Baustellen des deutschen Arbeitsmarkts : Millionen leben unsicher und verdienen zu wenig

Dem Arbeitsmarkt geht es auf den ersten Blick so gut wie lange nicht. Schaut man genauer hin, wird klar: Die Zahlen trügen. Eine Analyse.

Noch viel zu tun. In Deutschland gibt es zu viele Jobs, die unsicher und schlecht bezahlt sind.
Noch viel zu tun. In Deutschland gibt es zu viele Jobs, die unsicher und schlecht bezahlt sind.Foto: Christophe Gateau/ dpa

In diesem Jahr verkündet Detlef Scheele, Chef der Arbeitsagentur, Monat für Monat einen neuen Rekord: Noch nie seit der Wiedervereinigung hatten so viele Menschen in Deutschland einen Job! 45 Millionen sind es aktuell. Zwar gibt es wohl niemanden, der die gute Entwicklung anzweifelt, doch viele, die den Satz mit einem „aber“ verlängern: aber die atypische Beschäftigung ist dafür viel zu hoch, aber die Löhne steigen nicht so wie sie sollten, aber zu viele Frauen und Männer können von ihrem Verdienst allein nicht leben.

Die Deregulierung des Arbeitsmarktes, die heute so zu spüren ist, fand in wirtschaftlich schweren Zeiten statt. In Zeiten von Massenarbeitslosigkeit. Unter Gerhard Schröder (SPD) hatte die rot-grüne Regierung 2001 die sachgrundlose Befristung eingeführt, damit Unternehmen einen Anreiz haben, neue Stellen zu schaffen. Damals hatte fast jeder Zehnte keinen Job, Deutschland galt als „kranker Mann Europas“. Auch mit der Agenda 2010 sollten die Bürgerinnen und Bürger vor allem eins: Arbeit finden – wenn auch erst mal nur auf Zeit und schlecht bezahlt. Die Politik machte es Betrieben einfacher, Arbeitnehmer als geringfügig Beschäftigte anzustellen, und sie verringerte die Vorschriften für Leiharbeit. Kritiker sagen: Es entstand ein riesiger prekärer Billiglohnsektor. Bis heute ist dieser zwar geschrumpft, aber aus Sicht von Arbeitsmarktexperten nicht so wie er könnte.

Deswegen ist Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) in diesem Jahr recht umtriebig: In den nächsten zwölf Monaten will er einen Gesetzentwurf zur Einschränkung der sachgrundlosen Befristungen vorlegen. Laut Koalitionsvertrag sollen in Betrieben mit mehr als 75 Beschäftigten nur noch höchstens 2,5 Prozent der Mitarbeiter ohne Sachgrund befristet angestellt werden können. Aktuell ist dies für eine Dauer von zwei Jahren generell zulässig. Da die Zahl der Langzeitarbeitslosen nicht sinkt, versucht es der Minister mit einem sozialen Arbeitsmarkt: Menschen, die viele, viele Jahre ohne eine Stelle auf Hartz IV angewiesen sind, sollen ab 2019 staatlich bezuschusste Jobs bekommen können. Und zwar richtige Jobs, sozialversicherungspflichtig und nach dem Mindestlohn bezahlt. Das Bundeskabinett hat seinen Entwurf dazu vor einer Woche beschlossen.

Womit sich die SPD noch durchgesetzt hat: Wer seine Arbeitszeit reduziert, hat künftig nicht nur die Möglichkeit, wieder in Vollzeit zu wechseln, sondern das Recht dazu. Ab 2019 sollen Mitarbeiterinnen in Unternehmen mit mehr als 45 Beschäftigten unter bestimmten Umständen einen Anspruch darauf haben, ihre Arbeitszeit für eine Dauer zwischen einem und fünf Jahren zu verkürzen. Sie müssen dadurch ihre Vollzeitstelle aber nicht für immer aufgeben. Die allermeisten Teilzeitbeschäftigten sind Frauen, die oft keine Chance haben, wieder voll zu arbeiten, wenn die Kinder größer sind. 2019 erhöht sich zudem der Mindestlohn von 8,84 Euro auf 9,19 Euro. Mal sehen, was Scheele in einem Jahr präsentiert.

Atypische Beschäftigung

33 Prozent aller Arbeitnehmer sind in Teilzeit beschäftigt. Vier von fünf sind dabei Frauen – in Kitas, Pflegeheimen, Geschäften – da sie sich weiterhin mehr um Kinder und Haushalt kümmern als Männer. „Oft geht der Teilzeitwunsch nicht von den Beschäftigten aus. Für Arbeitgeber ist es das Instrument, mit dem Arbeitsstunden am einfachsten mal verringert und mal erhöht werden können, das spart Kosten“, sagt Johannes Jakob vom Deutschen Gewerkschaftsbund.

Acht Prozent der Beschäftigten haben laut dem IAB einen befristeten Vertrag – vor allem im öffentlichen Dienst und in der Wissenschaft. Bei der Mehrheit liegt kein Sachgrund wie eine Schwangerschaftsvertretung vor. „Viele Arbeitgeber stopfen so Personallöcher", bemängelt Werner Schäffer von Verdi. „Viele sind aber jung, um die 30, und warten ohne eine längerfristige Perspektive dann lieber noch mit der Familienplanung.“

17 Prozent haben einen Minijob. Für knapp fünf der 7,5 Millionen – meist weiblichen – Beschäftigten ist das der Hauptjob. Kein netter Zweitjob zur Abwechslung. Eingeführt wurden Minijobs im Zuge der Hartz-IV-Reform. Die Hoffnung, dass Arbeitslose darüber in reguläre Beschäftigung gelangen, hat sich der Gewerkschaft zufolge aber als Irrtum erwiesen. Für viele ist das Leben in der geringfügigen Beschäftigung inzwischen zum Dauerzustand geworden.

Eine Million Menschen in Deutschland sind Leiharbeiter. Sie sind meist nicht ein oder zwei Jahre angestellt, sondern ein paar Monate – und verdienen weniger als Festangestellte mit gleicher Aufgabe und Qualifikation. Eigentlich ist Leiharbeit für wirtschaftlich schlechte Zeiten gedacht gewesen. Obwohl hierzulande von einem Konjunktur-Boom gesprochen wird, steigt sie jedoch leicht an statt deutlich zu sinken. „Trotz Fachkräftemangel ist Leiharbeit für Arbeitgeber attraktiv. Sie ist nicht viel teurer, und die Arbeitgeber haben sich an die Möglichkeiten gewöhnt, Menschen flexibel zu beschäftigen, und das wollen sie nicht aufgeben“, sagt Jakob vom DGB.

Zu wenig Geld zum leben

Sieben Millionen der Menschen gehören laut DGB zum Niedriglohnsektor und verdienen weniger als 10,22 Euro pro Stunde. Der Sektor schrumpfe, sagt Enzo Weber vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, aber er sei immer noch „zu groß“. Zwar habe es 2017 Lohnsteigerungen gegeben, aber trotz Wirtschaftswachstum und Fachkräftemangel nur moderat – nach Inflation um 0,8 Prozent.„Die Tarifbindung nimmt ab, und die Dienstleistungsbranche wächst enorm, wo schlechter gezahlt wird als in der Industrie und wodurch die Produktivität nur verhalten steigt“, erklärt Weber. Laut einer Analyse der Bundesbank kommt die starke Zuwanderung von Arbeitskräften aus EU-Ländern hinzu. Mittlerweile ist der Niedriglohnsektor im reichen Deutschland einer der größten in Europa.

1,2 Millionen müssen ihr Gehalt mit Sozialleistungen aufstocken, weil es nicht zum Leben reicht. Die Dunkelziffer liegt aus Sicht der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung jedoch noch sehr viel höher, weil viele Leistungsberechtigte ihre Ansprüche nicht geltend machen, obwohl ihr Einkommen nicht existenzsichernd sei. Mit dem Mindestlohn sank die Zahl der Aufstocker seit 2005 zwar um etwa 200 000. Dennoch reicht für ein Fünftel von ihnen sogar ein Vollzeitjob nicht aus, um für sich und die Familie selbstständig, ohne staatliche Hilfe, sorgen zu können.

Kaum reelle Chancen

818 000 Langzeitarbeitslose gibt es in Deutschland. Sie haben seit mindestens einem Jahr keinen Job mehr gehabt und beziehen Hartz IV. Während die Beschäftigung steigt und steigt, verharrt diese Zahl seit Jahren auf einem ähnlich hohen Niveau. Die Gründe: Wer schon lange in der Grundsicherung ist, hat es sehr schwer, wieder rauszukommen. Er scheitert an den Vorurteilen von Arbeitgebern oder an sich selbst. Je länger sich jemand erfolglos bewirbt oder den ganzen Tag über nichts tut, desto mehr verliert er den Antrieb, es weiterhin zu versuchen. Die Menschen haben zudem oft keinen Abschluss, sind so lange aus ihrem Beruf raus, dass ihre Kenntnisse nicht mehr zählen, oder sie haben noch nie gearbeitet. Manche sind körperlich eingeschränkt, depressiv, trinken, haben eine Suchtgeschichte hinter sich. Andere sind einfach nur schon Mitte 50 und damit den Betrieben zu alt. Bei vielen kommt mehreres zusammen. Die Dauer der Langzeitarbeitslosigkeit von Hartz-IV-Beziehern ist in den vergangenen Jahren gestiegen: Länger als drei Jahre arbeitslos waren im Jahr 2011 rund 298 000 Hartz-IV-Bezieherinnen und -bezieher. Bis 2017 wurden es 317 000.

Ü55 ist hierzulande ein kritisches Alter, um eine neue Arbeitsstelle zu finden. „Die Unternehmen wollen Olympiamannschaften, junge, gut ausgebildete, belastbare Mitarbeiter“, sagt Werner Schäffer von der Gewerkschaft Verdi. Ältere Menschen, die vielleicht nicht mehr 150 Prozent bringen, würden da nicht rein passen. Die Folge ist: Im Juni waren 497 000 Menschen über 55 arbeitslos, was ein Fünftel aller Arbeitslosen war. Im Bericht der Arbeitsagentur heißt es, Ältere hätten große Schwierigkeiten, wieder in den Arbeitsmarkt zu kommen.“ Ist jemand 58 oder älter, kommt er in der Statistik nicht einmal mehr vor. Das Alter an sich gilt als Vermittlungshemmnis. Unternehmen denken: Die berufliche Ausbildung desjenigen liegt lange zurück. Das einst erworbene Wissen ist überholt und so nicht mehr brauchbar. In agilen, digitalen, schnelllebigen Zeiten hilft das Argument der Lebenserfahrung immer weniger weiter.

Ach und: 3,2 und nicht 2,3 Millionen Menschen sind in Deutschland eigentlich ohne Job. Wer als arbeitslos gilt, ist nämlich eine Frage der Definition. Nicht jeder, der eine Stelle sucht, taucht in der monatlich präsentierten Statistik der Arbeitsagentur auf. Es fehlen darin Schüler, Studenten, Personen ab 58 Jahren, die mindestens seit zwölf Monaten Arbeitslosengeld II beziehen. Außerdem kommt nicht vor, wer sich nicht zur Arbeitssuche meldet, nicht mindestens 15 Stunden pro Woche arbeiten könnte oder möchte, wer krankgeschrieben ist, und vor allem, wer über das Jobcenter eine Fortbildung macht, in einer „Maßnahme“ steckt, einen Ein-Euro-Job hat – oder wer sich von privaten Agenturen vermitteln lassen will.

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