Google, Amazon, Facebook und Co. : Warum Einhörner die Innovationsfähigkeit der Wirtschaft lähmen

Das Buch "Einhornkapitalismus" kritisiert, dass Start-ups auf Quasi-Monopolstellungen abzielen. Braucht die Welt nicht andere Erfindungen? Eine Rezension.

Nico Beckert
Als Einhörner oder Unicorns werden Firmen mit einer Bewertung von mehr als einer Milliarde US-Dollar bezeichnet.
Als Einhörner oder Unicorns werden Firmen mit einer Bewertung von mehr als einer Milliarde US-Dollar bezeichnet.Foto: picture alliance/dpa

Was haben Sechsjährige und Wagniskapitalgeber gemeinsam? Sie lieben Einhörner. Doch während die einen Fabelwesen anhimmeln, handelt es sich bei den Einhörnern der Finanzwelt um Start-ups, die mit mindestens einer Milliarde US-Dollar bewertet sind. Diese Einhörner könnten durch ihre „Profit-, Technologie- und Wachstumsfokussierung eine Zukunft hervorbringen, in der wenige Konzerne das Weltgeschehen bestimmen“, so die pompöse Einschätzung des promovierten Betriebswirts Joël Luc Cachelin.

In seinem Buch „Einhornkapitalismus“ beschreibt Cachelin das fulminante Wachstum der Einhörner. Mittlerweile gebe es 391 Start-ups, die Investoren mit mehr als einer Milliarde US-Dollar bewerten. Darunter sind bekannte Namen wie das Weltraumunternehmen SpaceX, der Transportanbieter Uber oder die Wohnungsplattform AirBnB. Die Mehrzahl der Einhörner dürfte jedoch nur Spezialisten bekannt sein. Cachelin nennt beispielhaft SmileDirectClub, das Zahnspangen zum Selberbauen, oder PalantirTechnologies, das Datenverarbeitung für vorhersagende Polizeiarbeit anbietet. Während die Mehrzahl der "Unicorns" aus den USA stamme, weise auch China schon fast 100 Einhörner auf.

Deutschland ist weltweit mit zehn Einhörnern vertreten. Der Anbieter für Stromspeicher Sonnen und das Flugtaxi-Unternehmen Lilium sind die wohl bekanntesten Beispiele. Generell weise Europa nur einige Dutzend Einhörner auf. Die USA übertrumpfen Europa durch mehr Wagniskapital. China hingegen fördere die Einhörner im Zuge seiner Industriestrategie „Made in China 2025“. Ebenso bestehe in Europa eine „andere Datenethik“ als in den USA und China. Der größere Schutz privater Daten schränke das Geschäftsmodell vieler Einhörner von vornherein ein.

Google und Co. investieren in Einhörner

Finanziert werden die Einhörner einerseits von privaten und staatlichen Wagniskapitalfonds. Doch auch die dominanten IT-Firmen wie Facebook, Google, Amazon, Apple und Microsoft und ihre asiatischen Gegenspieler Baidu, Alibaba, Tencent, JD oder Softbank haben Milliarden in Einhörner investiert. Allein Google hält 12,5 Prozent am Gesamtwert aller Einhörner, so Cachelin.

Alle Investoren eint die Hoffnung auf hohe Gewinne beim Weiterverkauf oder Börsengang der Einhörner. Die Wertsteigerung der jeweiligen Firmen wird somit zu ihrem zentralen Ziel. Dafür streben sie eine ähnliche Quasi-Monopolstellung an, wie sie die ehemaligen Einhörner Facebook, Amazon, Google und Co. erreicht haben. Laut Cachelin sind die Milliardeninvestitionen „Wetten auf eine Zukunft, die niemand kennt“. Trotz des hohen Risikos des Scheiterns der Einhörner ergäben diese Wetten Sinn. Wenn nur eines von 25 Einhörnern überlebe und beim Börsengang oder Weiterverkauf eine hohe Rendite abwerfe, habe sich das Geschäft gelohnt.

Unklar bleibt bei Cachelin, inwiefern eine Ansteckung anderer Wirtschaftsbereiche drohe, sollte die Einhornblase platzen. Superreiche Wagniskapitalgeber können den Verlust einiger Milliarden US- Dollar verkraften, ohne dass ihr Kerngeschäft in Mitleidenschaft gezogen würde. Übernähmen sich hingegen weniger finanzstarke Einhorn-Finanzierer, könnten sich ihre Verluste auch auf nicht verbundene Geschäftsfelder auswirken.

Auch das Geschäftsmodell vieler Einhörner sieht Cachelin kritisch. Nach dem Vorbild Amazons, Googles und Facebooks sei es Ziel dieser Firmen, eine Quasi-Monopolstellung auf ihrem Markt zu erlangen. Die Einhörner konzentrierten sich auf skalierbare Geschäftsideen. Sie bieten an, was sich zu geringen Produktionskosten massenhaft verkaufen lasse. Um die angestrebte Monopolstellung schnell zu erreichen, investierten viele Einhörner anfangs große Summen, die jahrelang keine Gewinne abwürfen.

Brauchen wir E-Zigaretten und E-Scooter?

Da sich Einhörner auf skalierbare Geschäftsideen konzentrieren, schaden sie der Innovationsfähigkeit der Wirtschaft, so Cachelin. Gleiches gelte für die zunehmende Konzentration wirtschaftlicher Macht. So habe Google als ehemaliges Einhorn „Talente und Patente weggekauft, mit denen bisher aber kaum etwas zu passieren scheint“. Der Autor stellt die provokante Frage: „Was, wenn wir eigentlich neue Energiequellen, Materialien, Wohnformen und Bildungswege brauchen und nicht E-Zigaretten und E-Scooter?“

Cachelin ruft dazu auf, die Einhörner stärker zu regulieren. Der Staat habe „die Möglichkeit, ihnen Dinge zu verbieten, ihre Tätigkeit einzuschränken oder ihnen Bedingungen aufzuerlegen“. Die Steuervermeidung der Digitalunternehmen müsse bekämpft werden, so Cachelin. Insgesamt müsse der Staat die Finanzströme besser lenken. Cachelin schlägt einen europäischen Fonds vor, mit dem Europa Einhörner formen könne, „die zu unseren Entwürfen der Zukunft passen“. Ihm schwebt ein demokratischer Wagniskapitalfonds vor, „an dem wir uns beteiligen können und bei dem die Crowd abstimmt, in was investiert wird“.

Cachelins Buch ist ein guter Einstieg in die Welt des Einhornkapitalismus. Mit 143 Seiten ist es jedoch etwas knapp geraten. Der Autor greift weder die Entstehungsgeschichte der „Super-Einhörner“ Facebook, Google und Co. auf noch beschreibt er das politische Umfeld, dass zum Aufstieg des Einhornkapitalismus beigetragen hat. Auch seine Analyse zur Gefahr einer Finanzkrise durch das Platzen der Einhornblase bleibt etwas vage. Trotzdem wirft Cachelin wichtige Fragen auf.

Joël Luc Cachelin: „Einhorn-Kapitalismus: Wie die mächtigsten Start-ups der Welt unsere Zukunft bestimmen“, 18 Euro, 120 Seiten, Nicolai Publishing & Intelligence GmbH

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