Bundestag für Rückkehr des Meisterbriefs : Ein Zertifikat zum Mäusemelken!

Gerahmte Meisterbriefe sind zwar hübsch anzuschauen, lösen aber keins der Probleme, die ich im Umgang mit Handwerkern kenne - und erleben durfte. Eine Kolumne.

Und wehe, Sie stellen Ihren Eimer gleich auf das frisch verlegte Parkett!
Und wehe, Sie stellen Ihren Eimer gleich auf das frisch verlegte Parkett!Foto: picture alliance / dpa

Es sei noch kein Meister vom Himmel gefallen, sage ich immer, wenn ich meine Tochter motivieren möchte, etwas weiter zu versuchen, was sie noch nicht gut kann. Im Türkischen gibt es ein Sprichwort, das bei meinem Vater immer dann zum Einsatz kommt, wenn ich ihm erzähle, was für tolle Sachen seine Tochter kann. Er sagt dann: „Esege altin semer vursalar, esek yine esektir – auch wenn man dem Esel mit einem goldenen Sattel sattelt, bleibt er doch ein Esel.“

An diese beiden Sprichwörter musste ich denken, als ich las, dass der Bundestag im nächsten Jahr die Meisterpflicht wieder einführen will. Zur Erinnerung: Die rot-grüne Regierung hatte sie 2004 für zulassungsfreie Berufe abgeschafft, damit Handwerker sich schneller selbständig machen können. Für zulassungspflichte Berufe musste man aber immer geeignete Qualifikationen vorweisen, um sie überhaupt ausführen zu dürfen.

Jetzt sollen also Berufe wie Fliesen- und Parkettleger, Rollladentechniker, Drechsler, Holzspielzeugmacher, Estrichleger und Orgelbauer wieder unter die Meisterpflicht fallen. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich mag handwerkliche Qualität sehr, aber die Begründung, dass die Rückeinführung für mehr Handwerker sorge und somit dem Fachkräftemangel entgegenwirke, ist doch zum Mäusemelken – und zwar zum zertifizierten.

Drei Ordner voller Zertifikate

Laut Bundesagentur für Arbeit sind im Handwerk etwa 150.000 Stellen unbesetzt. Schon jetzt muss man statistisch gesehen zwei bis drei Monate warten, bis man überhaupt einen Handwerker zu Gesicht bekommt. Seit der Abschaffung der Meisterpflicht ist der Mangel nicht gesunken, er hat sich erhöht. Und da sind die fehlenden 20.000 Azubis noch gar nicht mit eingerechnet. Mathe 6! Setzen, lieber Gesetzgeber!

Wir Deutschen und unser Zertifizierungswahn. Ich bin ja selbst so eine. Seit meinem Schulabschluss habe ich drei Ordner voll mit Zertifikaten, Urkunden und Teilnahmebescheinigungen. Genützt hat mir das nicht. Nicht mal mein Zertifikat für Autogenes Training, als der Malermeister seinen Farbeimer ohne Schutz auf mein gerade verlegtes Parkett stellte und einen so großen Fleck verursachte, dass der Parkettleger noch mal anrücken musste. Nur das beherzte Eingreifen meiner Nachbarin rettete den Malermeister vor einem zertifizierten Tritt in den Hintern.

Der Handwerksberuf braucht nicht noch mehr Bürokratie. Gerahmte Meisterbriefe sind zwar hübsch anzuschauen, aber am Ende bringen nur Kontrollen etwas. Denn was nützt es mir als Kunde, wenn der Betrieb, den ich beauftragt habe, den Meisterbrief des Chefs an der Wand hängen hat, der aber trotzdem ungelernte Arbeiter schickt, die er auch schlecht bezahlt, um für sich mehr Gewinne einzustreichen? Zwischen Pfuscher und Meister ist der Korridor der Möglichkeiten so breit wie die Raufasertapetenrolle lang ist.

Besser wäre es, ausländische Abschlüsse anzuerkennen

Mehr Meisterbetriebe bedeuten auch nicht, dass mehr ausgebildet wird. Der Grund, warum es im Handwerk an Auszubildenden fehlt, ist nicht der fehlende Ausbilder, sondern zum einen der demografische Wandel und, dass junge Menschen Studium einer Ausbildung vorziehen. Bäckereien und Friseurbetriebe haben trotz Meistertitel-Pflicht ein großes Nachwuchsproblem.

Sinnvoller wäre es, die Anerkennung ausländischer Abschlüsse zu erleichtern. Viele MigrantInnen dürfen nicht in ihren Berufen arbeiten, weil die bürokratischen Hürden in Deutschland so hoch sind. Ich zahle gerne mehr für gutes Handwerk. Aber nur, wenn das Geld auch wirklich bei den HandwerkerInnen ankommt und nicht in der Tasche des Meisters landet.

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