• Dramatische Folgen des Corona-Stillstands: Wirtschaftsexperten befürchten Verlust von bis zu 1,8 Millionen Jobs

Dramatische Folgen des Corona-Stillstands : Wirtschaftsexperten befürchten Verlust von bis zu 1,8 Millionen Jobs

Einmal noch gab es entspannte Arbeitsmarktzahlen. Doch Ökonomen warnen: Ein längerer Stillstand der Wirtschaft könnte dramatische Folgen haben.

Die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise dürften bereits deutliche Spuren hinterlassen.
Die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise dürften bereits deutliche Spuren hinterlassen.Foto: Sina Schuldt/dpa

Lange mussten die Menschen in Deutschland nicht mehr so um ihren Job fürchten wie jetzt. Immer mehr Unternehmen melden Kurzarbeit an, müssen Mitarbeiter entlassen, stoppen jegliche Neueinstellungen. Schon unmittelbar vor Ausbruch der Corona-Krise zeigten sich erste Probleme: Die Zahl der Arbeitslosen sank zwar. Im März waren nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit bundesweit 2,34 Millionen Menschen ohne Job, 60.000 weniger als im Februar, aber 34.000 mehr als im März 2019. Die Arbeitslosenquote sank um 0,2 Prozentpunkte auf 5,1 Prozent. Zugleich waren bei der Behörde 691.000 offene Stellen gemeldet - 106.000 weniger als noch vor einem Jahr.

Die Corona-Krise, mit ihren weitreichenden Folgen für die Wirtschaft und den Arbeitsmarkt, hat sich in den März-Zahlen deswegen noch nicht so drastisch widerspiegeln können, weil die Daten nur bis zum Stichtag 12. März erhoben wurden. Der Vorstandschef der Bundesagentur, Detlef Scheele, will gemeinsam mit Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) am Nachmittag in Berlin Stellung nehmen. Dabei wird es auch um die Frage gehen, wie stark die Zahl der Kurzarbeiter zuletzt gestiegen ist.

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Mit Kurzarbeit will der Gesetzgeber verhindern, dass Arbeitnehmern sofort die Entlassung droht, wenn ihr Betrieb wirtschaftlich in Schwierigkeiten gerät. Hierbei wird die Arbeitszeit vorübergehend verkürzt. Das bedeutet dementsprechend weniger Lohn, der von der Bundesagentur für Arbeit wiederum teilweise ersetzt wird. Betroffene erhalten bis zu 60 Prozent des entgangenen Nettolohns, wenn sie Kinder haben bis zu 67 Prozent.

Hintergrund über das Coronavirus:

Detlef Scheele hatte bereits vergangene Woche gesagt, er gehe in der Corona-Krise von einem neuen Rekord bei der Kurzarbeit aus. In der großen Finanzkrise 2008/2009 waren in der Spitze bis zu 1,44 Millionen Menschen auf Kurzarbeit angewiesen. Nun schätzt er, dass es deutlich mehr Menschen sein würden. Am Wochenende sagte der Vorstandschef der Arbeitsagentur: "Es wird auch danach Gastronomie und Tourismus in Deutschland geben." Allerdings werde die Krise verschiedene Unternehmen und Branchen in unterschiedlicher Härte treffen. „Es wird einige geben, die sich schnell erholen und andere, die nicht mehr auf die Beine kommen.“

Womit Ökonomen demnächst rechnen

Der Sachverständigenrat rechnet damit, dass ein Shutdown von fünf Wochen 125.000 Jobs kosten dürfte. Damit würde die Arbeitslosenquote auf 5,3 Prozent steigen. Andere Ökonomen glauben, dass die Corona-Krise noch sehr viel verheerenderen Folgen für den Arbeitsmarkt haben wird. 

Das ifo-Institut prognostiziert, dass allein schon ein Monat Stillstand zwischen 160.000 und 340.000 sozialversicherungspflichtige Jobs kosten könnte. Dazu kämen den Berechnungen zufolge noch einmal zwischen 180.000 und 390.000 Minijobs. Bei einem dreimonatigen Shutdown könnten sogar 1,8 Millionen Arbeitsplätze und bis zu 780.000 Minijobs gestrichen werden.

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Auch sie sind sich sicher, dass die Kurzarbeit deutlich steigen wird. Waren zu Hochzeiten der Finanzkrise 1,5 Millionen Menschen in Kurzarbeit, könnten es laut Ifo-Institut allein schon bei einem einmonatigen Shutdown bis zu 3,9 Millionen sein. Steht die Wirtschaft hingegen sogar drei Monate still, könnten die Firmen bis zu 6,6 Millionen Menschen in Kurzarbeit schicken.

Einmonatiger Shutdown könnte laut ifo-Institut bis zu 1,8 Millionen Arbeitsplätze kosten

„Corona wird die Arbeitslosenzahlen vorübergehend spürbar in die Höhe treiben. Doch im Gegensatz zu anderen Ländern bleiben die Virusfolgen überschaubar“, sagt Andreas Scheuerle von der Dekabank. Die Unternehmen hätten in den vergangene Krisen gelernt, dass es sich auszahlt, an ihren gut ausgebildeten Arbeitskräften festzuhalten. Die einzigartige deutsche Kurzarbeiterregelung ermögliche ihnen das auch. „Entscheidend ist, dass Unternehmenspleiten verhindert werden.“ Thomas Gitzel von der VP Bank schätzt, dass die Arbeitslosenquote in den kommenden Monaten hierzulande steigen wird. Die Schäden würden allerdings nicht so massiv und gravierend ausfallen wie etwa in den USA. Die meisten Sorgen mache er sich zum Einzelhandel. (mit dpa/rtr)

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