• Der geplante Urwald in Brasilien: Wie man im Dschungel erfolgreich Kakao anbaut

Der geplante Urwald in Brasilien : Wie man im Dschungel erfolgreich Kakao anbaut

Eine der produktivsten und hochwertigsten Kakaoplantagen Brasiliens liegt im Dschungel. Ein Schweizer verfolgt hier seine ganz eigene Philosophie.

Ernst Götsch arbeitet in seinem Dschungel im Bundesstaat Bahia in Brasilien.
Ernst Götsch arbeitet in seinem Dschungel im Bundesstaat Bahia in Brasilien.Foto: Florian Kopp

Das Geräusch der Kettensäge dringt schon von weitem durch den dichten Wald im Süden des brasilianischen Bundesstaates Bahia. Von früh bis spät, unterbrochen durch trockene Schläge mit der Machete. Doch es ist kein Kahlschlag. Hier entsteht ein menschengemachter Dschungel – und mittendrin befindet sich eine der produktivsten und qualitativ besten Kakaoplantagen ganz Brasiliens. Sogar die englische Queen schickte schon einen Emissär, um diese Kakaobohnen vorzukosten, die in einer einfachen Papiertüte mit der Aufschrift „Cacao-Atl“ ab Hof verkauft werden.

„Syntropie“ hat Ernst Götsch sein System genannt

Macher der Bohnen ist ein 70-jähriger Schweizer vom Bodensee, halb Dickschädel, halb Genie, mit einer Idee, die die Landwirtschaft auf den Kopf stellen könnte: „Syntropie“ hat Ernst Götsch sein System genannt, in dem die Pflanzen eine Mischgesellschaft bilden, Stoffwechselprodukte füreinander produzieren und mit der Zeit immer komplexere Ökosysteme und immer fruchtbarere Böden bilden – genau das Gegenteil der herkömmlichen Chemie-Landwirtschaft.

Götsch hat Agronomie studiert und arbeitete lange am Eidgenössischen Institut für Pflanzenbau in Zürich. Wenn er nicht gerade unterwegs ist, um Kurse zu geben, hängt er oft in den Wipfeln der Bäume seiner Plantage, um sie fachgerecht zu stutzen. Was für Laien aussieht wie ein Urwald nach dem Besuch eines psychodelischen Frisörs, hat System: „Das Stutzen regt das Wachstum der Pflanze an, schafft natürlichen Dünger und Licht für die darunter wachsenden Pflanzen“, erklärt der kleine, hagere Mann.

In der Nachkriegszeit erlebt er die Arbeit der Bauern

Dabei hört er nicht auf zu arbeiten. Konzentriert zerkleinert er die abgesäbelten Äste des Jackbaums mit der Machete, um sie unter dem Kakaobaum zu drapieren. Auf die Frage, wie produktiv seine Plantage denn sei, antwortet er zufrieden: „Genauso wie die konventionellen der Nachbarn. Nur habe ich weniger Kosten.“

In seiner Nachkriegsjugend erlebte Götsch, wie die Bauern produzierten. „Es gab viele Hecken zwischen den Äckern. Obstplantagen waren normalerweise am Waldrand“, sagt er. Traditionen, die verloren gingen und als veraltet galten. Nur nicht bei Götsch. Zuerst belegte der Bauernsohn nach und nach alle Gewächshäuser im Institut in Zürich, um mit Pflanzen-Assoziationen zu arbeiten wie Mais und Bohnen, während die Kollegen in die Labors abwanderten, um mit Gentechnik, Computern und Mikro-Injektionen zu forschen.

„In Gemeinschaft wuchsen beide Pflanzen um 30 Prozent besser als einzeln“, sagt er zu seinen Ergebnissen. Dann nahm er einen Auftrag auf einer Kaffeeplantage in Costa Rica an, um seine Ideen großflächig in anderen Klimazonen zu testen; eine Zeitlang war er auch in Afrika.

Die Grüne Revolution der 60er Jahre mit ihren riesigen Monokulturen erhöhte die Skala und den Ertrag durch Hochleistungssorten, ersetzte Menschen durch Maschinen – aber sie trieb die Bauern in die Abhängigkeit von westlicher Technologie und Krediten, und sie hat noch einen weiteren, bedrohlichen Nachteil: „Sie entzieht dem Ökosystem Energie, verarmt die Böden, verschmutzt die Umwelt und schafft letztlich Wüsten“, sagt Götsch. „Meine Art der Landwirtschaft führt dem System Energie zu und bereichert die Böden.“

Sein Sytem ahmt die Natur nach

Während die moderne Landwirtschaft auf einer linearen Logik nach fast mathematischen Grundsätzen funktioniert, ahmt die Syntropie die komplexen Zusammenhänge der Natur nach und optimiert sie durch gezielte, menschliche Eingriffe.

Ein Element spielt dabei eine zentrale Rolle, hat Götsch festgestellt: Der Wald. „Der Niedergang der Kulturen wurde immer durch eine Erschöpfung der natürlichen Ressourcen eingeleitet“, doziert er, „anfangen von den Römern bis hin zu den Maya. Und immer hatte es mit dem Kampf des Menschen gegen den Wald zu tun.“

Der Wald als etwas Finsteres, Unberechenbares gegen den Mensch, der ein Steppentier ist? Könnte es ein psychologisches Element sein, dass unserer Zivilisation – mit Ausnahme weniger indigener Gruppen – also schon seit Jahrtausenden böse Streiche spielt, ohne dass wir dazu lernen?

Nach fünf Jahren entsteht ein kleiner Wald

Götsch bejaht das, aber auch die Tatsache, dass sich die Natur von den menschlichen Rückschlägen bisher immer wieder erholt hat. Seit 30 Jahren lebt er in Brasilien auf 120 Hektar, die er durch eine Wette bekam. „Das hier war verbuschtes Grasland“, erzählt Götsch. Der Boden durch Abholzung und jahrelange Viehwirtschaft verarmt, die meisten Quellen versiegt. „Ungeeignet für Kakao“, bescheinigte die zuständige Landwirtschaftsbehörde.

Sein damaliger Auftraggeber forderte ihn heraus: „Ich kaufe dir das Land. Wenn deine Methode funktioniert, zahlst du mir es zurück.“ Götsch begann, Bäume zu setzen. Kunstdünger und Pestizide lehnte er ab. Das meiste ließ er natürlich wachsen, auf zwölf Hektar pflanzte er Bananen und Kakao und griff immer wieder regulierend ein. Die Nachbarn belächelten den „irren Gringo“.

Doch nach fünf Jahren entstand ein kleiner Wald, die ersten Quellen kehrten zurück, und Götsch konnte seinen Kredit mit Kakao und Bananen zurückzahlen. Die Pflanzen wuchsen so gut, dass ihnen auch grassierende Pilzerkrankungen nichts anhaben konnten. Dann kam eine große Dürre über die Region; nur bei Götsch regnete es, weil die dichte Vegetation für eine hohe Verdunstung sorgte.

„Papst des Agroforst“ nennen ihn seine Anhänger

Da begannen die Nachbarn langsam, ihn ernst zu nehmen und ihn nachzuahmen. Inzwischen ist die Waldfläche der Region auf 1000 Hektar gewachsen. „Beim Überflug siehst du meine Finca gar nicht mehr, weil es hier nun das ganze Jahr Wolken gibt“, erzählt Götsch stolz.

„Papst des Agroforst“ haben ihn seine Anhänger getauft, die inzwischen seine Theorie über das Internet verbreiten. Es war ein mühsamer Weg, inzwischen aber ist seine Geschichte bis zu den Großbauern vorgedrungen, die nach 25 Jahren intensiver Monokulturen Probleme mit Resistenzen und Bodenfruchtbarkeit haben und händeringend nach Alternativen suchen. Bei Sao Paolo experimentiert ein Unternehmer auf 2300 Hektar mit Zitrusplantagen nach Götschs System; derzeit unterstützt der Schweizer einen Großbauernverband bei der Umstellung der Produktion.

Ein Problem hat er noch: So große Flächen kann man nicht mehr von Hand stutzen, dafür braucht man Maschinen. Doch weil es die noch nicht gibt, entwickelt Götsch selbst Entwürfe. Und er hat auch schon einen Tüftler gefunden, der ihm diese umsetzt.

Die Reportage wurde ermöglicht durch ein Stipendium des Schweizer Medienfonds Real21.

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