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Das Café Mox in Seattle ist ein Treffpunkt für Brettspielfans. Die Spiele können hier stundenweise gemietet werden.

© Maris Hubschmid

Beliebt wie nie: Deutsche Gesellschaftsspiele erobern die USA

Catan erstreckt sich von der West- bis an die Ostküste: Während in Essen die größte Spielemesse der Welt stattfindet, entdecken die Amerikaner ihre Begeisterung fürs Brett.

Von Maris Hubschmid

Die Westküste der USA: Das Zentrum der digitalen Welt. Hier ist Programmier-Genie Bill Gates aufgewachsen, hat im Vorort Redmond das Imperium Microsoft seinen Sitz. Von hier aus lenkt der Onlinehändler Amazon seine Geschäfte. Hier siedeln sich jedes Jahr hunderte neuer Start-ups an, die von der Nähe der großen Konzerne zu profitieren hoffen, und denen das nahe Silicon Valley zu teuer geworden ist.

In dieser Stadt, in Seattle, treffen sich jeden Abend Matt, Dustin, Adam und David und etliche andere, um Pappkarten zu mischen, Kartonplatten auszuklappen und Holzklötzchen über bunte Felder zu schieben. „Ohne Reservierung kann es für größere Runden schwierig werden“, sagt Marguerite Cottrell. Sie ist Mitarbeiterin des Cafe Mox, eines Lokals im angesagten Stadtteil Ballard, in das Menschen einkehren, um Gesellschaftsspiele zu spielen.

Zwischen 3000 und 4000 Brettspiele vorrätig

In Kneipen-Atmosphäre, bei weichem Licht und Lederbänken, konsumieren sie Snacks von der Speisekarte oder Mitgebrachtes, während sie würfeln, die Stirn in Falten legen und schadenfroh Pläne durchkreuzen. Zwischen 3000 und 4000 Brettspiele sind ständig vorrätig, sie werden verkauft oder stundenweise verliehen. Die hinteren Räume sind lange im Voraus verplant, hier regieren die Stammtische, die sich meist auf ein bestimmtes Spiel eingeschworen haben. Matt und seine Freunde verwandeln sich einmal wöchentlich in die Siedler von Catan. „Jeder kennt das Spiel“, sagt der Biologiestudent. „Und wir kennen alle Kniffe“, sagt sein Kommilitone David.

Deutschen Besuchern muss im Cafe Mox so manches bekannt vorkommen. Titel wie „Adel verpflichtet“, „Thurn und Taxis“ oder „Geistesblitz“ stehen im Regal. Andere Schachteln tragen englische Namen, aber das vertraute deutsche Siegel „Spiel des Jahres“. Es weist zum Beispiel „Kingdom Builder“, „Hansa Teutonica“ und „Terra Mystica“ als deutsche Publikumserfolge aus. Letzteres, von der hessischen Firma Feuerland entwickelt, ist für Marguerite Cottrell eines der „genialsten Spiele überhaupt“ – und Vergleichswerte hat sie reichlich. Seit vier Jahren ist die 30-Jährige als Einkäuferin unterwegs, testet Neuerscheinungen, fährt regelmäßig zu den „Spieltagen“ nach Essen, der größten Branchenveranstaltung der Welt, die in diesen Tagen stattfindet. „Ohne deutsche Brettspiele wäre das hier nicht vorstellbar“, sagt sie.

Chris Rowlands und seine Kollegin Marguerite Cottrell kennen sich mit deutschen Gesellschaftsspielen aus. Als Einkäuferin fährt sie zur Messe nach Essen.
Chris Rowlands und seine Kollegin Marguerite Cottrell kennen sich mit deutschen Gesellschaftsspielen aus. Als Einkäuferin fährt sie zur Messe nach Essen.

© Maris Hubschmid

Die Begeisterung in den USA fängt gerade erst an

Während der deutsche Markt als gesättigt gilt, bei einem Umsatz von 400 Millionen Euro jährlich stagniert, fängt die Begeisterung für Gesellschaftsspiele in dem Land, in dem das „Monopoly“ erfunden worden sein soll, gerade erst an. Zwar beheimaten die USA mit Mattell (Barbie) und Hasbro (Play-Do) zwei der erfolgreichsten Spielwarenhersteller schlechthin, doch Spieleabende am Wohnzimmertisch, wie sie für viele Deutsche fester Bestandteil des Familienlebens sind, kennen die wenigsten aus ihrer Kindheit.

„Wir sind schon seit Anfang der 2000er in den USA aktiv, aber in den letzten Jahren hat sich dort ein erheblicher Schub getan“, bestätigt Moritz Brunnhofer von der Firma „Hans im Glück“ mit Sitz in München. Mittlerweile seien die Staaten ihr wichtigster Partner. Das Legespiel Carcassonne etwa hat der Verlag eigens für den amerikanischen Markt überarbeitet. Man sieht es in Kaufhäusern in Zentralkalifornien ebenso wie in den Gemeinschaftsräumen von Motels in Oregon oder Washington – es gilt als eines der meistverkauften Spiele überhaupt.

Spielen ist nicht nerdig

Sei die Spielekultur der USA lange auf zwei Extreme festgelegt gewesen, meint Brunnhofer – auf der einen Seite Kinderspielzeug und auf der anderen „Hardcore-Nerds mit Kriegs- und Rollenspielen“ – werde mehr und mehr ein breites Angebot nachgefragt. Dazu beigetragen hat die Internetseite Boardgamegeek.com, ein gigantisches Spielelexikon, dessen Anspruch es ist, die gesamte Welt des Brettspiels abzubilden. Obschon sie aktuell wohl zu den unübersichtlichsten Seiten überhaupt gehört, knackte sie Anfang des Jahres die Marke von einer Million registrierten Nutzern.

Das Cafe Mox, vor vier Jahren eröffnet, ist in Seattle längst nicht mehr das einzige seiner Art. Im nahen Bellevue hat das Unternehmen Card Kingdom einen zweiten Treff eröffnet, weiter südlich hat sich mit Blue Highway Games ein Konkurrenzunternehmen etabliert. Auch San Francisco, New York und nahezu alle anderen Großstädte haben vergleichbare Anlaufstellen. Auf den Spieltagen in Essen, sagt Cottrell, treffe sie immer öfter Kollegen aus den USA.

Strategisch, fordernd, aufwendig – die Amerikaner haben reine Glücksspiele satt

Während die Umsätze mit Computerspielen sinken, freut sich die Brettspielbranche dieses Jahr über ein Plus.
Während die Umsätze mit Computerspielen sinken, freut sich die Brettspielbranche dieses Jahr über ein Plus.

© Kitty Kleist-Heinrich

Verstärkt wurde der Trend durch Blogs und Youtube-Rezensionen. Im Internet präsentieren Liebhaber auch Spiele, die in Amerika noch nicht erhältlich sind. Große Aufmerksamkeit erfahren zum Beispiel die Rezensionen des Star-TrekSchauspielers Wil Wheaton in seiner Web-Sendung „Tabletop“. „Wir lieben deutsche Spiele dafür, dass sie strategischer und schwieriger sind“, sagt Cottrell. Keine reinen Lern- oder Glücksspiele.

Cottrell versucht, alle Spiele zu bekommen, nach denen sich Gäste erkundigen. Oft aber ist die Einfuhr schwierig. Einige erhält sie nur über einen kanadischen Händler, andere gar nicht. Häufig schreibt sie die Verlage direkt an, ermuntert sie, englischsprachige Varianten herauszugeben. Zu ihren Favoriten zähle das bayerische Unternehmen Zoch, das mit „Ghostblitz“ auch eine amerikanische Version seines Spiels „Geistesblitz“ produziert hat. Die fortgeschrittene Variante gebe es bislang aber nur auf Deutsch, bedauert sie. Auch „Mord im Arosa“ und „Putz die Wutz“ bietet sie notgedrungen nur in deutschen Ausgaben an.

„Die Leute wollen wieder jemanden vor sich haben“

Ins Spielecafé kommen Menschen aller Altersklassen. Auffallend viele jedoch sind zwischen 20 und 35 Jahre alt. „Die meisten von denen haben früher am Computer gezockt“, sagt Cottrell. „Ich selber auch.“ Das ewige Starren auf den Bildschirm werde aber irgendwann öde. „Die Leute wollen wieder jemanden vor sich haben“, glaubt sie.

Zahlreiche Spieleverlage in Deutschland haben ihre Chance erkannt. Eine Vorreiterrolle nimmt dabei sicher Kosmos ein. Um „Die Siedler von Catan“ weltweit zu etablieren, einigte sich der Anbieter mit dem Autoren darauf, den Namen in ein überall funktionierendes „Catan“ zu ändern. Ein Hit aus dem Hause Pegasus heißt „Camel up“. Immer öfter setzen die Hersteller auf internationale Titel. Mit „Vollmondnacht“ trug auf der Nominierten- und Empfehlungsliste für das Spiel des Jahres 2015 gerade noch eines von neun Spielen einen rein deutschen Namen.

Ravensburger unterhält eine Tochterfirma in den USA

Das Unternehmen Schmidt Spiele punktet bei den Amerikanern mit „Magic Labyrinth“ und „Spooky Stairs“. Deutschlands nach wie vor erfolgreichster Spielehersteller Ravensburger unterhält eine Tochterfirma in den USA, verzeichnet wachsende Nachfrage; eigenen Angaben zufolge besonders bei komplexeren Produkten wie „The castles of Burgundi“ („Die Burgen von Burgund“). Um die Position im „größten Spielemarkt der Welt“ auszubauen, haben die Schwaben Ende 2012 in Seattle das Start-up Wonder Forge übernommen, das sich auf Kinderspiele spezialisiert hat.

Doch die ansässigen Hersteller haben die Herausforderung angenommen. „Viele machen erhebliche Anstrengungen, um in den Markt zu kommen“, beobachtet Marguerite Cottrell. Das lohnt sich: Mit „Dominion“ und „Ticket to ride“ kommen aktuell bereits zwei echte Verkaufsschlager aus den USA.

Auch sie werden im Cafe Mox als „German Games“ beworben. Ein Versehen? In der Szene, erläutert Student David, sei das längst nicht mehr nur die Bezeichnung für Produkte made in Germany. „Es ist ein Sammelbegriff für Spiele, die einfach anspruchsvoller und besser sind als andere.“

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