Aufräumberaterin Gunda Borgeest : „Nach vier Wochen darf die Socke in den Müll“

T-Shirts sollte man rollen und Spannbetttücher falten: Gunda Borgeest hilft Menschen beim Aufräumen. Sie hat erlebt, wie eine ordentliche Küche den Geist befreit. Ein Interview.

Als sie vor fünf Jahren keinen Job fand, machte sich Gunda Borgeest mit ihrer Firma „Schönste Ordnung“ selbstständig.
Als sie vor fünf Jahren keinen Job fand, machte sich Gunda Borgeest mit ihrer Firma „Schönste Ordnung“ selbstständig.Foto: Constanze Wild

Frau Borgeest, Sie gehen zu Menschen und räumen dort mit ihnen auf – das ist Ihr Beruf. Wann war es bei Ihnen zuletzt unordentlich?

Als die Kinder klein waren. Besonders meine Tochter fräste sich nach der Schule ihren Weg durch die Wohnung, eine Straße der Verwüstung: Schulranzen in den Flur gepfeffert, Jacke übers Sofa, Kühlschrank auf, Milchtropfen überall. Ich habe sie oft ermahnt, ja ja Mama, konnte mich irgendwann aber selbst nicht mehr hören. Ich kann mit Chaos um mich herum einfach nicht arbeiten.

Das sehen wir. Ihre Wohnung ist der ordentlichste Ort, an dem wir je waren. Wie viel Lebenszeit verschwenden Sie mit Aufräumen?

Keine. Wenn es mir nicht gut geht, und ich die Küche aufräume, ist es danach besser. Das erleben viele Menschen so. Wenn sie eine äußere Ordnung herstellen, sind sie plötzlich viel gelassener. Es hat etwas von Meditation.

War das bei Ihnen schon immer so?

Das klingt jetzt wie bei einem Filmemacher: „Ich habe bereits als Kind Drehbücher geschrieben ...“ Es war wirklich so. Meine Mutter wunderte sich, weil ich mein Spielzeug nach Kategorien geordnet habe, nach Farben, nach Größen. Und dann ihre Schubladen. Mit vier!

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Dennoch haben Sie lange gebraucht, bis Sie professionelle Aufräumerin geworden sind.

Ich bin eigentlich Sinologin und Literaturwissenschaftlerin, habe immer halbtags gearbeitet, als meine Kinder aus dem Haus waren, wollte ich wieder ganztags einsteigen, im Kulturbereich, wie zuvor. Aber ich wurde einfach zu keinem Bewerbungsgespräch eingeladen. Eine Freundin, Personalmanagerin, sagte: Das liegt an deinem Alter. Ich war doch erst 49, wie krass. Ich dachte, entweder ich geh’ jetzt in die Depression, oder ich muss mich neu erfinden. Auf einen Zettel schrieb ich, was mir wichtig ist: Ich möchte mit Menschen arbeiten, ohne Hierarchien, und die Welt schöner machen.

Sie gründeten Ihre Firma: „Schönste Ordnung“.
Eine Freundin hatte sich zum Geburtstag gewünscht, dass ich ihr beim Aussortieren, Ordnen und Einrichten helfe. Ihr Tisch stellte zum Beispiel damals die ganze Küche zu, sie lud schon gar niemanden mehr zum Abendessen ein. Wir fanden einen Platz dafür im Wohnzimmer und – es mag pathetisch klingen – das änderte alles. Sie versöhnte sich mit ihrem Mann, kam ihrem Sohn wieder näher, fand einen besseren Job. Und ich verstand: Das will ich beruflich machen.

Friederike Sandow

Friederike Sandow, 30, arbeitete fast sieben Jahre lang als Flugbegleiterin für die Lufthansa. Davor und währenddessen studierte sie Politik. Heute ist sie Consultant bei der Agentur Scholz & Friends. Sandow lebt in Berlin. Stewardess wurde sie, weil sie die Welt sehen wollte. So hat sie Äthiopien für sich entdeckt und Teheran. Die Kehrseite des Berufs: Der Dienstplan wird erst einen Monat im Voraus geschrieben, Privatleben sei nur schwer planbar, sagt Sandow. Die meisten Freunde wüssten nicht mal, ob man gerade zu Hause oder am anderen Ende der Welt sei. Seit ihrer Zeit bei der Airline ist sie ungern selbst Passagier. Ständig achtet sie auf die Ansagen und das Verhalten der Crew. Zum Interview verspätet sich Sandow - sie ist mit der Bahn angereist.

Mal ehrlich – doch nicht alles wegen eines Tisches!
Natürlich nicht, aber es war, als hätten wir ein Schwungrad in Bewegung gesetzt. Das erlebe ich immer wieder.

Woran liegt das?
Es geht bei mir nicht nur ums Aufräumen, sondern ums Loslösen. Wer im Außen Raum schafft, schafft auch im Innen welchen. Kundinnen mit Kleidergröße 42 haben oft den Schrank voll 36 hängen, die Mahnung an die Diät. Die machen morgens den Schrank auf und sind frustriert. Ich hatte mal einen Herrn, Mitte 70, das Regal voller Papiere. „Meine Promotionsunterlagen, ich habe aber nie promoviert. Ich höre noch die Stimme meines Vaters, der sagt, du bist gescheitert.“ Der Mann war erfolgreicher Unternehmer.

Wie haben Sie ihm geholfen?
Ich fragte ihn: Können Sie sich vorstellen, dass wir die Akten in einen Umzugskarton räumen? Wir sind dann irgendwann zum Altpapiercontainer, erst wollte er, dass ich es mache. Schließlich hat er sich getraut – und voller Erleichterung geweint.

Für solche Emotionen sind Sie gar nicht ausgebildet.
Ich bin keine Psychologin und würde mir das nie anmaßen. Ich denke jedoch, dass ich mit den Menschen eine Art Verhaltenstherapie mache. Als ehrenamtliche Hospizhelferin habe ich Trauerprozesse begleitet, später eine Ausbildung als Mediatorin gemacht. Das hilft mir auch, mich abzugrenzen.

Sie treffen sich am Tatort. Sofort sind Sie über die Schwelle getreten und beim Intimsten angelangt.
Deshalb bekommt jeder ein Erstgespräch, die Menschen haben sich schließlich überwunden, mich reinzulassen. Zuvor haben sie es meist schon mit Bruder, Ehefrau und Nachbarin versucht, allein sowieso. Und alle Aufräumratgeber gelesen.

Wie gehen Sie vor?

Ich hör’ erstmal nur zu. Stelle viele Fragen. „Seit wann machen Sie Ihre Post nicht mehr auf?“ Das sind Menschen, die wurden lange nichts mehr gefragt. Viele haben jemanden verloren, Krankheit oder Trennung hinter sich. Manche müssen von einem Haus ins Altersheim umziehen, andere haben verlernt, regelmäßig für sich einzukaufen. Ich habe eine Studentin, die hat 500 Euro von ihrer Oma für mich gekriegt, ich helfe aber auch in einem wohlhabenden Unternehmerhaushalt mit fünf Kindern.

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