• Pikes Peak International Hill Climb: Ein Elektrorennwagen brach den Streckenrekord

Pikes Peak International Hill Climb : Ein Elektrorennwagen brach den Streckenrekord

Beim Bergrennen am Pikes Peak in den Rocky Mountains triumphieren VW und die Elektromobilität.

Schneller als die Formel 1. Der von VW entwickelte I.D. R mit Fahrer Romain Dumas brach beim Bergrennen „Pikes Peak International Hill Climb“ den Streckenrekord.
Schneller als die Formel 1. Der von VW entwickelte I.D. R mit Fahrer Romain Dumas brach beim Bergrennen „Pikes Peak International...Foto: Volkswagen

Die Zukunft klingt wie eine Polizeisirene, aber darüber wundert sich hier am Pikes Peak nahe Colorado Springs niemand mehr. Nicht an einem Sonntag wie diesem, als das berühmte Bergrennen „Pikes Peak International Hill Climb“ ausgetragen wird. Seit 1916 beherrscht einmal im Jahr das Röhren der Verbrennungsmotoren das Rennwochenende, der Schrecken des Wildes, das sich auf und davon macht. Aber seit ein paar Jahren rasen dort auch die Elektrischen, umweltfreundliche Leisetreter – wären nicht die eingebauten Sirenen. Vorschrift der Rennleitung, 120 Dezibel laut.

Auch diesmal heulen neben den 22 Motorrädern und 55 Rennwagen einige Sirenen den Berg hinauf. „Hill Climb“ – nun, das ist arg untertrieben. Von 2862 Metern überm Meeresspiegel geht es hintereinander, im Abstand von zwei, drei Minuten, hoch zum Gipfel auf 4302 Meter – das ist etwa so, als würde man von der Zugspitze aus schnell mal hinauf zum Matterhorn rasen, auf einer knapp 20 Kilometer langen, bei Touristen beliebten Straße, durch 156 Kurven, begrenzt von Bäumen, Felsen, Abgründen, mit Strohballen, mehr dekorativ als sichernd.

Mit Karacho aus der Kurve

Doch wie der Ton einer Sirene an- und abschwillt, geht es auch mit der Zukunft mal rauf, mal runter. Hatte Jeremiah Johnson vor vier Jahren noch in der „Electric Motorcycle Class“ am Pikes Peak gewonnen, kommt er diesmal oben gar nicht erst an. Und Kollege Robert Barber trägt es aus einer Kurve in die Felsen – kaum zu glauben, dass er danach nur humpelt. Untergang und Triumph liegen am Pikes Peak dicht beieinander. Eine Konzentrationsschwäche in der immer dünneren Luft, ein aufgeschrecktes Reh, ein Zuschauer, der noch rasch auf die andere Straßenseite muss, und du bist raus. Von blitzschnellen Wetterwechseln, nassem oder vereistem Asphalt ganz zu schweigen.

Das Team von Volkswagen Motorsport und sein Fahrer Romain Dumas haben also auch Glück, dass ihr eigens fürs Rennen in den Rocky Mountains entwickelter Elektro-Renner I. D. R Pikes Peak von solchen Widrigkeiten ungestört das zeigen kann, wofür er gebaut worden ist: rasen, rasen, rasen, angetrieben von 680 PS, bei einer Beschleunigung von 0 auf 100 Stundenkilometer in 2,25 Sekunden, schneller als in der Formel 1. Den Elektro-Streckenrekord von 8:57 Minuten wollte man schlagen, damit einstimmen auf die ab 2020 auf den Markt kommende, rein elektrische Baureihe I. D. Dumas braucht nur 7:57 Minuten, hatte damit sogar den Allzeitrekord um 16 Sekunden unterboten – Triumph für VW und die Elektromobilität.

Sie ist das dominierende Thema an diesem Rennwochenende, obwohl nur drei Fahrzeuge strombetrieben sind. Mit imponierenden Gerätschaften, aus denen der I. D. R Ladestrom und Luft zur exakten Temperierung der Akkus bezieht, hat VW den bei Weitem größten Stand im Fahrerlager. Und das ist am Pikes Peak kein abgeschotteter Security-Bereich. Die Fans – wie üblich um die 10 000, mehr passen nicht auf die für sie vorgesehenen Flächen – können problemlos hindurchspazieren, mit Fahrern oder Mechanikern fachsimpeln. Auch der lokale Radiosender bereitet seine oft in Familienstärke und mit allem nötigen Picknick- oder gar Campingzubehör angereisten Hörer ausgiebig auf den Elektro-VW vor.

Siegreich am Berg. Der französische Fahrer Romain Dumas
Siegreich am Berg. Der französische Fahrer Romain DumasFoto: Volkswagen

Am Fahrbahnrand – die Warnung der Rennleitung („There is no safe place to view the race“) schreckt niemanden – hören die Dauersendung viele als laufenden Kommentar mit und sind dann trotz aller Vorinformationen baff, als der flunderflache graue Renner sekundenschnell an ihnen vorbeischießt, unter Summen, Sausen, Surren, ein wenig wie früher bei der Carrera-Bahn, nur lauter. Da gibt es viele Aaahs, Ooohs, ungläubiges Auflachen oder ein „Oh my God“.

Eine Messe für PS-Verrückte

Auch auf dem Fan Fast am Freitag zuvor in Downtown Colorado Springs ist der Wagen ausgestellt. Und man hat ihm, um die durch das siegreiche Surren ausgelösten Emotionen gleich zu nutzen, einen I. D. Buzz, den künftigen Akku-Bulli, zur Seite gestellt. Auch wenn der vorerst nicht zu haben ist. Hauptsache, Aufmerksamkeit erzeugen, so machen es ja alle Firmen hier auf dem eher einer Messe für PS-Verrückte als einem Straßenfest ähnelnden Veranstaltung, zu der rund 30 000 Fans pilgern. Von den Motorsport-Begeisterten ganz zu schweigen, die über die Medien das Rennen verfolgen. Das Interesse nimmt deutlich zu, Medienvertreter aus 18 Ländern sind gekommen, allein VW hat rund 100 Journalisten eingeladen.

Der Stromer siegt
Allzeit-Streckenrekord: Der I.D. R Pikes Peak von Volkswagen erreicht nach 7.57 Minuten den Gipfel.Weitere Bilder anzeigen
1 von 19Foto: Volkswagen
30.06.2018 16:00Allzeit-Streckenrekord: Der I.D. R Pikes Peak von Volkswagen erreicht nach 7.57 Minuten den Gipfel.

In der Motorsportszene ist Pikes Peak eine Legende, schon wegen der Herausforderungen an Mensch und Maschine. Immer wieder passieren Unfälle, im nahen Penrose Heritage Museum ist etwa das Wrack eines 2012 verunglückten Wagens ausgestellt, dessen Insassen wie durch ein Wunder überlebten. Ohnehin überrascht es, dass nur rund ein halbes Dutzend Fahrer bei Unfällen starben, seit das Bergrennen von dem steinreichen Investor Spencer Penrose 1916 gegründet wurde, um die von ihm für den Tourismus ausgebaute Straße zum Gipfel bekannter zu machen. Das ist gelungen: Pro Jahr lockt der Berg knapp sechs Millionen Besucher. Für Amerikas Patrioten hat er ohnehin mythische Größe: Der Besuch auf dem Gipfel 1893 soll die Dichterin Katherine Lee Bates zu dem Lied inspiriert haben, das fast zur zweiten Nationalhymne wurde: „America the Beautiful“. Blickt man von oben in die Tiefe, versteht man sie.

Der Autor reiste auf Einladung von VW zum Bergrennen auf dem Pikes Peak.

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