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Pudding kommt immer an. Schon 1950 warb Dr. Oetker fürs Dessert. Heute ist der gefleckte Kinderpudding „Paula“ aus dem Hause Oetker ein Verkaufsschlager.
© pa/AKG-Images

Kinderlebensmittel: Die Extraportion Zucker für die Kleinen

Zu süß, zu fett, zu salzig: Experten halten nicht viel von Kinderlebensmitteln. Doch der Markt wächst - und die Zielgruppe wird immer jünger.

Wenn Jakob in den Laden geht, weiß er genau, was er will. Den Pudding mit der Kuh und den Flecken, den sollen die Eltern kaufen. Jakob kann das noch nicht selber. Auch lesen kann der Kleine nicht. Jakob ist nämlich gerade einmal vier.

Paula, den Kinderpudding aus dem Hause Dr. Oetker, kennt Jakob aus dem Fernsehen. Die Werbemillionen, die der Bielefelder Nahrungsmittelkonzern für seine Kindermarke ausgibt, zahlen sich aus. Während andere Anbieter mit Umsatzrückgängen zu kämpfen haben, schafft Paula zweistellige Zuwachsraten. Genauso wie die Kinderwurst. Die Bärchenwurst der Firma Reinert oder die Salami, Frikadellen und Würstchen der Stockmeyer-Marke „Ferdi Fuchs“ sind schon den Allerkleinsten vertraut.

WERBUNG WIRKT

„Schon Dreijährige erkennen und präferieren bestimme Markenlogos“, hat Lucia Reisch von der Copenhagen Business School herausgefunden. Schließlich würden Kinder im Schnitt mit rund 100 Werbespots am Tag berieselt, sagt sie. 3,24 Milliarden Euro wurden laut einer Studie des Marktforschungsinstituts Nielsen im Jahr 2010 allein für Lebensmittelwerbung ausgegeben, jeder fünfte Euro wanderte in die Werbung für Süßigkeiten.

Während die Knirpse mit bunten Figuren, Spielzeug und kostenlosen Spielen auf den Internetportalen der Kindermarken geködert werden, wirbt die Ernährungsindustrie bei den Eltern mit den vielen „gesunden“ Vitaminen, der Extraportion Milch und dem wertvollen Vollkorn für die teuren Kinderlebensmittel.

VON ALLEM ZU VIEL

Verbraucherschützer, Kinderärzte und Ernährungswissenschaftler sehen das mit Sorge. Im vergangenen Sommer machte die Verbraucherzentrale Bremen für 39 Kinderlebensmittel den Ampelcheck. Mit den Ampelfarben grün, gelb und rot kennzeichnete sie, wie viel Zucker, Salz und Fett die Lebensmittel enthalten. Das Ergebnis: 41 Prozent der Produkte enthielten zu viel Zucker, ein Drittel zu viel Fett, 16 Prozent zu viel Salz. Beispiele gibt es zuhauf. In 100 Gramm der Mini-Salamis „Ferdi Fuchs“ stecken 1,6 Gramm Salz. Das ist viel. Kindern reicht ein Gramm Salz – am Tag, warnt die Deutsche Gesellschaft für Ernährung.

Der Hersteller versuchen die Kinder immer früher an sich zu binden

MEHR ZUCKER ALS VOLLKORN

31 Prozent Vollkorn verspricht Nestlé den Käufern seiner „Cini Minis“. Dass die Cerealien aber noch mehr Zucker als Vollkorngetreide enthalten, erfahren die Eltern erst nach dem Studium der Zutatenliste. „Mit wertvollen Vitaminen“ wirbt die Berliner Firma Storck für ihre Weingummis. Dabei sind die „Nimm2“-Lachgummis wahre Zuckerbomben und bestehen zur Hälfte aus Zucker. „Ohne künstliche Farbstoffe, ohne Zusatz von Alkohol und Konservierungsstoffen“ sei seine „Milchschnitte“ erklärt Ferrero. Was der Nutella-Produzent aber nicht gern an die große Glocke hängt, sind die 422 Kalorien, die 100 Gramm (gut drei Schnitten) enthalten. Dieselbe Menge Schwarzwälder Kirschtorte ist mit gerade einmal 250 Kalorien verglichen damit ein Schlankmacher.

15 Prozent der Kinder, die in Deutschland leben, haben Übergewicht. Berthold Koletzko von der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin macht dafür auch die Kinderlebensmittel verantwortlich – etwa den Prinzessinnen-Zitronenkuchen mit 48 Prozent Zuckeranteil. „Das würden Sie Ihrem Hund nicht geben“, schimpft der Münchener Universitätsprofessor.

40 Prozent der Verbraucher gehen davon aus, dass Zucker-, Fett- und Salzgehalt der Kinderlebensmittel an die Bedürfnisse der Kleinen angepasst sind. Das hat eine vor wenigen Tagen vom Bundesverband der Verbraucherzentralen (VZBV) veröffentlichte Umfrage ergeben. Die Wirklichkeit sieht anders aus, betont VZBV-Chef Gerd Billen. Seine Lösung: „Kinder brauchen keine Extrawurst“, mahnte der Verbraucherschützer kürzlich auf der Grünen Woche. Experten sind sich einig, dass gesunde Kinder ab dem ersten Lebensjahr am ganz normalen Familienessen teilnehmen können. „Weder aus ernährungsphysiologischer noch aus toxikologischer Sicht brauchen Kinder besondere Lebensmittel“, meint Andreas Hensel, Präsident des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR). Im Gegenteil: Dadurch dass fast alle Kinderlebensmittel mit Vitaminen und Mineralstoffen angereichert sind, bestehe vielmehr die Gefahr, zu viel abzubekommen.

NEUER MARKT

Dennoch versucht die Ernährungsindustrie jetzt, die Kundschaft noch früher an sich zu binden. Sie hat die Zielgruppe der Ein- bis Dreijährigen entdeckt und damit zwei Millionen neue Abnehmer. Mit spezieller Kindermilch, Säften, Breis oder Suppen versuchen vor allem die klassischen Anbieter von Babynahrung – Hipp, Alete, Milupa – ihre Kleinkindprodukte an die der Stillzeit gerade Entwachsenen zu bringen. Anders als die Lebensmittel für ältere Kinder, für die keinerlei Besonderheiten gelten, gibt es beim Essen für die ganz Kleinen strengere Regeln. Die Lebensmittel unterliegen der Diätverordnung, sie dürfen kaum Zusatzstoffe enthalten, die Grenzwerte für Schadstoffe und Pestizide sind streng.

Dennoch will VZBV-Chef Billen die Kleinkindlebensmittel aus der Verordnung herauslösen. „Die Hersteller suggerieren den Eltern, dass die Kleinen besondere Nahrung brauchen, und dass Väter und Mütter zu blöd sind, diese zuzubereiten“, ärgert sich der Verbraucherschützer. Er möchte, dass sich Verbraucherministerin Ilse Aigner bei der in Brüssel anstehenden Überarbeitung der Diätrichtlinie, die die Grundlage der deutschen Verordnung bildet, dafür einsetzt. Wohl vergeblich. „Die Kleinkindlebensmittel sollen in der Richtlinie bleiben“, meint Bettina Hartwig, im Ministerium für den Ernährungsbereich verantwortlich, mit Blick auf den Schutz der Kleinen.

Beim Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde hält man die Aufregung über die Kinderlebensmittel für übertrieben. Die Produkte seien als Alternative gedacht, nicht als Dauerlösung. Entscheiden würden letztlich die Eltern, gibt Angelika Mrohs, Geschäftsführerin des Branchenverbands, zu bedenken: „Die müssen auch lernen, nein zu sagen.“

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