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Alles auf Grün. Zwischen Ruppiner See und Stadtmauer soll ein neues Stadtviertel entstehen. Die Satzung für den entsprechenden Bebauungsplan wurde Mitte des Jahres beschlossen. An die 250 Wohnungen sollen im Bereich des Seetorviertels gebaut werden.
©  REG/Petruschke/Juhre

Wohnen im Umland: „Bauland für 35 000 Einwohner“

Neuruppin wächst und will weiter wachsen: Bis 2035 sollen rund 1300 neue Wohnungen gebaut werden. Bürgermeister Golde freut sich auf junge Familien.

Von Reinhart Bünger

Neuruppins Bürgermeister Jens-Peter Golde (Pro Ruppin) blickt weit voraus. „Der Flächennutzungsplan der Fontanestadt Neuruppin weist Flächen für Bauland für bis zu 35 000 Einwohner*innen auf. Darin ist zu erkennen, dass wir schon vorsorglich und rechtzeitig in planerische „Vorleistung“ getreten sind“, sagt er dem Tagesspiegel und freut sich auf seine Wiederwahl, die für den morgigen Sonntag vorgesehen ist. Wenn es denn so kommt. Golde tritt zum dritten Mal an. Er hatte 2019 als Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Städtekranz mit dem Spruch „Kommt Zug, kommt der Zuzug“ Furore gemacht. Damit forderten die Brandenburger Städte außerhalb des Speckgürtels von der Landesregierung einen schnelleren Ausbau der Verkehrsverbindungen. Golde kann sich nun freuen. „Ab 2024 soll die Fontanestadt einen Halbstundentakt in Richtung Hennigsdorf erhalten.“

Während im Ruppiner Land die Bevölkerung rückläufig ist, wächst Neuruppin. Umlandwanderung und Ausweichstädte verlagern die Knappheit in den Metropolen ins Umland und darüber hinaus. Das ist nicht nur in Berlin und in den sogenannten Städten in der zweiten Reihe des Siedlungsstern so. „Engpässe gibt es jetzt vermehrt außerhalb der Schwarmstädte. Dort steigen – von niedrigerem Niveau aus – die Mieten und Kaufpreise jetzt am schnellsten“, sagt Reiner Braun, Vorstand des unabhängigen Marktforschungsinstituts empirica (Berlin) mit Blick auf das dritte Quartal dieses Jahres. Noch sind die Preise moderat. Nach einer Studie der Landesbausparkassen (LBS) werden in Neuruppin aktuell für ein gebrauchtes Einfamilienhaus durchschnittlich 180 000 Euro aufgerufen, Reihenhäuser aus zweiter Hand sind für 130 000 Euro zu haben.

Neuruppin ist eine "Einpendlerstadt"

Grundsätzlich sei man gut aufgestellt, findet Jens-Peter Golde. „Die Stadt Neuruppin hat eine hervorragende ausbaufähige Infrastruktur in den verschiedenen Lebensbereichen. Unsere Neuruppin-Strategie 2030 berücksichtigt das Wachstum der Stadt von Bildung über Verkehr bis hin zur klimaneutralen Mobilität.“ Golde unterscheidet sich von anderen Bürgermeistern im Berliner Umland. Hier freut sich nicht jeder Gemeindechef über Zuzügler aus Berlin. Ganz anders dagegen Golde, dessen Auto am 20. Oktober von Unbekannten in Brand gesteckt worden war. Dem ging ein Drohschreiben voraus, über dessen Inhalt nichts bekannt wurde. Der polizeiliche Staatsschutz ermittelt zu den Hintergründen. „Natürlich freuen wir uns immer über Zuzug“, sagt Golde, „besonders wenn es Familien sind, die unsere Stadt jünger werden lassen. Mir ist es außerdem ein wichtiges Anliegen, dass wir den Zuzug auch in Verbindung mit der Sicherung von notwendigen Fachkräften denken. Was haben wir neben einer attraktiven Altstadt, einer umfassenden Bildungs- und Kulturlandschaft, diversen wunderschönen Seen, engagierten Unternehmen und Bürger*innen und sicheren Arbeitsplätzen zu bieten? Eine fortschrittliche, weltoffene Stadt.“

Es ziehen seit Jahren mehr Berliner nach Neuruppin als umgekehrt.
Es ziehen seit Jahren mehr Berliner nach Neuruppin als umgekehrt.
© Rita Böttcher

Neuruppin ist eine „Einpendlerstadt“: 7490 Einpendler, davon sechzig Prozent aus dem Umland/dem Landkreis Ostprignitz-Ruppin (OPR) verzeichnet die Stadtverwaltung. Dem stehen 4400 Auspendler gegenüber. 80 Kilometer liegt Neuruppin von Berlin entfernt, direkt an der A 24. Mit dem Auto ist Neuruppin von Berlin aus bestens zu erreichen. Die Havellandautobahn – die A10 und A24 zwischen dem Dreieck Pankow und der Anschlussstelle Neuruppin – gehört zu den meistbefahrenen Strecken der Hauptstadtregion. Sie hat eine Länge von 65 Kilometern, davon werden 60 Kilometer seit 2018 ausgebaut. Unter anderem wird die A10 auf sechs Fahrstreifen erweitert. Bis 2022 soll der Ausbau abgeschlossen sein. Ein langer Arbeitsweg kostet allerdings Zeit und Geld. Denn ein Zweitwagen oder Tickets für öffentliche Verkehrsmittel sind ebenfalls einzuplanen.

Neuruppins Bürgermeister Jens- Peter Golde. Brandenburgs Fontanestadt Neuruppin geht bei der Wahl des neuen Bürgermeisters in eine Stichwahl. Am 8. November 2020 holte der bisherige Bürgermeister Jens-Peter Golde (Pro Ruppin) nach dem vorläufigen Endergebnis mit 39,6 Prozent zwar die meisten Stimmen, wie die Stadt am Abend mitteilte. Das reichte aber nicht für die erforderliche Mehrheit, deshalb muss er am 29. November voraussichtlich mit Nico Ruhle (SPD) in die Stichwahl. Auf Ruhle entfielen nach dem vorläufigen Endergebnis 21,9 Prozent der Stimmen.
Neuruppins Bürgermeister Jens- Peter Golde. Brandenburgs Fontanestadt Neuruppin geht bei der Wahl des neuen Bürgermeisters in eine Stichwahl. Am 8. November 2020 holte der bisherige Bürgermeister Jens-Peter Golde (Pro Ruppin) nach dem vorläufigen Endergebnis mit 39,6 Prozent zwar die meisten Stimmen, wie die Stadt am Abend mitteilte. Das reichte aber nicht für die erforderliche Mehrheit, deshalb muss er am 29. November voraussichtlich mit Nico Ruhle (SPD) in die Stichwahl. Auf Ruhle entfielen nach dem vorläufigen Endergebnis 21,9 Prozent der Stimmen.
© Henry Mundt/Stadt Neuruppin

„Hier verkauft im Moment niemand unter Wert. Die Preise sind im Zehn-Jahres-Vergleich deutlich angezogen“, sagt Henry Zunke, Vorsitzender des Gutachterausschusses für Grundstückswerte im Landkreis Ostprignitz-Ruppin. „Die Baulandpreise für den privaten Wohnungsbau bewegen sich in Neuruppin lageabhängig zwischen knapp unter 100 und 300 Euro je Quadratmeter. Man muss aber dazu sagen, dass das Angebot an Baulandparzellen in Neuruppin allgemein schon gering ist und in den sehr interessanten Lagen quasi nicht existiert.“

Neuruppin möchte keine Vorort von Berlin werden

Das allerdings soll sich ändern. Auf dem Gelände der ehemaligen Poliklinik sollen bis 2024 im Zuge vom Um- und Neubau mehr als 250 Wohnungen entstehen. Sie sollen mit Gewerbeeinheiten und einem Dach-Restaurant „zu einer parkähnlichen Anlage verschmelzen“, wie die Märkische Zeitung erfreut notierte. Neuruppin will bis 2035 insgesamt etwa 1300 neue Wohnungen bauen. Zwischen der Westachse der Stadt und dem derzeitigen Stadtrand gibt es zirka 14 Hektar Platz für den Wohnungsbau; das Gelände ist allerdings durch die vorangegangene militärische Nutzung vorbelastet. „Aufgrund des niedrigen Bauzinses und der positiven Bevölkerungsprognosen sind die Akteure auf diesem Markt aktuell deutlich aktiver geworden als in der Vergangenheit“, sagt Bürgermeister Golde. Er legt Wert darauf, kein Vorort von Berlin zu werden. „Wir sind eine Stadt in der zweiten Reihe, mit allen Vor- und Nachteilen. Das Wachstum in Neuruppin erfolgt moderat und soll auf nachhaltiger Grundlage fußen“, sagt der Kommunalpolitiker. Die angestrebten Neubauzahlen seien für eine 31000 Einwohner große Kommune eine nicht unerhebliche Größenordnung, gibt Golde zu bedenken: „Sie müssen sich vorstellen, dass bis vor wenigen Jahren die Prognosen für die Bevölkerungsentwicklung deutlich zurückhaltender waren.“ Man habe den Anspruch, die zukünftige Wohnbauentwicklung noch stärker als bisher unter qualitativen und sozialen Aspekten zu betrachten.

Unter diesen Vorzeichen sind steigende Immobilienpreise die Folge und eine erneute Verlagerung des Marktgeschehens. „Durch die Angebotsknappheit und die in den vergangenen Jahren gestiegenen Preise, ist eine deutliche Verlagerung der Eigenheimbauaktivitäten in die umliegenden Ortsteile und Dörfer zu beobachten“, sagt Gutachter Zunke, zugleich Amtsleiter des Kataster- und Vermessungsamtes Neuruppin. Er sieht die Preise für Eigentumswohnungen beim Erstverkauf bei durchschnittlich bei 2600 Euro pro Quadratmeter. Gebrauchte Eigentumswohnungen würden für durchschnittlich 1800 Euro pro Quadratmeter gehandelt. „Die Spanne ist hier natürlich abhängig von Lage und Qualität ebenfalls sehr groß.“ Käufer in Berlin zahlen inzwischen durchschnittlich 4166 Euro für den Quadratmeter Wohneigentum, hat eine Studie der Postbank ermittelt.

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