Chancen von Technologie : „Neues kann ich nur auf Zuversicht und Mut aufbauen“

Auf 3048 Metern Höhe im österreichischen Sölden kamen die führenden Köpfe der Tech-Szene zusammen. Sie diskutierten die Fragen, wie weit Technologie gehen darf.

Hannes Ametsreiter, Vorstandsvorsitzender von Vodafone Deutschland, sieht große Chancen in technologischen Innovationen.
Hannes Ametsreiter, Vorstandsvorsitzender von Vodafone Deutschland, sieht große Chancen in technologischen Innovationen.Foto: picture alliance/dpa

Gibt es gute Technologie? Und was können wir dafür tun, damit neue Technologien einen Mehrwert nicht nur für Unternehmen, sondern auch für Menschen und Umwelt schaffen? Darüber diskutierte gestern die „Digitale Bewegung“, eine Gruppe aus rund 60 Visionärinnen und Visionären, die zum dritten Mal auf Einladung von Tagesspiegel, Handelsblatt, Wirtschaftswoche und Ada zum sogenannten Gigagipfel zusammenkam – auf 3048 Metern Höhe im österreichischen Sölden.

Für Vodafone-Chef Hannes Ametsreiter ist die Technologie-Debatte in Deutschland zu stark von Angst geprägt. Ihm fehlt die große Vision: Autos etwa, die nie wieder kollidieren, Mobilität, die günstiger und für mehr Menschen verfügbar wird. „Neues kann ich nur auf Zuversicht und Mut aufbauen“, sagt Ametsreiter. Heinrich Birner, Geschäftsführer von Verdi in München, meint, die Angst vor einem digitalen Prekariat sei aber eine reale. Wer wolle, dass die Menschen den technologischen Wandel begrüßten, müsse ihnen die Folgen erklären.

„Das höchste Gebot in Europa ist Risikovermeidung“, meint auch Chris Boos, Gründer der KI-Firma Arago und Mitglied im Digitalrat der Bundesregierung. Er glaubt nicht, dass es eine staatliche Aufgabe ist, den Glauben an die Zukunft herzustellen. Visionen fordert er auch von der Wirtschaft, die zu oft noch an den alten Geschäftsmodellen festhalte, auch, weil die Geschäfte noch so gut laufen: „Wir brauchen ein Ziel“, sagt Boos: „ein schwieriges Ziel, damit wir endlich mal unser Gehirn anstrengen“. Was gute und was schlechte Technologie sei, das liege stets im Auge des Betrachters. Die berühmte Frage, wohin das selbstfahrende Auto im Ernstfall steuert, würden Europäer anders beantworten als Amerikaner. „In Indien“, sagt Boos, „rettet man die Kuh“.

Technologie nicht verteufeln

Die Entscheidung über menschliches Leben darf nicht einer Maschine überlassen werden, da war sich die Gruppe einig: „Wir müssen Technologie so entwickeln, dass sie den Menschen ermächtigt und in der Verantwortung hält“, lautet die erste der sechs Kernbotschaften, auf die sich die Bewegung einigte. „Die für KI verwendeten Daten müssen transparent sein, aus vertrauenswürdigen Quellen stammen, diskriminierungsfrei verwendet und datenschutzkonform erhoben werden“, eine andere.

Die Debatte um die Regulierung einer Technologie, die noch lange nicht fertig entwickelt ist, soll diese Technologie aber auch nicht verteufeln. „Die Digitalisierung ist ein Betatest, die man lieber nachträglich reguliert“, sagt Chris Boos. „Wenn heute 50 Menschen unangeschnallt in einem Bus stehen, ist das auch nicht sicher“, ergänzt ein Teilnehmer. „Wir müssen besser erklären, wie Technologie funktioniert und welche Chancen sich für die Gesellschaft ergeben“, lautet eine weitere Kernbotschaft.

„Es gibt keinen moralischen Code“, sagt Aya Jaff. Die 21-jährige Programmiererin ist zuversichtlich, dass ihre Generation dabei ist, die Welt zum Besseren zu verändern, auch mit Hilfe von Technologie. Der beste Code, sagt Jaff, entstehe im Team. Sie fordert, dass die verschiedenen Disziplinen enger zusammenarbeiten. Es waren Bio-Informatiker, die kürzlich herausgefunden haben, dass man Daten auch auf künstlichen DNA-Strängen speichern kann, wodurch enorm viel Energie eingespart werden könnte. „Wir brauchen Technologien, um Ressourcen weltweit fairer und nachhaltiger einsetzen zu können“, ist auch eine Kernbotschaft.

Die Angst darf nicht Überhand gewinnen

„Tech for Good, das klingt wie ein Wohlfühlthema“, meint Valerie Mocker, Direktorin der gemeinnützigen Innovationsstiftung Nesta aus London. In Wirklichkeit koste es große Anstrengung, gegen bestehende Strukturen anzukämpfen. Für Mocker gibt es zwei Wege, mit der Digitalisierung umzugehen: „Die Gladiatoren, die sich trauen, Neues zu wagen, ohne Rücksicht auf das, was andere von ihnen denken. Und es gibt die Marshmellows, die sitzen oben auf den Rängen und kritisieren nur.“

Anne Kjaer Riechert kennt die Marshmellows. Die gebürtige Dänin hat in Berlin die ReDI School gegründet, um Flüchtlinge für den deutschen Arbeitsmarkt auszubilden, die schon Programmierkenntnisse haben oder welche erwerben wollen. Eines Tages, erzählt sie, sei die Stadt München auf sie zugekommen und habe gefragt, ob die Schule dort eine Dependance eröffnen könne. Anschließend folgte ein 20-seitiges Papier voller Regularien. Am Ende siegten die Gladiatoren und man fand eine schnelle und unbürokratische Lösung. Überzeugt hat Kjaer Riechert mit ihren Zahlen: Fast 50 Prozent der befragten Studierenden wurden in bezahlte Praktika oder Jobs vermittelt. „Technologie muss nachhaltige Entwicklungen fördern und für so viele Menschen wie möglich problemlos nutzbar sein“, lautet eine weitere Kernbotschaft.

Bei aller Begeisterung für die Technik war der Mensch immer wieder Thema. Vor allem die Angst, von der Hannes Ametsreiter gleich zu Beginn sprach. Diese Angst, die in so vielen Organisationen, in Firmen und Ministerien herrsche, „das müssen wir ändern“, meint auch Joana Beidenbach von der Spendenplattform Betterplace. Sonst hätten die Menschen keine Kraft, sinnvolle Lösungen zu erdenken und zu bauen. Die letzte der Botschaften lautet: „Technologie darf kein Selbstzweck sein: Sie darf nicht Probleme kreieren, die sie dann zu lösen versucht.“

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