die Stadt Achet-Aton, rund 320 Kilometer südlich des heutigen Kairo. Sie soll künftig als neue Hauptstadt des Reiches fungieren. „Dort kam es innerhalb weniger Jahre zu einer ganz neuen Blüte altägyptischer Handwerkskunst“, sagt Anna Hodgkinson, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Ägyptologie der Freien Universität. „In der Epoche des Neuen Reiches kam es zu einer regelrechten Explosion der Farben. Alles wurde bunt – Schmuck und Kunstwerk ebenso wie Häuser und religiöse Stätten.“

Stadt existierte rund 20 Jahre

Viele der eindrucksvollen Kulturgüter, die uns aus dem antiken Ägypten überliefert sind, stammen aus dieser Zeit. So etwa auch die berühmte Büste der Nofretete – Echnatons Gemahlin –, die im Neuen Museum in Berlin ausgestellt ist. Sie wurde im Jahr 1912 im Rahmen einer Grabungskampagne unter Leitung des deutschen Ägyptologen Ludwig Borchardt in Amarna entdeckt, wie das Grabungsgebiet um Echnatons einstige Hauptstadt heute genannt wird.

„Die Handwerker des antiken Ägypten waren einzigartig im Geschick und hochinnovativ“, sagt Anna Hodgkinson. „In dieser Zeit erreichten verschiedene Hochtemperaturtechnologien, das heißt die Herstellung von Kupferlegierungen, Glas, Fayence und künstlichen Pigmenten einen neuen Höhepunkt. Sie verwendeten Techniken, von denen wir selbst heute noch nicht ganz sicher sagen können, wie sie funktionierten.“

Techniken untersuchen

Gemeinsam mit ihrem Kollegen Frederik Rademakers vom British Museum in London will die Ägyptologin die Techniken und vielfältigen Arbeitsbeziehungen der Handwerker von Amarna nun besser untersuchen. Im Rahmen des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und dem britischen Arts and Humanities Research Council (AHRC) geförderten Projekt „Craft Interactions in a New Kingdom Industrial Landscape (Egypt, 1550 – 1069 BCE)“ untersucht das Team insbesondere, auf welche Art und Weise die verschiedenen Hochtemperaturtechnologien der Zeit miteinander verflochten waren.

Stephanie Boonstra und Anna Hodgkinson sind wissenschaftliche Mitarbeiterinnen am Institut für Ägyptologie

© privat

„Uns geht es vor allem darum zu verstehen, wie Kupfer und Kupferlegierungen verwendet wurden“, sagt Anna Hodgkinson. „Das Material fand damals Einsatz als Farbstoff für Fayence, Glas und Ägyptisch-Blau.“ Die Produktion von ägyptischer Fayence, einer Art Quartzkeramik, begann in Ägypten bereits rund 4500 Jahre v.u.Z. Die Menschen nutzten dabei vermutlich die Rohstoffe, die sie vor Ort fanden. Zunächst mischten sie Quarz oder Sand mit Kalk und Pflanzenasche in Wasser zu einer Paste.

Zusätzlich gaben sie metallische Farbstoffe wie Kupfer hinzu. „Bevor die Masse getrocknet und im Ofen gebrannt wurde, hatte sie zunächst die Konsistenz von Zahnpasta“, sagt die Ägyptologin Stephanie Boonstra, die an der Freien Universität ebenfalls in dem Projekt tätig ist. „Bis heute ist es uns ein Rätsel, wie es den Menschen damals gelang, daraus derart komplexe Kunstwerke zu formen.“

Glas entsteht aus denselben Rohstoffen wie Fayence. „Wir nehmen an, dass Glas zunächst unbeabsichtigt entstanden ist, wenn die Fayence bei zu hohen Temperaturen gebrannt wurde“, sagt Anna Hodgkinson. „Die gezielte Glasproduktion begann jedoch erst im Neuen Reich.“

Aus Fayence und Glas entstanden in Amarna farbenprächtige Kunstwerke wie Gefäße, Einlagen und Fliesen und Schmuck, die das Bild vom antiken Ägypten bis heute prägen. Doch nur rund 20 Jahre nach ihrer Gründung wird die Stadt schrittweise aufgegeben. „Wir wissen nicht genau, was passiert ist“, sagt Stephanie Boonstra.

Viele Menschen verließen Amarna damals ziemlich eilig. Sie ließen sie damit für uns gewissermaßen in einem Zustand zurück, als sei dort gerade noch gearbeitet worden.

Anna Hodgkinson, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Ägyptologie

„Aber feststeht, dass die Stadt nach Echnatons Tod nach wenigen Jahren nicht mehr als Hauptstadt fungierte, und bald als Steinbruch genutzt wurde.“ Ironischerweise finden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in Amarna gerade durch den raschen Niedergang der Stadt exzellente Bedingungen vor. „Viele Menschen verließen anscheinend die Stadt damals ziemlich eilig“, sagt Anna Hodgkinson. „Sie ließen sie damit für uns gewissermaßen in einem Zustand zurück, als sei dort gerade noch gearbeitet worden.“

Neben den Überresten der Öfen fänden sich noch heute Gegenstände aus dem Produktionsalltag, berichtet Anna Hodgkinson. „Werkzeuge wie Pinzetten oder auch Schmelztiegel“, sagt sie, „auch Fehlproduktionen oder Abfälle und selten auch Rohmaterialien.“

Im kommenden Jahr planen Hodgkinson und Boonstra neue Ausgrabungen an einer bereits 1921 erstmals freigelegten, aber bislang fast undokumentierten Werkstatt, in welcher laut dem Grabungstagebuch des Archäologen Angelo George Kirby Hayter Fayence, Glas und Achat verarbeitet wurden. „Wir werden sehr vorsichtig graben und jeden Befund einzeln dokumentieren“, sagt Anna Hodgkinson. „Auf diese Weise können wir die Funde gänzlich neu interpretieren.“

Handwerker traurige Gestalten?

Zusätzlich zu den Ausgrabungsarbeiten sollen die Bestände aus Sammlungen in Großbritannien und Deutschland neu untersucht werden. Mittels portabler Röntgenfluoreszenz-Analyse soll die grobe Zusammensetzung einer großen Anzahl von Objekten geklärt werden. „Wir wollen insbesondere Kupfer und andere Metalle wie Kobalt und Bleiantimonat untersuchen, die als Farbstoffe verwendet wurden“, sagt Anna Hodgkinson. „Unter dem Rasterelektronenmikroskop sehen wir uns dann an, wie genau sie in den einzelnen Objekten verteilt sind.“

Auskunft über die Herkunft sollen Massenspektrometrie und Isotopenanalysen geben. Dabei werden kleine Proben auf mehrere Tausend Grad erhitzt. So lassen sich selbst winzigste Spuren von Elementen präzise nachweisen.

Den Handwerkern selbst sei im antiken Ägypten offenbar wenig Ruhm zugekommen, berichtet Anna Hodgkinson. In überlieferten Texten seien sie mitunter als arme, traurige Gestalten karikiert worden. „Wir hingegen gehen davon aus, dass es aktive Mitglieder der ägyptischen Gesellschaft waren, die in und um Amarna vielfältige und komplexe Netzwerke pflegten“, sagt sie. „Nur so ist es ihnen gelungen, Dinge zu schaffen, die uns mehr als 3000 Jahre später noch in ihren Bann ziehen.“

Zur Startseite

showPaywall:
false
isSubscriber:
false
isPaid:
console.debug({ userId: "", verifiedBot: "false", botCategory: "" })