Fahrverbote in Kolumbien : Die autofreien Tage zeigen Wirkung

In der Hauptstadt Kolumbiens gehören Autoverbote zum Alltag. Fahren darf nur, wer das richtige Nummernschild hat. Das führt zu skurrilen Nebeneffekten.

Fahrradfahrer radeln an einem der autofreien Tage im Februar 2018 in Bogota über die autofreien Straßen.
Fahrradfahrer radeln an einem der autofreien Tage im Februar 2018 in Bogota über die autofreien Straßen.Foto: Luis Acosta/AFP

Für Felipe Montenegro ist es ein täglicher Kampf gegen den Kalender. Sein Nummernschild endet mit einer 2, also auf eine gerade Zahl. Und die bestimmt darüber, wann er seinen kleinen Toyota Diesel aus der Tiefgarage im Viertel Cedritos hinaus auf Bogotas Straßen steuern kann. Denn in der kolumbianischen Hauptstadt gilt ein allgemeines Fahrverbot. „Pico y Plata“ nennen das die Kolumbianer. Frei übersetzt bedeutet dies so etwas wie „Spitze und Schild“. Eingeführt hat die Regelung Bogotas damaliger Bürgermeister Enrique Peñalosa im Jahr 1998, um den täglichen Verkehrskollaps in den Griff zu bekommen. Inzwischen ist Peñalosa wieder Bürgermeister Bogotas, die Maßnahme hat aber verschiedene Nachfolger überlebt, wenngleich sie immer mal wieder modifiziert wurde.

Zurzeit gilt folgende Regel in der zweitgrößten spanisch sprechenden Stadt Südamerikas: Wessen Nummernschild auf eine der fünf ungeraden Endnummern 1 – 3 – 5 – 7 oder 9 endet, der muss das Fahrzeug an geraden Werktagen morgens von 6 bis 8.30 Uhr und zwischen 15 und 19.30 Uhr stehen lassen. Wessen Nummernschild mit den geraden Endnummern 2 – 4 – 6 – 8 oder 0 endet, ist an den ungeraden Werktagen zur Pause verdammt. Damit dies auch keiner vergisst, hängen an den großen Verkehrsachsen wie der Carrera7 überdimensionale grüne Schilder mit den entsprechenden Zeiten und Einschränkungen. Und die Zahlen sind in jeder Tageszeitung und im Internet abrufbar. Niemand soll sich herausreden können, er habe nicht Bescheid gewusst. „Die Strafen sind hart, wenn du trotzdem fährst“, berichtet Felipe. „Wenn die Polizei dich erwischt, ist ein halber Mindestlohn fällig.“ Der liegt in Kolumbien derzeit monatlich bei umgerechnet rund 225 Euro. Verstößt ein Fahrer mehrmals gegen das Fahrverbot, verliert er den Führerschein.

Reiche Einwohner haben zwei Autos - für gerade und ungerade Tage

Für den Koch Felipe, der nebenbei als Fahrer arbeitet, hat das einschneidende Konsequenzen: „Ich muss viele Touren absagen, weil mein Wagen zu Hause bleiben muss.“ Reiche Einwohner Bogotas nutzen zwei Autos mit je einer geraden und einer ungeraden Ziffer – und umgehen so jegliche Verbote.

Inzwischen ist das Fahrverbot nicht nur wegen des täglichen Verkehrskollapses angeordnet. Bürgermeister Luis Eduardo Garzón, von 2014 bis 2016 im Amt, führte das sogenannte Umweltfahrverbot ein, das sich auch auf bestimmte Lkw ausdehnte. Und während der Amtszeit Samuel Morenos wurde das Fahrverbot 2009 sogar auf die Zeit zwischen 6 Uhr und 20 Uhr ausgedehnt. Grund waren die Bauarbeiten für das Bustrassensystem „Transmileno“. Von einer U-Bahn in der Millionenstadt träumen die Einwohner, deren Zahl mal auf sieben, mal auf zehn Millionen geschätzt wird, seit 35 Jahren. Bogotas amtierender Bürgermeister Peñalosa hat nun immerhin die Weichen für den Baubeginn gestellt. Wann allerdings die dringend notwendige U-Bahn tatsächlich Realität wird, steht bislang in den Sternen.

An Tagen ohne Fahrverbot kollabiert der Verkehr

Das Fahrverbot führt zu skurrilen Nebeneffekten: So ist der Verkehr vor allem unmittelbar vor und nach Beginn der Fahrverbotszeiten besonders heftig, wenn noch alle Autofahrer ihren Pkw steuern dürfen. Gefürchtet ist besonders der Samstagmorgen, wenn die meisten Bogotanos frei haben und ohne Fahrverbot ihre Einkäufe erledigen wollen. Dann geht in der Stadt nichts mehr. Kilometerlange Staus verstopfen die Straßen. An Samstagen, Sonn- und Feiertagen ist das Fahrverbot ausgesetzt. Und auch hier gibt es eine Besonderheit: Sonntags von 7.30 bis 14 Uhr gehören die großen Straßen zur Hälfte den Freizeitsportlern. Dort wo sich sonst eine Blechlawine in die Innenstadt schiebt, beherrschen dann Inline-Skater, Jogger und Radfahrer das Straßenbild.

Inzwischen sind auch handfeste Umweltgründe für die Fahrverbote ausschlaggebend. Als im Februar 2017 die Temperaturen in Bogota neue Rekordmarken erreichten, legte sich der Smog über die 2600 Meter hoch gelegene Metropole. Tagelang wehte kein Lüftchen, die dunklen Rauchschwaden des Smog waren weithin sichtbar.

Die autofreien Tage zeigen Wirkung: Die Luft ist sauberer

Umso wichtiger ist der autofreie Werktag. An diesem „Dia sin carro“ sind nur Busse, Taxis und Fahrzeuge mit Sondergenehmigung unterwegs. Hunderttausende Fahrradfahrer, freie Straßen und deutlich frischere Luft sind die Folge. „Die Feinstaubbelastung ist um 32 Prozent zurückgegangen“, berichtete Bogotas Umweltsekretär Francisco Cruz über die Messwerte des jüngsten autofreien Tages. 2015 wurden im Jahresmittel 52 Mikrogramm erreicht. Zum Vergleich: Der EU-Grenzwert liegt bei 40 Mikrogramm.

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