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„Die Beschäftigten stärker am Erfolg beteiligen“: Siemens-Betriebsräte über die Transformation
Rund 350 Betriebsräte des Tech-Konzerns diskutieren in Berlin über Wandel, Unternehmenskultur und frühzeitige Mitbestimmung.
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Ausreichend Selbstvertrauen für den Spitzenjob bringt Tobias Bäumler mit. Seit ein paar Monaten führt der 46-Jährige den Gesamtbetriebsrat der Siemens AG. In dieser Woche leitete er zum ersten Mal das jährliche Treffen von rund 350 Betriebsräten in Berlin.
„Wir als Betriebsrat haben eine Superpower: das Vertrauen der Beschäftigten“, sagt Bäumler im Gespräch mit dem Tagesspiegel. „Die Menschen wollen wissen, was passiert, und wir sind sehr stark in der Übersetzerrolle.“ Das klingt nach viel Arbeit, denn es passiert immer etwas in dem Weltkonzern mit 315.000 Beschäftigten, davon 85.000 in Deutschland.
Die von Konzernchef Roland Busch proklamierte „One Tech Company“ ist gut in Form, für das jüngste Geschäftsjahr meldete Busch ein Rekordergebnis. Der Gewinn nach Steuern stieg im Industriegeschäft auf 10,4 Milliarden Euro, die Dividende für die Aktionäre erhöht sich von 5,20 auf 5,35 Euro.

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„Für uns ist auch wichtig, die Beschäftigten stärker am Erfolg zu beteiligen“, sagt Bäumler dazu und beschreibt die Rollenverteilung: „Wenn Dr. Busch in die Bütt geht, dann redet er in erster Linie zu den Aktionären. Wir aber adressieren die Beschäftigten.“
Busch möchte das Silo-Denken im globalen Konzern überwinden, Innovationen schneller an die Kundschaft bringen und Siemens noch profitabler machen. „Das Label One Tech Company soll das Unternehmen einen – das muss auch für die Arbeitsbedingungen gelten“, ergänzt Bäumler aus der Sicht des Betriebsrats.
Alles wird schneller – deshalb müssen wir die Belegschaften frühzeitig einbeziehen.
Tobias Bäumler, Vorsitzender des Gesamtbetriebsrats der Siemens AG
Siemens versteht sich als Softwarekonzern, der die reale mit der digitalen Welt verbindet. „Alles wird schneller – deshalb müssen wir die Belegschaften frühzeitig einbeziehen“, sagt Bäumler. Transparenz und Teilhabe sei „das A und O“, und wenn Standortleitung und Betriebsrat „an einem Strang ziehen, ist der Standort erfolgreich“.
Im vergangenen Sommer, kurz vor dem Wechsel an der Betriebsratsspitze von Birgit Steinborn zu Tobias Bäumler, verständigte sich die Konzernleitung mit den Arbeitnehmervertretern auf ein dreiteiliges Paket: Transformationsvereinbarung inklusive millionenschwerem Weiterbildungsfonds; die Konditionen für den Abbau von 2800 Arbeitsplätzen in Deutschland sowie tarifliche Verbesserungen für Kolleginnen und Kollegen, die bislang schlechter gestellt waren als die „normale“ Siemens-Belegschaft.
11.000 Mitarbeitende können sich künftig über mehr Geld für weniger Arbeit freuen. Sie fielen bisher unter die „Tarifvertragliche Sondervereinbarung“, die die deutsche Siemens-Belegschaft rund 20 Jahre in eine Zwei-Klassen-Gesellschaft getrennt hatte und vor allem Mitarbeitende in den Siemens-Niederlassungen und im Vertrieb betraf.
Tarifliche Ungleichbehandlungen beendet
Über einen Zeitraum von fünf Jahren werden diese Beschäftigten jetzt stufenweise auf das Niveau des Tarifvertrags der Metall- und Elektroindustrie geführt. Im Kern geht es um knapp zwei Stunden Wochenarbeitszeit weniger und mehr Geld. Für die Schlechterstellung habe das Management der One Tech Company keine Argumente mehr gehabt, meint Bäumler.
In einem Interessenausgleich und Sozialplan regelten die Betriebsparteien ferner den Abbau von rund 2800 Arbeitsplätzen in Deutschland. Betroffen davon ist hauptsächlich die zuletzt schwächelnde Sparte Digital Industries (DI), insbesondere das Automatisierungsgeschäft. Der Konzern begründete den Abbau mit dem rückläufigen Markt in Deutschland.
Stefanie Lengfelder, Betriebsrätin in Amberg und stellvertretende Gesamtbetriebsratsvorsitzende, gibt leichte Entwarnung. „Die Situation im Bereich DI stabilisiert sich.“ Und Amberg, bleibe „ein Vorzeigewerk“ für automatisierte Prozesse. Schließlich „sind wir Weltmeister in der Digitalisierung der Industrie“, sagt Bäumler.
Auf dem Wege eines „Ringtausches“ könnten im Übrigen viele Kolleginnen und Kollegen im Konzern bleiben. „Der Wechsel zu anderen Arbeitsplätzen wird erleichtert und gefördert. Deshalb wird sich die Zahl der Mitarbeitenden in Deutschland insgesamt nicht groß verändern“, glaubt der Betriebsrat.
Mit der Transformationsvereinbarung inklusive Fonds von 50 Millionen Euro für Weiterbildung und Qualifizierung schauen Betriebsrat und Vorstand jetzt nach vorn. „Wir haben gemeinsam nach Lösungen gesucht, wie wir schneller werden, ohne die Mitbestimmung zu unterwandern“, beschreibt Personalchefin Judith Wiese ein Ziel der Vereinbarung.
Der Transformationsfonds tritt gewissermaßen an die Stelle eines Zukunftsfonds, aus dem in den vergangenen Jahren 100 Millionen Euro für Qualifizierungsmaßnahmen ausgegeben wurden. „Wir bekommen immer vorgehalten, wie schwierig es sei, in Deutschland Geschäfte zu machen“, sagt Betriebsratschef Bäumler. „Mit der Transformationsvereinbarung setzen wir aus einer negativen Ausgangslage einen positiven Impuls nach vorn.“
Unter dem Motto „One Tech Company – aber für alle“ diskutierten die Betriebsräte am Donnerstag in Berlin auch mit Personalchefin Wiese über die Umsetzung der neuen Vereinbarung. Dazu gehöre, „dass wir viel früher mit dem Management über anstehende Investitionen und Veränderungen ins Gespräch kommen“. Für den Betriebsrat ist das „eine Frage der Unternehmenskultur“. Daran gelte es in den nächsten Jahren zu arbeiten. Werk für Werk, Standort für Standort.
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