Hohe Energiepreise : "Unternehmen brauchen Klarheit, ob sie in Deutschland eine Zukunft haben."

Eine Konjunkturumfrage zeigt, dass Firmen den Klimaschutz für sich entdecken. Doch es fehlt an Alternativen zu Öl- und Kohle-Energie.

Das Stahlwerk der Salzgitter AG in Salzgitte: Energieintensive Branchen machen sich Sorgen.
Das Stahlwerk der Salzgitter AG in Salzgitte: Energieintensive Branchen machen sich Sorgen.Foto: picture alliance / dpa

Ein Fünftel aller Unternehmen, die im laufenden Jahr mehr investieren wollen, gibt dafür „Umweltschutz“ als Motiv an, in der Industrie ist es sogar mehr als ein Viertel. Das ist ein Ergebnis der Konjunkturumfrage, die der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) jedes Jahr erstellt. "Das ist der höchste Wert seit dem Start unserer Erhebung im Jahr 2003", sagt DIHK-Hauptgeschäftsführer Martin Wansleben.

Die Wirtschaft entdeckt also den Klimaschutz für sich, fühlt sich von der Politik dabei aber unzureichend unterstützt. Besonders Firmen, die für die Herstellung ihrer Produkte auf die Verwendung von Kohle, Gas oder Öl angewiesen sind, haben der Studie zufolge Klärungsbedarf. "Durch den Zertifikathandel werden diese Energieträger ab 2021 deutlich teurer", heißt es in der DIHK-Mitteilung zur Umfrage.

Bleibt sie Versorgungssicherheit erhalten?

In vielen Fällen fehle es an wirtschaftlichen Alternativen. "Die Unternehmen brauchen daher rasch Klarheit, ob sie mit Entlastungen und Kompensation rechnen können", betont Wansleben und droht indirekt mit einer Verlagerung ins Ausland: "Sie brauchen Klarheit darüber, ob sie am Standort Deutschland eine Zukunft haben."

Es machten sich Zweifel breit, so Wansleben weiter. "Viele Unternehmen bangen geradezu darum, dass die Versorgungssicherheit auf höchstem Niveau erhalten bleibt und zugleich die Strompreise nicht noch weiter steigen."

Auch abseits der Energiepreise ist die Stimmung in der deutschen Wirtschaft mau. Der DIHK geht daher von einem Wachstum von gerade einmal 0,7 Prozent für das laufende Jahr aus. 0,5 Prozentpunkte davon gehen aber allein auf statistische Effekte wie den Überhang aus dem Vorjahr sowie vier zusätzliche Arbeitstage in diesem Jahr zurück; echtes Wachstum erwartet der Verband also kaum. Die Bundesregierung rechnet offiziell mit einem Wachstum von 1,1 Prozent.

Immer weniger Investitionen

Besorgniserregend ist aus Sicht, des DIHK, dass sich zur aktuellen Konjunkturschwäche auch strukturelle Herausforderungen gesellen, wie zum Beispiel die E-Mobilität, die Digitalisierung, die Energiewende und der Fachkräftemangel. Und auch hier bereitet die Politik den Unternehmern eher Sorge als ein beruhigendes Gefühl. In der Umfrage gaben 46 Prozent der 26.000 befragten Betriebe den Faktor „Wirtschaftspolitische Rahmenbedingungen“ als Risiko für die eigene geschäftliche Entwicklung an. Auch das ist der höchste Wert, den das DIHK je gemessen hat.

Lichtblicke gibt es der Umfrage zufolge in den Bereichen Hochtechnologie, bei Pharma und IT-Dienstleistern. Auch die Binnenkonjunktur stütze die Wirtschaft nach wie vor. Doch insgesamt fehle es an Impulsen - daraus resultiert aus Sicht des DIHK der besorgniserregende Trend, Investitionen zurückzufahren.

Während Anfang 2018 noch 39 Prozent der Industriebetriebe mehr investieren wollten, sind es aktuell nur noch 26 Prozent. Im gleichen Zeitraum hat sich die Zahl der Industrieunternehmen, die weniger investieren wollen, auf 27 Prozent mehr als verdoppelt. Ein großer Teil der politischen Unsicherheit geht allerdings auf Faktoren wie den Handelsstreit, den Brexit und das Coronavirus zurück - Aspekte, bei denen die ordnungspolitische Macht der Bundespolitik an ihre Grenzen kommt.

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