Gründerszene in Berlin : Start-ups bringen Maschinen das Denken bei

Immer mehr junge Firmen setzen auf künstliche Intelligenz – und siedeln sich in Berlin an. Doch die Spitzenforschung findet woanders statt.

Sophia - ein Roboter in Frauengestalt, beeindruckte internationale Fachleute im vorigen Jahr bei der Konferenz AI for Good in Genf.
Sophia - ein Roboter in Frauengestalt, beeindruckte internationale Fachleute im vorigen Jahr bei der Konferenz AI for Good in...Foto: Fabrice COFFRINI/AFP

Die künstliche Intelligenz kommt nach Berlin. Zumindest sieht das der Bundesverband Deutscher Start-ups so – nach dessen Angaben hat sich bundesweit rund die Hälfte der Unternehmen, die auf künstliche Intelligenz (KI) spezialisiert sind, hier angesiedelt. Immer mehr junge Firmen setzen bei ihren Geschäftsmodellen auf „Artificial Intelligence“. Die Bandbreite reicht von Automotive über Fintech bis zum Customer Support.

Bei KI handelt es sich um eine „Horizontaltechnologie, die man eigentlich überall gebrauchen kann“, sagt Fabian Westerheide. Der KI-Experte ist Unternehmer, Kapitalgeber, Autor und Redner. Bei seinen Vorträgen benennt Westerheide immer wieder drei wesentliche Faktoren, die die technologische Entwicklung in den vergangenen Jahren so rasant beschleunigt haben: die schnelleren Rechnerleistungen, die enorm gestiegenen digital verfügbaren Datenmengen und selbstlernende Maschinen.

„Daten sind die Nahrung für KI“, sagt Westerheide. Das könne man zum Beispiel in der Bankenbranche, aber auch bei der Krebserkennung im Gesundheitswesen beobachten. Dort kommen die Methoden des Deep Learning – also Denkprozesse auf Maschinen zu reproduzieren – zunehmend zum Einsatz. Als Geschäftsführer von Asgard Capital mit Sitz in Berlin investiert Westerheide in junge KI-Firmen und veranstaltet jährlich die internationale Konferenz Rise of AI – am 17. Mai wieder in der Hauptstadt. Darüber hinaus ist er Koordinator für Künstliche Intelligenz beim Bundesverband Deutscher Start-ups.

Eine Software liest und beantwortet Nachrichten

Eine der Berliner Firmen, in die Westerheide investiert hat, ist Parlamind. Das junge Unternehmen hat sich auf Spracherkennung spezialisiert und nutzt dafür intelligente Technologien. „In der Computerlinguistik geht es schon sehr lange um neuronale Netze“, sagt Tina Klüwer, Geschäftsführerin von Parlamind. „Durch die großen Mengen digital zur Verfügung stehender Daten haben diese jetzt ein Revival erlebt.“ Dadurch habe auch die maschinelle Übersetzung einen großen Sprung gemacht.

Klüwer und ihre Mitstreiter haben eine Software entwickelt, die textuelle Nachrichten – etwa Twitter, Facebook, Chats oder E-Mails – verstehen und automatisch beantworten kann. Das Besondere daran: Wenn die Maschine die Daten einmal gesehen hat, muss sie diese nicht mehr neu verstehen. „Wenn unsere Software gebucht wird, kann sie eingehende Nachrichten mitlesen und sich mit dem Verfahren des maschinellen Lernens selbst ein Bild machen“, sagt die promovierte Computerlinguistin.

Die Software wird hauptsächlich im Kundenservice eingesetzt, beispielsweise im E-Commerce, in der Logistik oder im Energiebereich. „Sie soll menschliche Mitarbeiter dabei unterstützen, die Qualität hochzuhalten, Korrespondenzen schneller zu bearbeiten und die Kontrolle zu erhöhen“, sagt Tina Klüwer.

Entstanden ist das Start-up aus einem Forschungsprojekt des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz (DFKI), das neben Standorten in Kaiserslautern, Saarbrücken und Bremen auch ein Büro in Berlin unterhält. In den Anfängen 2015 arbeiteten daran nur die Gründer und ein paar studentische Hilfskräfte. Inzwischen beschäftigt das Unternehmen 15 Mitarbeiter.

Maschinen lernen, aus Videodaten die Welt zu verstehen

Ein weiteres Berliner Start-up, das an KI-Lösungen tüftelt, ist Twenty Billion Neurons. Der Name nimmt Bezug auf die rund 20 Milliarden Nervenzellen im Cortex, dem Areal im menschlichen Gehirn, das für das kognitive Denken zuständig ist. Twenty Billion Neurons hat es sich zur Aufgabe gemacht zu verstehen, wie Menschen die Welt wahrnehmen, um diese Prozesse maschinell nachbilden zu können. Ein komplexer Vorgang, der mehr umfasst als die bloße visuelle Wahrnehmung. Das Erkennen einzelner Objekte auf Bildern funktioniert inzwischen ganz gut, Videodaten hingegen sind deutlich komplexer. „Was Maschinen bisher fehlt, ist ein Allgemeinverständnis der Welt“, sagt Mitgründer Christian Thurau. Wie es gelingen kann, aus Videodaten zu lernen, wie unsere Welt funktioniert, daran arbeitet Twenty Billion Neurons. Ein internationales Team von 22 Mitarbeitern entwickelt eine Software, die in der Lage ist, Bewegungsmuster zu erkennen. Das ist interessant für die Automobilindustrie, mit der die KI-Firma zusammenarbeitet, aber auch für Bereiche wie Health Care oder Home Robotics.

Die Spitzenforschung findet woanders statt

Obwohl Berlin eine gute Wissenschaftslandschaft hat, „findet im Feld der Artificial Intelligence die Spitzenforschung woanders statt“, sagt Thurau, „nämlich in den USA bei großen Konzernen wie Google, Microsoft und Facebook, in China und vor allem auch in Kanada.“ Deshalb unterhält Twenty Billion Neurons ein zweites Büro in Toronto. An der dortigen Universität lehrt der britische Informatiker Geoffrey Hinton, der als „Urvater des Deep Learning“ gilt und neben seiner Professur auch für Google tätig ist.

In die Forschung zu investieren ist für Unternehmen wie Twenty Billion Neurons unerlässlich, sagt Thurau. Zwar seien im internationalen Vergleich Firmen aus dem Bereich der künstlichen Intelligenz in Berlin noch unterrepräsentiert; das habe aber auch seine Vorteile. „Berlin ist für Start-ups ein interessanter Ort, weil es im Vergleich zu London oder zum Silicon Valley immer noch wesentlich günstiger ist in Bezug auf Gehälter und Gewerbemieten.“ Zudem sei es einfacher, gute Mitarbeiter zu rekrutieren: Berlin sei ein attraktiver Ort mit einer hohen Lebensqualität.

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