Die Unsichtbaren im Dax : „Der Einfluss der Stimmrechtsberater dürfte gewaltig sein“

Glass Lewis und ISS empfehlen Investoren, wie sie auf Hauptversammlungen votieren sollen. Experten fürchten sich inzwischen vor ihrem Einfluss.

Laurin Meyer
Handelssaal der Frankfurter Wertpapierbörse
Handelssaal der Frankfurter WertpapierbörseFoto: dpa/Arne Dedert

Auf dem Schreibtisch von Anke Zschorn stapeln sich gerade Hunderte Seiten Papier. Es sind die Tagesordnungen für Hauptversammlungen deutscher Konzerne, die ihre Treffen zumeist jetzt im Frühjahr abhalten. Drei bis vier solcher Tagesordnungen studiert Zschorn täglich. „Für andere Dinge bleibt da keine Zeit.“

Zschorn ist Leiterin der Analyseabteilung von IVOX Glass Lewis, einem sogenannten Stimmrechtsberater. Sie empfiehlt großen Investoren, wie sie auf Hauptversammlungen bei wichtigen Entscheidungen votieren sollten. Wer zieht in den Aufsichtsrat ein? Wie hoch soll die Dividende ausfallen? Soll der Vorstand entlastet werden?

Bei solchen Fragen brauchen vor allem die institutionelle Anleger wie Fondsgesellschaften oder Versicherungen Hilfe. Diese sind nämlich oft an Tausenden Unternehmen beteiligt – an zu vielen also, um sich selbst etwa über Pläne des Vostands zu informieren. Einige Experten fürchten sich aber inzwischen vor dem Einfluss der Beraterfirmen.

Zwischen 20 und 80 Prozent der Stimmen auf Hauptversammlungen könnten mittlerweile auf Stimmrechtsberater zurückzuführen sein, schätzen sie. Hinzu kommt: Auf zwei US-Firmen entfällt nahezu das gesamte Beratergeschäft. Noch vor Glass Lewis, für dessen Tochterfirma Zschorn arbeitet, steht Institutional Shareholder Services (ISS) als größter Stimmrechtsberater weltweit. Beide Firmen haben einen Marktanteil von rund 90 Prozent.

Berater stellen Richtlinien auf

Für ihre Kunden definieren die Berater vorab Richtlinien für gute Unternehmensführung. Zschorn orientiert sich dabei an den Leitlinien des Bundesverbandes Investment und Asset Management (BVI). Der Mutterkonzern Glass Lewis und ISS stellen ihre Kriterien hingegen auf Basis von Gesprächen mit Investoren auf. Anschließend vergleichen sie: Ist die Höhe der Vorstands-Boni oder der Umstrukturierungsplan mit den Richtlinien vereinbar?

Ihre Ratschläge legen die Berater ihren Kunden dann gesammelt in einem Katalog vor. Das Geschäft scheint lukrativ zu sein: Hatte ISS im Jahr 2014 weltweit noch gut 700 Mitarbeiter, sind es aktuell mehr als 1800. Glass Lewis kommt nach eigenen Angaben auf 360 Mitarbeiter, von denen die Hälfte mit Unternehmensanalysen befasst ist. Sie betreuen mehr als 1300 Kunden, die zusammen 35 Billionen Dollar bewegen.

„Der Einfluss der Stimmrechtsberater dürfte gewaltig sein“, behauptet Daniel Bauer, Vorstandsvorsitzender der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK). Das liege vor allem am Boom sogenannter ETFs, die eine Vielzahl von Unternehmen umfassen. Die großen Anbieter wie Blackrock müssten jährlich tausende Hauptversammlungen besuchen, die zeitlich meist auch nah beieinander liegen.

Um vorher Tagesordnungen zu lesen, fehlt Zeit und Personal. „Wie dann eine Einzelfallprüfung möglich sein soll, erschließt sich mir nicht“, sagt Bauer. Soll heißen: Die Investoren könnten in großem Maße blind auf die Ratschläge der Berater vertrauen.

Immer wieder sorgen die Empfehlungen der Firmen für Aufsehen – zuletzt im März, als sich ISS beim Schweizer Logistikkonzern Panalpina gegen die Pläne des größten Aktionärs stellte. Und vor gut drei Jahren rieten die Berater dazu, den damaligen Aufsichtsratschef des Pharmakonzerns Stada, Martin Abend, zu stürzen. Ob er sich ohne das negative Zeichen hätte halten können, lässt sich im Nachhinein kaum beantworten. Seinen Posten musste Abend jedenfalls räumen.

Berater ärgern sich über Vorwürfe

Über den Vorwurf, sie hätten zu viel Macht, ärgern sich Stimmrechtsberater wie Zschorn gelegentlich. „Wir sagen unseren Kunden ja nicht, dass sie genau so abstimmen müssen wie wir empfehlen“, erklärt die Beraterin. Sie vermutet, dass sich manche Konzerne hinter dem Vorwurf verstecken wollen, „weil Berater unangenehme Empfehlungen aussprechen“, sagt Zschorn auf Anfrage. „Ich sehe manchmal Anträge, hinter denen sich miserable Unternehmensführung verbirgt.“

Da würden dann nicht nur Berater den Daumen senken. Außerdem wollten immer mehr Investoren ihre eigenen Richtlinien in den Ratschlägen der Berater berücksichtigt sehen. Gut die Hälfte ihrer Kunden machten mittlerweile individuelle Vorgaben. „Die Empfehlungen können dadurch ein ganz anderes Gewicht bekommen“, sagt Zschorn. Was sie einem Kunden empfiehlt, gilt dann nicht zwingend für andere.

EU will mehr Transparenzpflichten

Gesetzlichen Transparenzpflichten unterliegen die Stimmrechtsberater derzeit noch nicht, erläutert Sebastian Beyer, Kapitalmarktrechtler der Kanzlei Taylor Wessing. Die EU-Kommission möchte das jedoch ändern. Nach einer neuen Richtlinie müssen die Beraterfirmen künftig unter anderem ihre Methoden und Informationsquellen offenlegen, die sie bei ihren Empfehlungen heranziehen. Bis Juni müssen die Mitgliedstaaten die Richtlinie umsetzen. Damit will die EU auch gegen mögliche Interessenkonflikte der Berater vorgehen.

Denn Firmen wie ISS empfehlen nicht nur Investoren, wie sie auf Hauptversammlungen abstimmen sollen. Sie beraten auf der anderen Seite auch Vorstände, ihr Unternehmen besser zu führen. „Dass da eine Gefahr bestehen kann, ist nicht von der Hand zu weisen“, sagt Beyer. Hier verlangt die Richtlinie, dass die Berater künftig zumindest ihre Kunden darüber informieren müssen, ob sie parallel auch Konzerne beraten, über die sie Empfehlungen aussprechen.

Auch die deutschen Konzerne stellen sich die Frage: Wie umgehen mit den Beraterfirmen? Der Deutsche Investor Relations Verband hat dazu ein eigenes Papier mit Ratschlägen ausgegeben. „Wir stehen mit unseren institutionellen Investoren kontinuierlich in einem konstruktiven Dialog“, heißt es etwa von Daimler. Näher möchte sich der Autobauer aber nicht äußern. Und auch Adidas – am Sporthersteller sind zu mehr als 90 Prozent institutionelle Anleger beteiligt – hält sich zum internen Umgang mit Stimmrechtsberatern lieber bedeckt.

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