Astrid Hamker : Sie wird die erste Frau an der Spitze des CDU-Wirtschaftsrates sein

Im Familienbetrieb erlebte Hamker herbe Enttäuschungen - und geht seitdem ihren eigenen Weg. Jetzt will sie die CDU an die sozialen Marktwirtschaft erinnern.

Astrid Hamker findet, die CDU sei sozialdemokratisiert worden.
Astrid Hamker findet, die CDU sei sozialdemokratisiert worden.

In ihrem Büro an der Luisenstraße in Mitte wird man Astrid Hamker demnächst wohl vergeblich suchen. Denn wenn die 52-Jährige am morgigen Dienstag erst einmal zur Präsidentin des CDU-Wirtschaftsrates gewählt ist, will sie zunächst durchs Land touren. „Ich werde alle Landesverbände besuchen und mir deren Wünsche und Erwartungen anhören“, kündigt Hamker an. Dabei kennt die Unternehmerin die Basis ohnehin schon so gut wie kaum eine Zweite.

Denn Hamker ist weit über die Hälfte ihres Lebens im Wirtschaftsrat tätig, ein Verband, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Politik zur Einhaltung der sozialen Marktwirtschaft im Sinne Ludwig Erhards zu bewegen. Hamker war erst 16 Jahre als, als ihr Vater sie zu einer Veranstaltung der parteinahen Organisation mitnahm, ihre Begeisterung war geweckt. 1996 fing sie an, sich in der „Sektion Osnabrück“ zu engagieren.

Vier Jahre später wurde sie in den Landesvorstand Niedersachsen gewählt, wieder vier Jahre danach hatte sie dort den Vorsitz inne. Seit 2005 ist sie Präsidiumsmitglied, vor sechs Jahren wurde sie Bundesschatzmeisterin. Nun wollen die Delegierten sie auf dem vom Wirtschaftsrat veranstalteten Wirtschaftstag zur Präsidentin wählen. Sie wird den seit 2015 amtierenden Keksfabrikanten Werner Bahlsen ablösen.

"Traumatisches Erlebnis" im Familienunternehmen

Es ist der Schritt an die alleinige Spitze, der ihr im Familienunternehmen verwehrt blieb. Denn Hamker hat das Unternehmertum im Blut. Ihr Vater, Hartwig Piepenbrock, hatte das 1913 gegründete Familienunternehmen in den 50er Jahren als Dienstleistungsgruppe für Gebäudereinigung, Sicherheit und Wartung groß gemacht. Auch er war zeitlebens im CDU-Wirtschaftsrat engagiert, seine Tochter förderte er mit Drill, Druck und Härte, wie sie einmal in einem Interview sagte. Nach einem Studium der Betriebswirtschaftslehre in St. Gallen stieg sie im Familienbetrieb zur Geschäftsführerin für Marketing und Kommunikation auf, seit 1986 hält sie Gesellschaftsanteile.

Doch vor zehn Jahren kam es zum Bruch. Nach einem Streit im Gesellschafterkreis drängten ihre beiden Brüder sie aus dem Unternehmen, ihre Mutter unternahm nichts dagegen. Ihr Vater war an Demenz erkrankt, er starb vier Jahre später. Als „traumatisches Erlebnis“ bezeichnet sie den Familienstreit.

Hamker machte sich selbstständig. Sie gründete eine Beratungsagentur, mit der sie Familienunternehmen in Konfliktsituationen berät. Wie gut sie in der Wirtschaft vernetzt ist, zeigt auch die Tatsache, dass sie in zahlreichen Aufsichts- und Beiräten sitzt, etwa bei der Nord-LB, dem Schließtechnikunternehmen Dormakaba und dem Medizintechniker Dräger. Inzwischen ist die Familie wieder versöhnt, sagt Hamker, die selbst zwei Kinder hat.

Lieber Wirtschaftsrat als Golfplatz

Was treibt sie nun an, sich zusätzlich zu diesen Verpflichtungen noch die ehrenamtliche Präsidentschaft einer Organisation mit rund 12.000 Mitgliedern aufzuhalsen? „Es ist für mich eine Haltungsfrage, mich als Unternehmerin für die Gestaltung der richtigen Rahmenbedingungen einzusetzen“, sagt sie. Das mache sie lieber, als ihre Zeit auf dem Golfplatz zu verbringen. „Wir Unternehmer können der Politik mit unserer Expertise helfen.“ Es müsse klarer gemacht werden, dass die soziale Marktwirtschaft das Erfolgsmodell für das Land sei und erst wirtschaftlicher Erfolg soziale Sicherheit schaffen könne.

Und da gibt es aus ihrer Sicht viel zu tun. Denn mit der aktuellen Verfassung der CDU ist Hamker nicht zufrieden. „Die Partei hat ihren Markenkern geschwächt und sich immer mehr sozialdemokratisiert“, meint die Wirtschaftsrätin. „Die CDU hat immer für innere Sicherheit, Rechtsstaatlichkeit, Europa- und Wirtschaftskompetenz gestanden. Da hat auch die große Koalition sehr geschadet.“ Der Partei stünden „herausfordernde Zeiten“ bevor, fügt die designierte Präsidentin an und man kann erahnen, dass sie damit beispielsweise auf die Industriestrategie von CDU-Wirtschaftsminister Peter Altmaier abzielt.

Auf ihrem Forderungskatalog stehen jedenfalls unter anderem die Abschaffung des Solidaritätszuschlags und eine Reform der Unternehmensbesteuerung. Hier habe man den Unternehmern zuletzt mehr und mehr Steine in den Weg gelegt. Der Wirtschaftsrat, so kündigt sie an, werde seine Stimme in Zukunft weiterhin deutlich erheben.

Friedrich Merz wird ihr Vize

Hamkers Wahl dürfte auch in anderer Hinsicht eine Premiere werden. Sie wäre die erste Frau an der Spitze des Wirtschaftsrates. Doch darum will sie kein Aufheben machen. Dass sie von einer Frauenquote nichts hält, hat sie bereits mehrmals öffentlich klargemacht. Wichtig sei nicht das Geschlecht, findet sie, wohl aber, dass Vorstände mit unterschiedlichen Persönlichkeiten besetzt seien.

Das gilt in Zukunft auch für das Präsidium des Wirtschaftsrates. Denn als ihr Stellvertreter tritt jemand an, der in der Öffentlichkeit weitaus bekannter und in der Politik besser vernetzt sein dürfte als Hamker selbst: Friedrich Merz. Der Sauerländer, der noch vor wenigen Monaten bei der Wahl zum Parteivorsitzenden an Annegret Kramp-Karrenbauer scheiterte, wird am Dienstag wohl Vizepräsident des Wirtschaftsrates werden.

„Ich habe ihn angesprochen, weil er in den vergangenen Monaten viele – sehr gute – wirtschaftspolitische Vorschläge gemacht hat“, erklärt Hamker. Aus ihrer Sicht ergänzt er ihre Stärken. „Ich habe den Blickwinkel aus dem Mittelstand, er kennt die Sicht internationaler und großer Unternehmen gut“, sagt sie. Zudem sei Merz wie sie bereits seit Jahren im Wirtschaftsrat engagiert und besitze viel politische Erfahrung. Es sei gut, die Aufgaben auf mehrere Schultern zu verteilen. Doch sie weist deutlich auf das Machtverhältnis hin: „Wir arbeiten bestimmt gut zusammen als Präsidentin und Vizepräsident.“

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