Cyberwährung : Der Staat kassiert dank Bitcoins Millionen

Im Kampf gegen Internetkriminalität beschlagnahmten hessische Fahnder vor drei Jahren einige Bitcoins - die waren damals noch weniger als 50.000 Euro wert. Jetzt sollen die Münzen verkauft werden.

Kriminelle nutzen gerne Bitcoins. Die Behörden haben zuletzt etliche beschlagnahmt.
Kriminelle nutzen gerne Bitcoins. Die Behörden haben zuletzt etliche beschlagnahmt.Foto: imago/Michael Weber

Manchmal ist es auch von Vorteil, dass die Mühlen der Justiz langsam mahlen. Schließlich ist es schon drei Jahre her, dass den hessischen Internetfahndern einer ihrer ersten großen Coups gelang. In einer gemeinsamen Aktion mit Europol und dem FBI wurden gleich mehrere Online-Marktplätze abgeschaltet, auf denen Drogen gehandelt wurden. Silk Road 2.0 und Hydra hießen zwei der illegalen Seiten. Laut den Ermittlern waren dort mehr als 150.000 Nutzer aktiv, jeden Monat wurden Drogen für mehrere Millionen Euro gehandelt. Bezahlt wird bei diesen Geschäften im Darknet, einem speziellen Bereich des Internet, mit der Digitalwährung Bitcoin. Und als die Fahnder im Zuge der Razzia zahlreiche Computer beschlagnahmten, gelangten sie auch in den Besitz der Bitcoins, die auf diesen Rechnern lagen.

126 der Cybermünzen liegen seitdem bei der Zentralstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität in Gießen. Die dortigen Staatsanwälte gelten deutschlandweit als die erfahrensten Ermittler im Internet. Seit 2010 verfolgen die Spezialisten Drogendealer und Kinderpornohändler. Vergangenen Sommer halfen sie auch, den Waffenhändler zu fassen, der einem Schüler im Darknet die Pistole verkaufte, mit dem er in München Amok lief. Doch der Erfolg gegen den Drogenmarktplatz Hydra war für die Gießener eine Premiere. „Es war das erste Mal, dass wir eine große Anzahl Bitcoins auf einen Schlag sicherstellen konnten“, sagt Staatsanwalt Benjamin Krause.

In den nächsten Tagen sollen die Bitcoins verkauft werden

Nun sollen die Bitcoins zu Geld gemacht werden. „Die Veräußerung soll in den nächsten Tagen stattfinden“, sagt Krause. Das dürfte sich für die Staatskasse lohnen, schließlich ist der Kurs der Digitalwährung rasant gestiegen. In gut einem Monat legte der Wert eines Bitcoin von von 5000 auf 15.000 Euro zu. Und während auch deutsche Banker und Politiker vor der Spekulation mit Bitcoin warnen, dürfte Hessen zum Profiteur des Booms werden. 1,9 Millionen Euro sind die Bitcoins derzeit wert – als sie beschlagnahmt wurden waren es noch weniger als 50.000 Euro.
Daher soll der Verkauf jetzt auch schnell gehen. „Beim derzeitigen Kurs ist der Verkauf natürlich sehr interessant“, sagt Krause. Doch auch die Cybercrime-Spezialisten haben so ihre Zweifel daran, wie lange dieser Boom anhält oder ob die Blase nicht bald platzt. „Wir behandeln Bitcoin daher wie verderbliche Güter und verkaufen sie im Rahmen einer Notveräußerung“, sagt Krause. Die wird sonst für beschlagnahmte Lebensmittel angewendet oder Autos, die mit der Zeit an Wert verlieren und zudem wegen der Unterstellkosten nicht erst bis zu einem Gerichtsurteil verwahrt werden.

Nur ein paar Unterschriften fehlen noch

Falls die Blase nicht vorher platzt, wird es der bislang größte Verkauf von Bitcoin durch deutsche Behörden sein. Nur einige Unterschriften und andere formale und technische Details fehlen noch, schließlich verkaufen deutsche Behörden nicht jeden Tag Bitcoins. Dann wird die Währung auf Bitcoin.de angeboten, dem einzigen regulierten Handelsplatz in Deutschland. Dabei entwickeln die Gießener gerade ein standardisiertes System, das es auch anderen Kollegen in Hessen künftig einfach ermöglichen soll, beschlagnahmte Bitcoins zu veräußern.

Denn in den vergangenen zwei Jahren ist es Fahndern in ganz Deutschland mehrfach gelungen, Betreiber der Marktplätze festzunehmen. Eine Übersicht über die Gesamtmenge der dabei beschlagnahmten Bitcoin gibt es nicht. Das Bundeskriminalamt (BKA) ist gerade dabei, die Daten aus den entsprechenden Verfahren zusammenzutragen. „Wir wollen das in der Kriminalstatistik nächstes Jahr auch erstmals ausweisen“, heißt es beim BKA. Doch schon einige der bekannten Fälle zeigen, um welche Dimensionen es dabei geht. So hat die Staatsanwaltschaft in Fulda bei einer Drogenrazzia Ende 2013 rund 100 Bitcoin beschlagnahmt.

Auch hier ist eine Veräußerung beabsichtigt. Eine noch größere Menge wurde in Bayern beschlagnahmt. In diesem Sommer legten Spezialisten der Zentralstelle Cybercrime in Bamberg gemeinsam mit Kollegen aus Sachsen die Plattform lul.tv lahm, auf der E-Books oder Hörbücher illegal gehandelt wurden. Dabei wurde auch „eine erhebliche Anzahl an Bitcoins gesichert“, sagt Oberstaatsanwalt Thomas Goger. Die genaue Zahl will er aus ermittlungstaktischen Gründen nicht nennen. Doch insgesamt wurden seit Gründung der Einheit 2015 Bitcoins im niedrigen vierstelligen Bereich sichergestellt.

Der Großteil davon wurde bislang noch nicht verkauft. Es gibt auch viele Fälle, in denen noch größere Bitcoinbeträge beschlagnahmt werden, die Behörden jedoch nicht an die digitalen Geldbörsen herankommen, in denen die Bitcoins mit Passwörtern geschützt liegen. „Oft bekommen wir keinen Zugriff auf die Wallets“, bestätigt Krause.

Auch Bulgarien sitzt auf einem Bitcoin-Schatz

Der höchste Betrag bei einem Verkauf durch deutsche Behörden wurde bislang in Leipzig erzielt. 432 000 Euro nahmen die sächsischen Behörden ein, als sie Bitcoins des als Kinderzimmer-Dealer bekannt gewordenen Betreibers der Plattform Shiny Flakes veräußerten. Die 1197 Bitcoins wären heute allerdings fast 18 Millionen Euro wert. In den USA verkaufte das FBI nach der Schließung des Drogenmarktplatzes Silk Road 144.336 Bitcoin für damals 48 Millionen Dollar. Heute wären sie 2,4 Milliarden wert.

Ein noch größerer Bitcoin-Schatz liegt in Bulgarien. Dort beschlagnahmten die Behörden im Frühjahr 213.519 Bitcoin. Die sind derzeit 3,2 Milliarden Euro wert. Damit könnte das Land etwa 20 Prozent seiner Staatsschulden abzahlen. Jedenfalls theoretisch. Denn wenn solche Mengen auf einen Schlag auf den Markt geworfen werden, dürften die Kurse einbrechen.

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