Das Projekt "Kleiburg" in Amsterdam : Die Burg der Zukunft

Ein sanierter Riesenwohnblock in Amsterdams Problembezirk gewinnt den Mies-van-der-Rohe-Preis.

Die Kleiburg ist ein 400 Meter langer Riegel. Im Zuge der Sanierung wurde die Erdgeschosszone völlig neu gestaltet.
Die Kleiburg ist ein 400 Meter langer Riegel. Im Zuge der Sanierung wurde die Erdgeschosszone völlig neu gestaltet.Foto: Bernhard Schulz

Hochgewachsene Bäume mit vollen Kronen säumen stille Gewässer. Weniger still ist der hellblaue Herbsthimmel, über den im Minutentakt Verkehrsflugzeuge Richtung Schiphol ziehen, im gebremsten Tempo des Landeanflugs. Bijlmermeer, der Vorort im Südosten Amsterdams, liegt in der Einflugschneise; das war, als der Stadtteil in den sechziger Jahren auf dem Reißbrett entworfen wurde, in seinen Auswirkungen noch nicht zu ermessen.

Als dann zwischen 1969 und 1971 die endlos langen, mehrfach in Winkeln von 45 Grad geknickten und zu fast vollständigen, sechseckigen Waben verbundenen Wohnriegel mit ihren elf Stockwerken hochgezogen wurden, galt Bijlmermeer als Alternative zu den engen und vielfach übervölkerten Stadtteilen des „alten“ Amsterdam.

Die Metroverbindung kam zu spät, um das Quartier attraktiv zu machen

Doch die angestrebte Idylle von Licht, Luft, Sonne weit vor der Stadt hielt nicht lange; zunächst fanden sich längst nicht genügend Amsterdamer, die hier herausziehen wollten, dann kam es zu der in Trabantenstädten üblichen Belegung mit sozial schwachen Mietern, vor allem als 1975 Tausende Flüchtlinge aus den ehemaligen niederländischen Molukken in Ost-Indonesien einquartiert wurden. Bijlmermeer hatte sein Negativimage als Problemgegend weg.

Die inzwischen vorhandene Metroverbindung, die den Weg in die Innenstadt Amsterdams zu einer Sache von Minuten macht, kam zu spät, um das Quartier attraktiv zu machen. Die Stadt suchte den Ausweg in radikalen Maßnahmen: Rückbau, Abriss einiger der allzu vielen, allzu eng gesetzten Wohnriegel; stattdessen Zeilen mit typischen zweigeschossigen Reihenhäuschen, um besser gestellte Mieter im Quartier zu halten, sowie Nachverdichtung an ausgewählten Stellen, um die Infrastruktur mit Einkaufs- und Unterhaltungsangeboten zu verbessern.

Und: Sanierung des erhalten gebliebenen Bestandes. Nun ist der Vorbildbau dieser Strategie, der – immer noch 400 Meter lange – „Rest“ eines S-förmigen Riegels mit Namen „Kleiburg“ mit dem Mies-van-der-Rohe- Award ausgezeichnet worden. Der „Preis der EU für für zeitgenössische Architektur“ – so der offizielle Titel – wird alle zwei Jahre von der Mies-Stiftung in Barcelona ausgeschrieben und hatte diesmal „Wohnen“ zum Thema.

Anstelle von Abstellkammern sind verglaste Räume für Büros entstanden

Von außen ist bei der „Kleiburg“ an Verbesserungen nicht viel zu erkennen – außer dass der gesamte Riegel vollkommen intakt ist und keinerlei Eingriffe von Mieterseite zeigt, wie etwa „wilde“ Schließungen der offenen, im Übrigen über die gesamte Gebäudelänge durchgehenden Balkone. Tatsächlich wurde die Erdgeschosszone völlig neu gestaltet. Anstelle der ursprünglichen Abstellkammern, die längs einer inneren Erschließungsstraße angeordnet waren und das Gebäude auf Fußgängerhöhe abgeriegelt hatten, sind jetzt voll verglaste Räume entstanden, die für allerlei Nutzungen zur Verfügung stehen, vom kleinen Büro bis zum Kinderladen.

Weite Durchgänge lassen an mehreren Stellen den Wechsel auf die andere Gebäudeseite zu. Ferner sind die nachträglich angebrachten, außen an die „Gelenke“ des Gebäudes gesetzten Aufzüge entfernt und im Inneren neu errichtet worden. So sind die horizontalen Wege, die „Straßen des Gebäudes“, nicht nur durchgängig benutzbar, sondern funktionieren sinnvoll als Haupterschließungen für horizontalen wie vertikalen Verkehr.

Die Bewohner konnten die Apartments selbst ausbauen

Die wichtigste Veränderung allerdings bleibt dem Zufallsbesucher verschlossen: Es sind die Wohnungen selbst, die an die Mieter wie auch Interessenten von außerhalb zum Spottpreis von 1200 Euro je Quadratmeter veräußert worden sind, nachdem der gesamte Block aus der Masse des Bijlmermeer-Bestandes herausgelöst und zum Symbolpreis von einem Euro an ein Konsortium unter Führung des Projektentwicklers KondorWessels Vastgoed veräußert worden war. Der ließ die Sanierung der Gebäudehülle durch die Arbeitsgemeinschaft von NL Architects und XVW architectuur planen.

Die individuellen Eigentümer – Spekulationskäufe wurden durch Vorkaufsrecht sowie Vergabe von jeweils nur einer Wohneinheit pro Interessent ausgeschlossen – konnten ihre 50 und 150 Quadratmeter messenden Wohnungen nach dem in Holland beliebten Modell des „Klusflat“ umgestalten, des Rohbaus zum Selberausbauen. Von außen sind dem Riegel die unterschiedlichen Wohnungsgrößen nicht anzusehen, denn alle Geschosse sind einheitlich mit durchgehenden Balkonen versehen, gegliedert durch die normierten Fenster- oder Jochbreiten.

Bijlmermeer ist dabei, ein selbstverständlicher Teil Amsterdams zu werden

Die Jury des Mies-van-der-Rohe-Preises 2017 schrieb in der Begründung, Kleiburg helfe, „eine neue Art von Architektur vorzustellen, die auf sich wandelnde Haushaltsformen und Lebensstile im 21. Jahrhundert reagiert“. Keine spektakuläre Begründung, sondern eine, die auf möglichst viele der in den siebziger Jahren in ganz Europa hochgezogenen Wohnmaschinen zutreffen sollte, wenn sich ihre Träger nur zur Sanierung und vor allem zur Mieter- respektive Eigentümerbeteiligung entschließen könnten. Bewohner, die sich ihre Wohnung nach eigenen Vorstellungen gestalten können, sind zufriedene Bewohner – das Fundament eines funktionierenden Quartiers.

Inzwischen wandelt man durch Bijlmermeer mit dem Gefühl, der vormalige Problembezirk sei dabei, tatsächlich ein selbstverständlicher Teil der rapide wachsenden Stadt Amsterdam zu werden. Die Flugzeuge, die so eindrucksvoll über den Bezirk hinweg zur Landung ansetzen, symbolisieren Amsterdams Ur-Eigenschaft: die Offenheit in alle Welt.

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