Digitale Telematikinfrastruktur : Wie das Rezept schon bald vom Arzt zum Apotheker kommen soll

Bis September sollen Apotheken Rezepte und Medikationspläne auf digitalem Weg erhalten können. Ein Apotheker aus Nürnberg hilft Jens Spahn bei der Umsetzung.

Zettelwirtschaft soll es bei Arzt-Rezepten bald nicht mehr geben.
Zettelwirtschaft soll es bei Arzt-Rezepten bald nicht mehr geben.Foto: dpa-tmn

Ralf König berät das Bundesgesundheitsministerium zur Digitalisierung des Apothekenmarkts. Seit September gehört der Nürnberger Apotheker zum Expertenteam des Health Innovation Hub, das an der Torstraße sitzt. „Digitalisierung hilft, um Zeit für Menschen zu schaffen“, sagt er. Zwei Tage die Woche verbringt König in dem Büro in Mitte. Mit den Worten „wir denken Medikation neu“ beschreibt er seine Aufgabe im Team.

Durch das Digitale-Versorgung-Gesetz sind Apotheker verpflichtet, bis September die Voraussetzungen für die digitale Übermittlung von E-Rezepten oder Medikationsplänen zu schaffen. Dafür müssen sie sich an die Telematikinfrastruktur (TI) anbinden. König ist 49 Jahre alt und Apotheker in dritter Generation. Er übernahm 1999 die Apotheke von seinem Vater – und baute sie zu einem Dienstleistungsunternehmen um. Er ist überzeugt, dass er und seine Kollegen die Frist einhalten werden.

„Die Apotheker haben als eine der ersten Gesundheitsprofessionen komplett digitale Kommunikationswege beschritten.“ Ein Beispiel sei die logistische Verknüpfung mit dem pharmazeutischen Großhandel. Strafen drohen Apothekern nicht, die eine TI-Anbindung verweigern. König sieht die digitalaffinen Kollegen als Grund für diesen „Vertrauensvorschuss aus dem Bundesgesundheitsministerium“ (BMG). Was er allerdings nicht erwähnt: Das BMG hat den Apothekern bereits einmal mehr Zeit eingeräumt.

Mehrarbeit soll reduziert werden

König hat sich mit der Realisierung eines zentralen Medikationsservers einen Namen gemacht. Arzt, Apotheker und Pflegeeinrichtung arbeiten in einem serverbasierten Netzwerk innerhalb eines Medikationsplans. Zuvor waren mehrere, teils handschriftliche und nur schwer lesbare Pläne im Umlauf. Wenn dann noch Rabattverträge dafür sorgen, dass sich Name und Aussehen von Medikamenten ändern, verwirrt das die Patienten. Die digitale Lösung biete deshalb vor allem Sicherheit für Patienten, sagt König. Weil sie immer den aktuellsten Medikationsplan erhalten, werden vor allem Doppelmedikationen vermieden.

Den im E-Health-Gesetz festgeschriebenen bundeseinheitlichen Medikationsplan nennt er einen „gut gemeinten Versuch“. „Es wurden damals nicht alle am Medikationsprozess Beteiligten eingebunden“, kritisiert König. Insbesondere im Notfall müsse ein Zugriff auf den Medikationsplan möglich sein, erklärt er. Als Beispiel nennt er die Notaufnahme des Klinikums Fürth, welches allein mehr als eineinhalb Arztstellen brauche, um die Gesamtmedikation eines Patienten bei der Anamnese zu ermitteln.

Zehn Prozent der Einweisungen seien auf Fehlmedikationen zurückzuführen, sagt König. Jährlich würden mindestens 15.000 Menschen an den Folgen sterben. „Es kommen mehr Menschen durch Komplikationen aufgrund von Fehlmedikation ums Leben als im Straßenverkehr“, sagt König.

Weniger Arztbesuche notwendig

Während viele Apotheker den Wettbewerb durch Amazon fürchten, versucht König auf die veränderte Marktsituation zu reagieren. Niedergelassene Apotheker müssten einen zusätzlichen Nutzen für Patienten stiften, sagt er. Viele Verbraucher schätzen eine besonders schnelle Lieferung. Mit Curacado hat König deshalb eine Botendienstplattform für Vor-Ort-Apotheken entwickelt. „Es macht keinen Sinn, Aspirin von Nürnberg nach Hamburg zu verschicken“, sagt er. Die Apotheke am Wohnort könne stattdessen einen Fiebersaft für das kranke Kind noch am selben Tag liefern und berate zudem, betont König. Mittlerweile ist dieses Geschäftsmodell auch vom Gesetzgeber abgesegnet. Denn während Botendienste zuvor in einer Grauzone stattfanden, dürfen Apotheker diese seit Ende 2019 als Regelleistung anbieten.

Nachgebessert werden müsse hingegen noch beim E-Rezept, welches derzeit in Modellprojekten getestet wird. „Aktuell habe ich das Gefühl, dass das E-Rezept vor allem zu Marketingzwecken genutzt wird“, sagt König. Er kritisiert, dass lediglich die digitale Übermittlung eines Rezepts möglich sein soll und fordert eine Vernetzung mit anderen Anwendungen wie der Gesamtmedikation, damit jederzeit ein aktueller Medikationsplan zur Verfügung stehe. „Der Arzt weiß unter Umständen gar nicht, welche Medikamente der Patient sich noch geholt hat“, warnt König.

Er plädiert zudem für mehr Effizienz. So würden Patienten die Notwendigkeit eines Praxisbesuchs, bei dem sie sich lediglich ein Rezept ausstellen lassen, in Zukunft stärker hinterfragen, prophezeit König. „Wir müssen die knappen Zeitressourcen im Gesundheitswesen optimaler für den Patientennutzen einsetzen und Aufgaben mutiger unter den Leistungserbringern aufteilen“, sagt der Apotheker.

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