„Walter Schmidinger meine Grabrede sollte halten“

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Interview mit Meret Becker : "Holt die Wäsche rein, die Artisten kommen!"
Meret Becker ist auch als Sängerin erfolgreich. Hier bei einem Auftritt im neuen Wintergarten an der Potsdamer Straße.
Meret Becker ist auch als Sängerin erfolgreich. Hier bei einem Auftritt im neuen Wintergarten an der Potsdamer Straße.Foto: imago/APP-Photo

Sie haben mal von dem Stunk erzählt, als Ihr Bruder, Ben Becker, zu Weihnachten die Ballade von „John Maynard“ aufsagen wollte. Das hatte bis dahin immer Otto Sander getan.

Oh ja, das war schlimm. Zu jedem Weihnachtsfest gab es Stunk. Es war furchtbar. Eine italienische Tragödie. Jeder hat sich bemüht, irgendwas vorzuführen, irgendwas zu tun, wovon er dachte, dass das zu Weihnachten gehört.

Aber das Publikum hat gefehlt.

Waren ja alles Künstler, die selbst was sagen mussten. Dazu kam, wie in jeder anderen Familie: Dieser Abend muss der schönste werden! Dann brechen alle Konflikte aus, und der Baum fängt an zu brennen. Aber so schlimm das manchmal war – ich will’s nicht missen.

Noch ein Filmzitat: „Gäbe es den Tod nicht, würde man im Leben alles auf morgen verschieben.“

Vorm Tod hatte ich, seit ich sieben war, panische Angst. Der Gedanke, dass er mir irgendwann passiert, unausweichlich. Mit dem Tod ins Reine zu kommen, ist eine meiner Lebensaufgaben. Als Otto starb, war ich’s für einen kleinen Moment. Weil er, obwohl er tot war, noch da war. Es war ein kurzer Augenblick.

Was könnte sonst noch helfen?

Ich finde einen Gedanken ganz interessant, den ich gerade gelesen habe: Angenommen, in Zukunft würde die Sterblichkeit abgeschafft, wie würde man mit seinem Körper umgehen? Man würde sich viel vorsichtiger bewegen, um diese Maschine, die man noch ewig brauchen wird, nicht zu zerstören. Und wie scheiße wäre das denn? Seitdem bin ich irgendwie damit versöhnt, dass ich sterblich bin. Risiken einzugehen, das gehört doch dazu! Wenn ich in dem Bühnenprogramm an der Decke baumel’, dann spreche ich darüber: Der Gedanke, jetzt zu springen, gleich loszufliegen, auf die Gefahr, dass was passiert, den finde ich so wichtig, so sensationell.

Die Trauerfeier für Otto Sander fand im Berliner Ensemble statt. Ein hochseriöser Staatsschauspieler wurde verabschiedet ...

So so, der ist also seriös und icke nich‘?

Könnte ein Ahnungsloser glauben. Was für einen Schlussakt würden Sie sich denn wünschen?

Auf jeden Fall müsste eine Marching Band spielen.

Eine große Blaskapelle mit vielen Trommeln, und alle machen beim Marschieren ordentlich Rabatz.

Ja! Und dann fallen mir ganz viele Lieder ein, viel zu viele. Das müsste man leider einschränken, weil’s ja keine Dauerveranstaltung werden sollte. Eins auf jeden Fall, oh Gott, das ist so kitschig, aber so schön. „She’s Always a Woman.“

Billy Joel singt da: „She hides like a child, but she’s always a woman to me“ …

… und meine Grabrede sollte Walter Schmidinger halten. Der ist nur leider auch schon tot.

An wen sollten sich die Leute erinnern? An eine lustige, bisschen durchgeknallte Lolitafrau?

Nein! An Meret! Ich will doch, dass die Leute sich an was erinnern, das mir wichtig war. Ich hab’ mal einen Satz erfunden: „Hätte ich getan, was ich konnte, wäre ich tatenlos geblieben.“ Verstehen Sie, was ich meine? Man muss Fehler machen! Ich hatte so große Angst vor Fehlern, sogar in den Proben. Dann sagte mir einer: Stell dich doch mal hin und mach mit Absicht einen Fehler. In einer Conference habe ich schließlich einen künstlichen Hänger eingebaut. Der hat eine Spannung erzeugt und mir eine riesengroße Sicherheit verschafft.

Und die Fehler der anderen?

Die muss man betrachten und genießen. Darin war Otto gut. Der hat sich die Leute so genau angesehen, und am wichtigsten fand er die Fehler. Ich hab’ mir mal eine Wohnung ausgebaut, und es ging um die Kacheln im Bad. Ich hatte mir so schöne grüne ausgesucht mit einem ganz feinen Muster. Da sagte Otto: Du musst eine hellblaue dazwischentun, als Fehler. Das war’s! An das grüne Muster hat man sich schnell gewöhnt. Erst durch den kleinen blauen Fehler fiel immer wieder auf, wie schön es ist.

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