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Flexibles Arbeiten : Warum das Homeoffice vor allem Frauen belastet

Homeoffice klingt nach Freiheit. Nach einer neuen Studie führt es ohne Regeln aber zu mehr Arbeit – und zementiert mitunter die klassische Rollenverteilung.

Frauen kümmern sich im Homeoffice um den Job und die Kinder.
Frauen kümmern sich im Homeoffice um den Job und die Kinder.Foto: picture alliance / Daniel Naupol

Morgens eine halbe Stunde später aufstehen, weil der Schreibtisch nebenan im Zimmer steht. Keine überfüllte Bahn, keine hustenden Kollegen, kein Chef, der nervt. Stattdessen Ruhe und ein frei eingeteilter Tag. Viele Frauen und Männer wollen ihre Arbeit lieber in den eigenen vier Wänden erledigen als im Büro. Solange sie Kinder haben, bietet ihnen das Homeoffice aber eines nicht: mehr Zeit.

Mütter kommen im Homeoffice auf vier zusätzliche Stunden in der Woche. Eine davon widmen sie dem Job, drei der Kinderbetreuung. Bei Vätern sieht es anders aus: Sie machen wöchentlich zwei Überstunden mehr – allerdings nur für die Arbeit. Zu diesen Ergebnissen kommt eine Studie von Yvonne Lott, Gender- und Arbeitszeitforscherin am Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung. „Einen Freizeitgewinn mit flexiblen Arbeitsarrangements gibt es weder für Mütter noch für Väter“, sagt sie. Von wegen mehr Erholung und Sport.

Noch mehr zusätzliche Überstunden – nämlich wöchentlich vier – machen Väter, die völlig frei über ihre Arbeitszeit entscheiden können. Um Kinder kümmern sich Väter mit derartiger „Vertrauensarbeitszeit“ jedoch sogar weniger als Männer mit Kindern und einer festen Grenze zwischen Berufs- und Privatleben. Haben Mütter die freie Wahl, widmen sie der Erwerbsarbeit wöchentlich eine knappe Stunde mehr als mit festen Stunden. Anderthalb Stunden zusätzlich dienen dem Kind. Ein Grund: Männer sind seltener Ansprechpartner, wenn es um Familie geht, die Hauptverantwortung liegt noch immer bei der Frau. Erzieherinnen und Erzieher riefen etwa eher die Mutter an, wenn das Kind Fieber hat und aus der Kita abgeholt werden müsse, sagt Lott.

Kurzum: Männer nutzen die Freiräume also eher für Mehrarbeit – auch, um der eigenen Karriere auf die Sprünge zu helfen. Für Frauen verstärkt sich die Doppelbelastung von Familie und Beruf. Flexibles Arbeiten, das als wichtiger Faktor für eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf gilt, hat also durchaus „eine Schattenseite“, warnt die Forscherin. Und es kann die klassische Rollenverteilung zwischen Frauen und Männern festigen – oder sogar wieder verstärken.

Datengrundlage der Analyse ist das Sozio-oekonomische Panel gewesen - eine regelmäßig wiederholte, repräsentative Befragung von rund 30 000 Personen. Berücksichtigt wurden abhängig beschäftigte Mütter und Väter, die mit mindestens einem minderjährigen Kind zusammenleben.

SPD will Recht auf Homeoffice schaffen

Nach dem Willen von Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) soll es unter bestimmten Bedingungen ein Recht auf Homeoffice geben. Er werde ein Gesetz „auf den Weg bringen, das die Balance von Sicherheit und Flexibilität wahrt“, sagte er am Montag. Zuvor hatte sich SPD-Chefin Andrea Nahles dafür ausgesprochen. In Deutschland ist die Präsenzkultur in Unternehmen noch immer tief verankert. Laut dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) liegt Deutschland bei der Nutzung hinter Frankreich, dem Vereinigten Königreich und den skandinavischen Ländern.

Dabei befürworten 68 Prozent der Deutschen nach einer Umfrage des Meinungsforschungsinstitutes YouGov die Pläne der SPD. Nach Berechnungen des DIW könnten 40 Prozent der Beschäftigten von daheim arbeiten, aber nur zwölf Prozent tun es bislang. Meist scheitere der Wunsch am Vorgesetzten.

Forscherin Lott hält ein Recht auf Homeoffice für sinnvoll. Es brauche aber bessere Vereinbarungen in den Unternehmen – vor allem zum Schutz der Frauen. Sie schlägt vor, die Zahl der Partner-Monate beim Elterngeld von zwei auf sechs zu erhöhen, damit sich Väter intensiver in der Kinderbetreuung einbringen. Auch die Familienarbeitszeit könnte helfen, die tradierte Rollenverteilung zu durchbrechen. Das von der früheren Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD) vorgeschlagene Modell sieht vor, dass der Steuerzahler Teile des Verdienstausfalls ersetzt, wenn beide Elternteile weniger arbeiten, um sich um die Kinder zu kümmern. Im fortschrittlich geltenden Schweden nutzen Frauen wie Männer gleichermaßen die Arbeitszeitflexibilität, um sich mehr der Familie zu widmen. Und: Das Ehegattensplitting sollte hierzulande abgeschafft werden.

Heimarbeiter fühlen sich enorm gestresst

An die Betriebe gewandt meint Lott: Führungskräfte sollten nicht mehr an dem Gedanken hängen, dass langes Sitzen im Büro gleichbedeutend mit hoher Motivation und guten Ergebnissen sind. Damit der Chef beruhigt ist und sein Angestellter ebenso, könnten Aufgaben und Ziele genau besprochen und dokumentiert werden.

Immerhin zeigen auch andere Studien: Heimarbeiter fühlen sich zwar freier – aber auch unter einem enormen Druck. Zwar finden einige, dass ihnen die Arbeit zu Hause gesundheitlich gut bekomme. Viele haben jedoch das Gefühl, ihre Leistung permanent beweisen zu müssen. Sie können doppelt so schlecht abschalten wie Kollegen im Büro und schlafen unruhiger. Eine Zeiterfassung würde laut Yvonne Lott helfen, Überstunden zu begrenzen. Vor allem Betriebsräte könnten feste Regeln aushandeln, die für alle gelten.

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Die deutschen Gewerkschaften sind grundsätzlich für ein Recht auf Homeoffice, betonen aber auch, dass es Vorschriften braucht – für geleistete Stunden, Pausen, Feierabend. So fordert Annelie Buntenbach vom DGB-Bundesvorstand, dass die geplanten Regelungen von Arbeitsminister Heil „die nötige Sicherheit bieten, um unsichtbare Mehrarbeit und ständige Erreichbarkeit zu vermeiden.“ Verdi möchte außerdem eine gerechte Aufgabenverteilung zwischen allen Beschäftigten wahren – je nachdem wo sie sind. Homeoffice dürfe zudem nicht zur Isolation führen. So seien Mindestanwesenheitszeiten im Betrieb denkbar, damit jeder Angestellte weiterhin wisse, was dort geschieht.

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