Förderung von Frauen in Sri Lanka : Wie eine NGO neue Wege der Entwicklungshilfe geht

Sich selbstständig machen, das ist in Sri Lanka verrufen – besonders für Frauen. Eine NGO hilft Unternehmerinnen, die es dennoch wagen. Ein Besuch vor Ort.

Daniela Schröder
Mit viel Antrieb. Ramyakumari Attanayake hat eine Werkstatt für Motorräder und Scooter aufgebaut.
Mit viel Antrieb. Ramyakumari Attanayake hat eine Werkstatt für Motorräder und Scooter aufgebaut.Foto: Care/Ranasinghe

Eine Motorradwerkstatt in Hulandawa, ein kleiner Ort im Süden von Sri Lanka. Männer schrauben an Motorrollern, zwei wuchten einen Scooter auf eine Hebebühne, es riecht nach Motoröl und Farbe, aus einem Radio plärrt laute Popmusik. Im hinteren Teil der Werkstatt sitzt Ramyakumari Attanayake, geblümtes T-Shirt und Pferdeschwanz, am Schreibtisch. Sie ist die Chefin hier.

Udapussellawa, ein Dorf auf der Strecke zwischen Nuwara Eliya und Badulla, ebenfalls im Süden Sri Lankas. In einem Wohnhaus hängen an einer Wand bunte Taschen, jede hat ein anderes Logo, auf jeder steht der Name eines anderen lokalen Geschäfts. Jayanthi Sriyalatha, Gründerin und Inhaberin des Taschenherstellers Sriya, liest stolz die Namen vor. Was allen Taschen gemein ist: Sie sind aus einem biologisch abbaubaren Stoff hergestellt. Auf Sri Lanka mit seiner Plastiktütenkultur ist das eine Revolution.

Ein neuer Weg der Entwicklungshilfe

Die Werkstatt AMRK und die Taschenfirma Sriya sind nicht nur zwei für Sri Lanka ungewöhnliche Unternehmen. AMRK und Sriya stehen für einen neuen Weg in der Entwicklungshilfe: das Unternehmertum vor Ort stärken. Die beiden Firmen sind aus einer Initiative entstanden, mit der die nichtstaatliche Hilfsorganisation Care International einen anderen Kurs testet. Anstatt Fördergelder zu verteilen, baut Care in Sri Lanka Firmen auf. Das Ziel: Jobs schaffen. „Kleine Unternehmen und Start-ups auf die Beine stellen und fördern, diese Strategie treibt die wirtschaftliche Entwicklung eines Landes deutlich stärker voran als der klassische Ansatz der Entwicklungshilfe“, sagt Stefan Ewers, Vorstand von Care Deutschland.

Sri Lanka, eine ehemalige Kolonie der Portugiesen, Holländer und Briten, wurde mit dem Anbau von Zimt, Kautschuk und Tee bekannt. Heute sind Textilien, Tee, Edelsteine und Kokosnussprodukte die wichtigsten Exportgüter. Die Landwirtschaft ist nach wie vor der größte Arbeitgeber, allerdings sinkt die Produktivität der Branche. Zudem rechnet der bisher boomende Tourismussektor wegen der Terroranschläge im vergangenen April mit einem massiven Einbruch. Jugendarbeitslosigkeit ist ein großes Problem: Trotz hohem Bildungsniveau gibt es viel zu wenig Jobs.

Gründerin Jayanthi Sriyalathaund ist stolz auf ihre biologisch abbaubaren Taschen.
Gründerin Jayanthi Sriyalathaund ist stolz auf ihre biologisch abbaubaren Taschen.Foto: Daniela Schröder

Nach dem Ende des Bürgerkriegs 2009 wollte Care die Wirtschaft im Land stärken, Arbeitsplätze schaffen. Doch die damalige Regierung von Sri Lanka machte klar, dass fremde Experten unerwünscht waren. Die NGO gründete deshalb Chrysalis, ein eigenständiges Sozialunternehmen, das auf Sri Lanka kleine und mittelständische Firmen berät und fördert, um die Wirtschaft des Landes anzukurbeln. „Als lokale Organisation zu operieren, verschafft uns Rückhalt und Akzeptanz in der Politik und in der Bevölkerung“, sagt Ashika Gunasena, Geschäftsführerin von Chrysalis.

Seit Mai 2016 arbeitet sie mit einem Team von 44 Mitarbeitern in der Hauptstadt Colombo und in drei Regionalbüros. Chrysalis betreut Unternehmen, deren Gründer entweder weiblich oder unter 34 sind. „Eine eigene Firma gründen, sich selbstständig machen, das hat in Sri Lanka keinen Stellenwert“, sagt Gunasena. „Frauen und junge Leute haben es als Unternehmer besonders schwer. Die Frauen, weil unsere Gesellschaft an den traditionellen Geschlechterrollen festhält. Die Jungen, weil sie als unerfahren gelten und kein Netzwerk haben.“

Eine Start-up-Kultur gibt es auf Sri Lanka nicht. Die Regierung hat zwar ein Förderprogramm für Kleinunternehmer aufgelegt, doch es existiert bisher nur auf dem Papier. Und Banken vergeben Selbstständigen nur selten Kredite. „Unternehmertum hat bei uns keinen guten Ruf“, sagt Gunasena. „Wer eine eigene Firma gründet, der gilt als Versager, der nirgendwo sonst einen Job bekommt.“

Jeder zweite Kunde ist eine Frau

Für Werkstattchefin Attanayake, 39, lag die Geschäftsidee auf der Hand. Genauer gesagt stand sie gegenüber ihrem Wohnhaus: eine lokale Behörde mit Hunderten Beamten, der Großteil kommt mit Scooter oder Motorrad zur Arbeit. „Zig Kunden direkt vor der Haustür, und das so gut wie jeden Tag – der perfekte Standort für eine Werkstatt“, sagt Attanayake. 2017 eröffnete sie AMRK. Mit Krediten ihrer Familie und ihrem Ersparten finanzierte sie anfangs die Miete und die Gehälter der beiden Mechaniker. Mit Darlehen von Chrysalis kaufte Attanayake eine Hebebühne, einen Kompressor, hochwertiges Werkzeug. „Je professioneller wir ausgestattet sind, desto mehr heben wir uns von der Konkurrenz ab, das ist attraktiv für unsere Kunden.“

Noch wichtiger als die finanzielle Unterstützung aber ist für Attanayake die Beratung. Es begann mit dem Schreiben des Geschäftsplans, später kamen Buchhaltung, Finanzplanung, Marketing. „Als ich AMRK gründete, wusste ich nicht, was Umsatz und Gewinn sind, wie ich meine Kosten kalkuliere, wie wichtig das ständige Werben um neue Kunden ist“, sagt Attanayake. „Heute fühle ich mich in diesen Themen sicher, meine Werkstatt macht Gewinn.“

Sie bedient eine wachsende Kundengruppe: Frauen, die Motorroller fahren. In öffentlichen Verkehrsmitteln, vor allem in Bussen, sind Frauen oft Opfer von Übergriffen, körperlichen und verbalen. Auf einem Roller fühlen sie sich sicher – das Scooterfahren boomt. Doch wenn der Roller streikt und in die Werkstatt muss, dann haben viele Frauen wieder Angst vor Belästigung. Durch Mechaniker, durch den Boss der Werkstatt. Bei AMRK ist auch deshalb inzwischen jeder zweite Kunde eine Frau.

Stoff anstatt Plastik

Bei Stofftaschenherstellerin Sriyalatha entstand die Geschäftsidee aus einem Zufall. Wie die meisten in ihrem Dorf bewirtschaftete Sriyalatha mit ihrem Mann eine kleine Gemüsefarm, harte Arbeit, wenig Einkommen. Sriyalatha wollte sich mit Nähen etwas dazuverdienen. Doch im Dorf gab es schon zwei Schneider. Eines Tages bekam ihr Mann beim Einkaufen in der nächstgrößeren Stadt statt der üblichen Plastiktüte eine Tasche aus Stoff. „Stoff anstatt Plastik, das hielten wir für eine gute Idee“, sagt die 36-Jährige. Denn zur selben Zeit diskutierte die lokale Verwaltung ein Verbot von Plastiktüten. Was sie zwar nicht erließ. „Aber dank der politischen Debatte entwickelte sich Plastikmüll plötzlich zu einem großen Thema, den Leuten wurde die Problematik immer mehr bewusst.“ Sriyalatha fand einen biologisch abbaubaren Stoff, der sich bedrucken und vernähen lässt. Chrysalis erarbeitete mit ihr einen Businessplan und förderte sie mit 1,6 Millionen Sri Lankan Rupee (LKR) Startkapital, knapp 8200 Euro.

Sieben Näherinnen beschäftigt die Taschenfirma mittlerweile in Vollzeit, alle stammen aus dem Dorf. Jobs sind dort rar, vor allem für Frauen. Sriyalatha will nun weg von kleinen, hin zu großen Aufträgen, bei denen sich der Aufwand für Design und Druck besser auszahlt. Die ersten hat sie bereits sicher: Wäschebeutel für ein Hotel und Tragetaschen für die Teilnehmer eines Festivals.

Über 120 neue Arbeitsplätze

18 kleine Firmen hat Chrysalis in den vergangenen drei Jahren aufgebaut, mehr als 120 Jobs sind bisher entstanden. Darunter eine Bäuerinnenkooperative mit Biogemüse, eine Stofftiermanufaktur, ein Hersteller von Trockenfrüchten, eine Unterwäschefirma. Bis 2022 will Chrysalis 3000 Stellen in Kleinunternehmen schaffen, kündigt Geschäftsführerin Gunasena an. Inklusive der indirekten Arbeitsplätze in anhängenden Betrieben und Branchen rechnet sie mit 35 000 Stellen. Vor allem Frauen und junge Leute sollen vom Fördern der Kleinunternehmen profitieren. Denn für diese Gruppen sieht es auf dem Arbeitsmarkt am schlechtesten aus. Nur 35 Prozent der sri-lankischen Frauen haben einen Job außer Haus, die Arbeitslosenquote der 20- bis 24-Jährigen liegt bei 40 Prozent.

Um ihren Kundinnen noch besseren Service zu bieten, will Werkstattchefin Attanayake bald zwei Mechanikerinnen ausbilden, es wären die ersten im ganzen Land. Die Mechanikerinnen sollen Kundinnen zu Hause besuchen und die Roller dort reparieren. „Dann hat Sri Lanka die erste mobile Werkstatt mit absoluter Sicherheit für die weiblichen Kunden“, sagt Attanayake. „Und meine Werkstatt hat einen Wettbewerbsvorteil, den so schnell niemand kopieren kann.“

Care hat einen Teil der Kosten der Recherchereise übernommen.

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