Flugbegleiter bei der Lufthansa : „Verfall von Sitte und Anstand“

Die für die Flugbegleiter zuständige Gewerkschaft Ufo steckt in der Krise: Vetternwirtschaft an der Spitze, Sorge um die Tariffähigkeit.

Vom Aufblasen bestimmter Themen...Für für das Personal an Bord ist die Gewerkschaft Ufo zuständig.
Vom Aufblasen bestimmter Themen...Für für das Personal an Bord ist die Gewerkschaft Ufo zuständig.Foto: imago images / Eibner Europa

Zur Beschreibung eines speziellen Stils gibt es bei der Lufthansa den Begriff „Baubliesen“. Gemeint ist das Aufblasen von bestimmten Themen oder Problemen und das Nachlegen von Forderungen in Verhandlungen. Namensgeber ist Nicoley Baublies, der über viele Jahre die Flugbegleitergewerkschaft Ufo geführt hat, dabei ein paar Dutzend Tarifverträge mit dem Lufthansa-Management aushandelte und schließlich wegen eines dubiosen Umgangs mit Geld zurücktreten musste. So weit, so schlecht. Womöglich wird der Name Baublies aber auch einmal in Zusammenhang mit dem Anfang vom Ende der Ufo gebracht werden.

Ufo ist nicht streikfähig

Es klingt wie das Pfeifen im Walde, wenn die Ufo Streiks bei der Lufthansa in der Ferienzeit ankündigt und damit eine Stärke zu signalisieren versucht, die es gar nicht mehr gibt. Man bereite derzeit Abstimmungen der Gewerkschaftsmitglieder bei den Lufthansa-Töchtern Eurowings und Germanwings über einen Arbeitskampf vor, teilt Ufo seit Wochen mit.

Zuletzt hat die Gewerkschaft 2015/2016 mit Streiks die Lufthansa-Führung sehr geärgert und am Ende sage und schreibe 29 Tarifverträge durchgesetzt für rund 22000 Flugbegleiter im Lufthansa-Konzern. Doch in diesem Sommer ist das Management sehr gelassen und schaut geradezu mitleidig auf den für das Kabinenpersonal zuständigen Tarifpartner. „Wir bedauern diese offenkundige Handlungsunfähigkeit außerordentlich“, schreiben die Lufthansa-Manager Karlheinz Schneider und Mark Rüther an den Ufo-Vorstand.

Drei Gewerkschaften bei Lufthansa

Der Konzern befürchtet, dass ihm einer von drei Tarifpartnern abhandenkommt. Für die Piloten legt die Lufthansa die Arbeitsbedingungen fest mit der Vereinigung Cockpit, für das Bodenpersonal mit Verdi und für die Kabine mit Ufo. Und in dieser Ufo ist in den vergangenen Jahren unter Baublies einiges schiefgelaufen. Ende Mai sind zehn von zwölf Beiratsmitgliedern zurückgetreten.

Von „Machenschaften“ ist in einem Schreiben der ehemaligen Beiräte an die schätzungsweise knapp 13.000 Ufo-Mitglieder die Rede, „von erschreckend geringem Demokratieverständnis“ sowie einer „Kultur der Selbstversorgung und des Machtausbaus“. Baublies wird „ein sektenähnlich anmutender Personenkult“ vorgeworfen und ein „Verfall von Sitte und Anstand“. Die Vorstände der Gewerkschaft hätten sich „im Rahmen ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit gegenseitig Bezüge genehmigt, die mitunter über dem Salär eines leitenden Oberstaatsanwalts liegen“.

4200 Euro für einen Teilzeitjob

Tatsächlich hat die Baublies-Vertraute Sylvia De la Cruz als Vorstandsmitglied für eine 20-Stunden-Woche 4200 Euro im Monat bekommen. Eine Lufthansa-Stewardess bekommt inklusive Spesen und Zulagen für einen Vollzeitjob als Einstiegsgehalt rund 2900 Euro brutto. De la Cruz ist nach dem Rückzug ihres Mentors Baublies inzwischen Vorstandsvorsitzende der Ufo und verdient nach Angaben der Gewerkschaft heute bei Weitem keine 4200 Euro mehr für eine halbe Stelle. Es ist auch kein Geld mehr da.

Ufo hat kaum noch Geld in der Kasse

Schätzungen zufolge hat Ufo, deren Mitglieder ein Prozent des Bruttoeinkommens als Beitrag zahlen, noch knapp 100.000 Euro in der Kasse. Doch allein die Forderung der Lufthansa an die Ufo beziehungsweise an Baublies und den Baublies-Vertrauten Daniel Flohr belaufen sich auf 400.000 Euro. Denn Baublies und Flohr haben für ihre gewerkschaftliche Tätigkeit sowohl Gehälter von der Lufthansa – bei der sie ja als Flugbegleiter angestellt sind – als auch von der Ufo bekommen.

Es betrifft die Jahre 2015 bis 2018, als die Ufo-Funktionäre mit „weißen Dienstplänen“ gearbeitet haben. „Dabei handelt es sich um leere Dienstpläne bei Weiterbezug des Gehalts“, wundert sich die Lufthansa, die dieses Verhalten erst aufgrund des internen Theaters bei der Ufo bemerkt hat. Weil immer mehr Flugbegleiter die „undurchsichtigen Transaktionen“ von Baublies und die Selbstbedienung im Vorstand nicht mehr zu tolerieren bereit waren.

Selbstbedienung im Vorstand

Baublies war maßgeblich beteiligt am Aufbau einer Industriegewerkschaft Luftverkehr (IGL), wobei auch Ufo-Gelder geflossen sein sollen. Ein Teil dieser Gelder sei dann wieder als Beraterhonorar an Baublies zurückgeflossen, heißt es bei der Personalvertretung der Lufthansa. Baublies habe immer angegeben, als Ufo-Chef keinen Dienstwagen zu fahren. Das stimmt auch. Der Dienst-Mercedes wurde ihm von der IGL gestellt. So sei „ganz viel gelaufen“, heißt es bei der Personalvertretung über den Ufo-Vorstand. Diese habe schließlich die Satzung immer so angepasst, dass es für einzelne Vorstandsmitglieder vorteilhaft war.

Nicoley Baublies dominierte Ufo über viele Jahre.
Nicoley Baublies dominierte Ufo über viele Jahre.Foto: picture alliance / dpa

Selbstbedienung und autokratische Führung von Baublies haben dann in den vergangenen Monaten zu allen möglichen Rücktritten und Neubesetzungen geführt. Wann welcher Vorstand im Amt war und mit welchen Folgen, wird nun vor Gericht geklärt. Denn die Kündigungen von Tarifverträgen, die den Arbeitgebern am 28. und 29. Mai zugegangen sind und infolge derer die Ufo Urabstimmungen und Streiks ankündigt, sind nach Einschätzung des Lufthansa-Managements ungültig.

„Wir gehen davon aus, dass die Ufo, deren Vorstand sich – zu den beiden Kündigungsterminen – womöglich durch Rücktritte auf lediglich zwei Mitglieder reduziert hatte, nicht beschlussfähig war“, schreiben die Arbeitgebervertreter Schneider und Rüther am 31. Mai „an die derzeitigen Mitglieder“ des Ufo-Vorstands.

Am Montag vor dem Arbeitsgericht

Klärung gibt es am kommenden Montag, wenn sich das Arbeitsgericht mit der Wirksamkeit des Kündigungsbegehrens auseinandersetzt. Alles in allem machte den Arbeitgebern „der ständig zu beobachtende und nicht mehr nachvollziehbare Wechsel zwischen (behauptetem) Vorsitz und stellvertretendem Vorsitz“ von Baublies zu schaffen.

Der war dann zwischenzeitlich als Berater des Vorstands tätig und hat sich jetzt aber, so teilt die Ufo mit, erst einmal zurückgezogen. „Nicoley hat in der zurückliegenden Auseinandersetzung Dinge aushalten müssen, die menschlich und inhaltlich weit über dem Aushaltbaren liegen“, schreibt der jetzige Ufo-Vorstand und Baublies-Vertraute Flohr. Die zurückgetretenen Beiratsmitglieder dagegen sind in Sorge um die Organisation: „So schauen die Juristen des ganzen Landes auf die Ufo und beobachten mit Spannung, ob nun der Fall eintreten könnte, dass das erste Mal in der Geschichte der Republik eine bedeutende Gewerkschaft ihren Status als solche verlieren könnte.“

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