Digitalisierung in Schweden : Die industrielle Evolution

Schweden spielt bei der digitalen Transformation ganz vorn mit – dank cleverer Politik und Menschen, die Technik mögen.

Karin Bock-Häggmark
Rein ins Regal. Der schwedisch-schweizerische Konzern ABB gehört zu den führenden Roboterherstellern weltweit.
Rein ins Regal. Der schwedisch-schweizerische Konzern ABB gehört zu den führenden Roboterherstellern weltweit.Foto: ABB

„Mein Name ist Schweden. Ich mag ein kleines Land sein, aber ich bin führend in der Smart Industry.“ Locker, selbstbewusst und innovativ präsentiert sich Schweden als Partnerland auf der Internetseite der Hannover Messe 2019. Das Selbstbild soll stimmen, und so wird der eigene Messepavillon auch gleich noch als „chilligster Ort in Hannover“ gepriesen.

Doch ums Chillen wird es kaum gehen. Dass Schweden Partnerland auf der wichtigsten Industriemesse der Welt ist, hat gute Gründe. „Die Regierung und Industrie Schwedens treiben die digitale Transformation konsequent voran“, betonte Messe-Chef Jochen Köckler bei der Unterzeichnung des Partnervertrages vor einem Jahr. Das „kleine Land“, das zwar flächenmäßig größer als die Bundesrepublik ist, jedoch nur zehn Millionen Einwohner hat, spielt beim Übergang zur Industrie 4.0 ganz oben mit. In allen relevanten internationalen Vergleichsrankings – wie zum Beispiel dem Europäischen Innovationsanzeiger oder dem Global Innovation Index – landet Schweden vor Deutschland an der Spitze. Heraussticht auch, dass Schweden mit rund 3,3 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) die höchsten Forschungs- und Entwicklungsausgaben in der EU hat.

Nach wie vor ist die Industrie ein wichtiger Motor der exportorientierten schwedischen Wirtschaft und steht für rund ein Fünftel des BIP. Wichtigste Branchen sind die Automobil- und Metallindustrie, die Holz- und Papierwirtschaft sowie Maschinenbau und Elektrotechnik. Deutschland ist Schwedens mit Abstand wichtigster Handelspartner.

2016 startete die Regierung eine Smart-industri-Strategie

2011 wurde auf der Hannover Messe der Begriff Industrie 4.0 lanciert. Nach Dampfmaschine, Elektrizität und Computer, so die Implikation, erleben wir momentan die vierte Industrielle Revolution. Mit Hilfe von Informations- und Kommunikationstechnologie werden Maschinen und Abläufe in Produktion und Logistik miteinander vernetzt. Das Produkt sagt dem Gabelstapler, wohin es transportiert werden will und was mit ihm in der Werkstatt geschehen soll. Der Mensch programmiert, überwacht und schreitet bei Bedarf ein.

Schweden reagierte als eines der ersten Länder mit einer konkreten Industriepolitik auf die sich ankündigende Transformation. 2016 startete die rot-grüne Regierung eine „Neu-Industrialisierungsstrategie“ unter dem Namen „Smart industri“. Der jetzige Innenminister Mikael Damberg war damals als Wirtschaftsminister für das Maßnahmenpaket verantwortlich. „Ich war ein wenig neidisch, dass Deutschland mit .Industrie 4.0’ eine so starke Marke geschaffen hat“, sagte der Sozialdemokrat in einem Interview mit der Königlichen Akademie der Ingenieurswissenschaften IVA. „Zuerst haben wir überlegt, ob unsere Strategie genauso heißen sollte, aber dann fanden wir das etwas einfallslos und entschieden uns für ‚Smart industri’, was ja auch ein bisschen weiter gefasst ist.“

Smart industri bezieht demnach auch ganz bewusst den „industrienahen Dienstleistungssektor“ mit ein. Dies ergibt Sinn, denn heute kauft der Kunde häufig nicht nur einmalig ein Produkt, sondern mit dem Produkt auch mehrjährige Serviceleistungen. Beim Nutzfahrzeughersteller Scania in Södertälje kommt zum Beispiel fast die Hälfte der Einkünfte aus verschiedenen Serviceleistungen.

Laptops an schwedischen Schulen eine Selbstverständlichkeit

Die Transformation in der Industrie fällt in Schweden auf fruchtbaren Boden, gehört das Land doch zu den digitalisiertesten EU-Staaten. „Schweden hat bereits seit den 1990er-Jahren seine heutige IT-Reife kontinuierlich entwickelt, mit einer hohen PC-Dichte und einem Breitband, das flächendeckend nahezu alle Bürger erreicht“, erklärt Ralph-Georg Tischer, Geschäftsführer der Deutsch- Schwedischen Handelskammer in Stockholm.

Im Heimatland des damals extrem erfolgreichen Telekommunikationskonzerns Ericsson pushte die Regierung massiv die IT-Kompetenz der Bevölkerung. Ab 1998 konnte im Rahmen der „Heim-Computer-Reform“ jeder Angestellte – steuerlich subventioniert – einen neuen Computer für zu Hause leihen. Mehr als eine Million Schweden machten davon Gebrauch – ein Quantensprung in Sachen digitale Kompetenz. Heute sind Laptops an schwedischen Schulen eine Selbstverständlichkeit, und fast unabhängig vom Alter ist in Schweden kaum jemand ohne Smartphone unterwegs.

Die Schweden gelten allgemein als technikaffin und extrem trendbewusst. Das Bildungsniveau ist hoch, die Englischkenntnisse der meisten sind hervorragend. Zudem ist das Vertrauen in technische Systeme, Institutionen und den Staat ausgeprägt. Vor diesem Hintergrund scheint die Industrie 4.0 in Schweden eher Evolution als Revolution zu sein.

Unternehmen setzen auf Umweltfreundlichkeit als Konkurrenzvorteil

Gleichzeitig hat die schwedische Regierung bei ihrer Smart-industri-Strategie von Anfang an Nachhaltigkeit und Klimaaspekte clever in den Vordergrund gestellt. Seit Längerem verfolgt das Land eine ehrgeizige Klimapolitik. So will Ministerpräsident Stefan Löfven Schweden bis 2045 zum ersten „fossilfreien Wohlfahrtsstaat“ der Welt machen. Hierbei gereicht es Schweden zum Vorteil, dass bereits heute mehr als zwei Drittel des erzeugten Stroms aus erneuerbaren Quellen, allen voran Wasserkraft, kommen. Das andere Drittel stammt aus Atomkraftwerken, Kohle spielt keine Rolle.

Schweden, so heißt es in der Industriestrategie, solle weltweit führend bei der innovativen und nachhaltigen industriellen Produktion von Waren und Dienstleistungen werden. Unternehmen setzen folgerichtig auf Umweltfreundlichkeit als Konkurrenzvorteil. So war sich der Autohersteller Volvo 2017 weltweiter Schlagzeilen sicher, als er ankündigte, künftig neue Modelle nicht mehr mit reinen Verbrennungsmotoren auszustatten.

Viele Unternehmen investieren in innovative Hightechlösungen, um energie- und schadstoffärmer produzieren zu können. Ein Beispiel ist die vollautomatische Lackierwerkstatt von Bosch Rexroth im nordschwedischen Mellansel. In der menschenleeren Fabrikhalle bewegen sich Gabelstapler und Lackiermaschinen wie von Geisterhand. Riesige Hydraulikkomponenten werden dort lackiert. Der Energieverbrauch sei durch die Automatisierung um 75 Prozent gesunken, erklärt die Werkstattleitung.

Viele traditionelle Berufe sind nicht mehr gefragt

Doch in den smarten Fabriken sinkt nicht nur der Energieverbrauch, oft verschwinden auch Jobs. Als der Industriekonzern SKF 2017 in Göteborg eine vollautomatisierte Fabrik zur Herstellung von Pendelrollenlagern eröffnete, senkte man nach Angaben der Geschäftsleitung den Personalaufwand um 80 Prozent. Viele traditionelle Berufe sind nicht mehr gefragt, gesucht sind hingegen Ingenieure, Techniker und Maschinenführer. Die schwedische Industrie sucht händeringend nach qualifizierten Arbeitskräften. „Fachkräftemangel ist auf kurze Sicht das größte Problem für das Wachstum der Unternehmen“, betont Lars Jagrén vom schwedischen Arbeitgeberverband Svenskt Näringsliv.

Anders als in Deutschland ist der Mittelstand in Schweden nicht sehr ausgeprägt. 93 Prozent aller in Schweden registrierten Unternehmen sind Firmen mit weniger als fünf Angestellten. „Wollen die vielen innovativen Kleinstunternehmen weiter und nachhaltig wachsen, so ist dies meist nur durch eine Internationalisierungsstrategie möglich und macht Gemeinschaftsprojekte insbesondere zwischen Großkonzernen und Kleinstunternehmen unentbehrlich“, erklärt Ralph-Georg Tischer von der Deutsch- Schwedischen Handelskammer.

Kooperation wird zum Schlüsselwort

Die Industrie 4.0 eröffnet da neue Möglichkeiten, denn kein einzelnes Unternehmen kann sie im Alleingang umsetzen. Kooperation wird zum Schlüsselwort, und darin sind die Schweden traditionell gut. „Die kollaborative Mentalität der Schweden, die flachen Organisationsstrukturen, die informelle Geschäftskultur der Unternehmen und der sehr geringe Grad an Bürokratie“ tragen laut Tischer zur Stärke des schwedischen Unternehmertums bei.

In rund 40 Inkubatoren und Science Parks, die das Land von Süden bis Norden durchziehen, treffen etablierte Größen wie Ericsson, Volvo, Electrolux und Scania auf junge innovative Unternehmen. Schweden, allen voran Stockholm, verfügt über eine lebendige Gründerszene und gehört mit rund 5000 Start-ups auch hier zu den Spitzenreitern in Europa. Besonders bei der Entwicklung und Nutzung künstlicher Intelligenz tut sich Schweden hervor.

Technologien des maschinellen Lernens, wie sie beim autonomen Fahren benötigt werden, und auch Computerlinguistik – also sprechende Maschinen – sind eine schwedische Spezialität. So wurde zum Beispiel die freundlich lächelnde Roboterdame FRAnny, die am Frankfurter Flughafen Auskunft über die Abfluggates erteilt, von einem Start-up in Stockholm entwickelt. Ralph-Georg Tischer beeindruckt an Schwedens Weg „ganz allgemein der Pragmatismus und die Strategie der kleinen Schritte mit der Bereitschaft zu ständigen Korrekturen sowie die Offenheit im Umgang mit Daten oder beim Einbezug von Partnern“. Letzteres werde von anderen als Blauäugigkeit ausgelegt. „Es erhöht aber die Schnelligkeit und Flexibilität, was in Sachen Digitalisierung oft den entscheidenden Unterschied ausmachen kann.“

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