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© Illustration von Martha von Maydell, mvmpapercuts.com

Tagesspiegel Plus

Das Problem am Ende der Lust: Wenn Sex vom Beziehungskitt zum Beziehungskiller wird

Den einen passiert’s zu selten, die anderen drücken sich − und dann ist der Zoff da. Die Frage nach der Quantität wird regelmäßig zur Belastung für Paare. 

Man sollte Sex haben. Je mehr, je besser wahrscheinlich. Die Frequenz scheint Hauptkriterium für eine gute Beziehung zu sein. Das legen die vielen Umfragen bei Paaren nahe, die zuallererst quantitative Befunde liefern. So und so oft pro Woche oder pro Monat. Das ergibt evolutionär Sinn, Stichwort Gene verbreiten. Und es wurde, Stichwort eheliche Pflichten, auch kulturell übernommen und gestärkt.

Dass Sex wesentlich für die romantische Paarbeziehung sei, ist eine weiterhin vorherrschende Sichtweise, während sich andere Gewissheiten rund um Beziehung bereits aufgelöst haben. Familie, Ehe, Kinder, Haushalt – alles ist fluide. Verheiratete wohnen in unterschiedlichen Haushalten, es heiraten anders- oder gleichgeschlechtliche Menschen, Kinder werden künstlich gezeugt, als Projekt unter Freunden oder kommen per Samenspende zu Welt. Geschlechter selbst sind nicht mehr so eindeutig wie einst.

Es ist viel Individuelles, wo es früher ein Korsett gab. Nur Sex schien sich als Konstante zu halten. Sex hat man mit dem Partner. Der Exklusivitätsanspruch gilt als akzeptiert. Wird er verletzt, gibt’s Geschrei.

Nun scheint aber auch diese letzte Bastion, die der Befreiung vom Tradierten im Weg steht, zu bröseln. Nach der sexuellen Revolution der 1960er Jahre, die politisch war und laut nach Befreiung der Frauen von männlichen Vorschriften und Sittlichkeitsvorstellungen schrie, wächst womöglich langsam eine zweite Revolution heran, die mit eher sanfter Stimme im Privaten herumtherapiert, indem sie dazu auffordert, die eigene sexuelle Individualität zu ergründen und zu achten.

Sex wird entbiologisiert und zur Kulturfrage

Der Sex wird so immer weiter aus dem biologischen Bedürfniskanon Essen, Trinken, Schlafen, Vermehren herausgelöst und zur Kulturfrage erklärt, die neu verhandelt werden muss. Die Konsequenzen könnten weitreichend sein.

Am deutlichsten zeigt sich das am neuen Anspruchsdenken. Die Sexfrequenz allein wird als Indikator für Beziehungsgüte längst so angezweifelt wie der Inzidenzwert allein für die Corona-Lage. Dieser Wandel dreht sich vor allem gegen Männer, bei denen fehlender Sex Scheidungsgrund Nummer eins ist.

Bei Frauen rangiert fehlender Sex unter ferner liefen. Im Juni 2018 gaben laut Statista rund 42 Prozent von dazu befragten Männern an, dass ihnen Sex in einer Beziehung sehr wichtig sei. Von den Frauen bestätigten das nur noch rund 26 Prozent, und immerhin elf Prozent gaben an, dass sie den Aspekt Sex in einer Partnerschaft weniger wichtiger finden.

Wenn Sex für die Partnerschaft nicht mehr wichtig ist, was ist er dann? Perspektivisch verzichtbar? Etwas, was man, wenn es das zu Hause nicht gibt, dann eben mit Gleichgesinnten praktiziert? Kann das gehen?

Warum sollten wir nicht auch in unsere sexuelle Entwicklung investieren?

Barbara Zuschnig, Sexualtherapeutin und Autorin von „Sexpositiv. Intimität und Beziehung neu verhandelt“

Es gibt die sogenannte Sexpositiv-Bewegung, die zu radikal modernem Denken in diesen Fragen ermuntert. „Es ist ganz normal, dass wir uns in vielen Bereichen weiterbilden, warum also sollten wir nicht auch in unsere sexuelle Entwicklung investieren?“ Die Frage stellt Barbara Zuschnig, Sexualtherapeutin aus Österreich, die mit einer Kollegin gerade laut Verlag das „erste deutschsprachige Buch“ zu der Bewegung herausgebracht hat („Sexpositiv. Intimität und Beziehung neu verhandelt“). Anknüpfungspunkt bei solchen Bewegungen, die mehr Offenheit in sexuellen Fragen propagieren, sind nicht zuletzt frustrierende Erlebnisse.

Bislang war die Sexqualität kein auch nur annähernd so präsentes Thema wie die Quantität. Das kann man heute nicht mehr sagen. Sexbücher, Sexsendungen, Sexpodcasts reihen sich nur so aneinander. Über alles Mögliche wird gesprochen und geschrieben, alles ist vorstellbar und auch vorrätig.

Statt „wie oft“ heißt es nun „wie gut?“

Ob das BDSM- oder Swinger-Gruppen sind, die sich im Internet finden, Sexspielzeug, für das zur Primetime im Fernsehen geworben wird, oder pornografische Selbstdarstellung, über die in Tageszeitungen Interviews stehen. Die Informationen und Angebote richten sich vor allem an Frauen, denn für ihr Qualitätsempfinden beim Sex interessieren die Traditionen sich nicht sehr. Die Frage, die damit in den Mittelpunkt rückt, heißt nun statt „wie oft?“ „wie gut?“.

Dass das einen Nerv trifft, erwies sich 2017, als die US-Autorin Kristen Roupenian nach einem Text im Magazin „New Yorker“ über schlechten Sex, den die 20-jährige Margot ein einziges Mal mit dem 34-jährigen Robert erträgt, einen Millionen-Dollar-Buchvertrag angeboten bekam. So sehr schlug die Geschichte mit dem Titel „Cat Person“ ein.

Warum sagen Frauen nicht Nein? Autorin Kristen Roupenian.
Warum sagen Frauen nicht Nein? Autorin Kristen Roupenian.

© Elisa Roupenian / Toha Verlag

Vor allem im Internet, wo parallel noch Metoo rauf und runter lief, ging es hoch her. Frauen schilderten vergleichbare Erlebnisse, ähnliche Situationen. Und die Frage war, wie oft sie nicht Nein gesagt hatten, obwohl ihnen das, was gerade passierte, nicht gefiel, obwohl es unangenehm war, nervig, lästig, gar schmerzhaft.

Warum fällt es leichter, Nein zu einem Kinoabend oder einem Ausflugsvorschlag zu sagen als dann, wenn ein anderer Mensch auf den eigenen Körper zugreift? Das fragten Millionen Frauen – sich selbst und auch die Gesellschaften, die sie dahingebracht haben. Und wahrscheinlich werden ein paar beschlossen haben, künftig eine Grenze zu ziehen. Um ihrer selbst willen.

Durch Erdulden werden die Frauen selbst zu ihrem größten Feind.

Anica Plaßmann, Sexualtherapeutin und Autorin von „Sexfrei – weil es okay ist, keine Lust zu haben“

„Durch Erdulden werden die Frauen selbst zu ihrem größten Feind“, weiß Anica Plaßmann, die in Kiel eine Praxis für Sexualtherapie betreibt.

Sie begrüßt die neuen Ansprüche von Frauen, auch wenn sie bereits berichten kann, dass die zu neuen Problemen führen: Stressten sich bisher Frauen herum mit dem Sexwunsch des Partners und ihren eigenen Mühen, sich dem zu fügen oder auszuweichen, leiden inzwischen auch Männer – und zwar darunter, dass ihre Partnerinnen beim Sex bestimmte Wünsche haben und auch äußern. Ihnen setzt die Vorstellung zu, problemlos funktionieren und Höhepunkte bescheren zu sollen.

Das Exklusivitätsmerkmal wird zur Falle

Alter Stress, neuer Stress also. Es sieht aus, als sei Sex statt Kitt für Beziehungen deren Killer. Jedenfalls, wenn das Exklusivitätsmerkmal zur Falle wird, in der Partner, deren Bedürfnisse nicht mehr zusammenpassen, festsitzen. Plaßmann erzählt von einem Paar, bei dem es sich eingebürgert hat, dass es einmal wöchentlich Sex gab. Samstagvormittags. Die Frau sah dem wenig erfreut entgegen, erlebte aber den Rest des Wochenendes dann jeweils mit einem erleichterten Glücksgefühl, weil sie wusste: Wieder eine Woche Ruhe!

Zeit also, das Partnerschaftssexkonzept infrage zu stellen? Mit der Polyamorie würde schon eine alternative Beziehungsphilosophie bereitstehen, die mehr und mehr Anhänger unter jenen findet, die sich nicht länger an nur einen Partner binden wollen. „Die Faszination für diese Liebesform hat Netflix-Serien wie biedere Fernsehsendungen erfasst, selbst in konservativen Ländern wie Italien findet sich die Polyamorie-Bibel ,Schlampen mit Moral’ von Dossie Easton und Janet Hardy inzwischen in jeder Buchhandlung“, berichtete das „Philosophie Magazin“ jüngst, weiß aber auch, dass geteilte Liebe für die meisten Menschen, deren „emotionale Gewohnheiten weiterhin von monogamen Konventionen bestimmt sind“, eine ziemliche Herausforderung ist.

Offene Beziehung und trotzdem Zoff. Oder deswegen? Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre.
Offene Beziehung und trotzdem Zoff. Oder deswegen? Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre.

© AFP PHOTO / AFP FILES

Sogar die wahrscheinlich berühmtesten Polyamorie-Testimonials, Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre, stritten erbittert über deren Unterdrückungspotenzial.

Anica Plaßmann plädiert statt für solche neuen Konzepte, die wieder den stattfindenden Sex zum Ziel haben, erst mal für mehr Gelassenheit. Im Bett läuft es nicht mehr? Na und? Sie hat die Erkenntnisse aus ihrer Praxis in ihrem Buch „Sexfrei – weil es okay ist, keine Lust zu haben“ zusammengetragen und sieht dringenden Bedarf, den Druck, den die Gesellschaft hier in Sachen Sex ausübt, abzubauen. Für sämtliche vorstellbaren sexuellen Vorlieben gebe es inzwischen Toleranz, stellt sie fest. Aber nicht für jene mit dem Wunsch nach Abstinenz.

Wer nicht will, wird gedisst: prüde, frigide, altmodisch

Wer beim Sex nicht mitmachen will, werde in dieser sonst so toleranten Zeit verurteilt: prüde, frigide, altmodisch. Dabei könnte man den Verzicht auch als konsequente Reaktion auf eine Überforderung sehen und entsprechend als Emanzipationsleistung wertschätzen. So wie das anders ausgerichtet auch zunehmende Spezialneigungen wie BDSM sind, oder ganz allgemein die Ansprüche an Qualität, wie sie etwa nach „Cat Person“ diskutiert wurden. Motto: Wenn schon, dann aber ...

Dabei würden die Grenzen, die bisher die Gesellschaft mit ihren Normativitätsvorstellungen schafft, ersetzt durch viele individuelle. Wenn jede oder jeder für sich darüber wacht, dass ihr oder ihm der Sex, wie er da stattfindet, auch wirklich passt, geht das einher mit einer ungewohnten Anstrengung: der Herstellung von Einvernehmlichkeit. Ob das in der Partnerschaft klappt oder mit anderen Menschen probiert wird? Wieder eine individuelle Entscheidung.

Die perfekte Beziehung: Er kann nicht, und sie will nicht.

Text auf einer Cartoon-Postkarte

Die Soziologie sieht bereits Anzeichen eines Endes des Sexualitätszeitalters. Die Sexfrage verliere an Bedeutung, in der Literatur entwirft der Franzose Michel Houellebecq die Idee von postsexuellen Beziehungen. Wahrscheinlich sind die wohl am ehesten, wenn sich beide Partner auf „no sex“ einigen können. Es gibt eine Cartoon-Postkarte, die ein Strichfigurenpaar zeigt, das auf dem Sofa sitzt und in den Fernseher glotzt. Die Bildunterschrift dazu lautet: „Die perfekte Beziehung: Er kann nicht, und sie will nicht.“ Lustig, oder?

Dass Sex Stress macht, ist als kulturelle Fehlleistung vom hektischen Leben im kapitalistischen System kaum zu trennen, und dazu muss jetzt gar nicht wieder darauf verwiesen werden, dass der Sex im sozialistischen DDR-Osten als freud- und lustvoller galt. Leistungsprinzip und Besitzdenken, die vor nichts haltmachen, machen von allein auch vorm Intimen nicht halt. Sie müssten aktiv gestoppt werden. Wenn das gehen könnte, was wäre überhaupt das Ziel?

Kann Sex durch Erwartungsabbau wieder zu etwas werden, das auch jenseits der ersten Verliebtheitsbegehrlichkeit für mehr Partnerschaften länger gemeinschaftsstiftend bleibt? Oder sollte er auch in Partnerschaften freigegeben werden, sollte man die Beziehungen öffnen für sexuelle Erlebnisse mit anderen?

Man könnte sich darauf einlassen und schauen, was passiert. Vielleicht kommen positive Schwingungen zurück und lösen Neues aus. Solche Experimente erfordern allerdings sehr emanzipierte Menschen, die sich unabhängig machen können vom Gedanken der Eifersucht.

Kuscheln, Schokolade, Sport – lauter Sexkonkurrenten

Die Debatten über Sinn und Unsinn von Sex und parallel dazu die omnipräsenten Vorstellungen von Ekstase und Höhepunkten in Bild und Ton zeigen so oder so längst Wirkung. Die Partnervermittlung Elite-Partner hat ermittelt, dass 57 Prozent der Frauen und 43 Prozent der Männer es lieber beim Herumkuscheln belassen, als zum eigentlichen Akt zu schreiten. Es gebe auch zunehmend Männer, die das Fitnessstudio dem Schwitzen im Bett vorziehen, und Frauen, die lieber Süßes naschen, als Sex zu haben. So gesehen könnte Sex zu einem Hobby für Enthusiasten werden, während die Mehrheit der Bevölkerung es sich damit gut gehen lässt, es zumindest zu Hause stressfrei gemütlich zu haben. Ist das die Zukunft?

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